Union und SPD wollen "Deutschland wieder flott kriegen" Das Reformpaket umfasst 34 Punkte. Es geht um Steuern, Arbeit und Entbürokratisierung. Die Regeln für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollen härter werden - das betrifft auch den Krankheitsfall.
Noch sind das nur Reformpläne der Bundesregierung - bislang liegt kein formeller Gesetzentwurf vor. Die Regierung muss ihre Vorschläge also erst einmal in einen solchen Gesetzentwurf gießen und diesen offiziell in das parlamentarische Verfahren einbringen. Dann beginnt der eigentliche Gesetzgebungsprozess im Bundestag mit Lesungen und der Beteiligung des Bundesrates. Es ist also auf keinen Fall sicher, dass die Reformpläne genau so umgesetzt werden.
Was ist bisher geplant, was sagen Betroffene und Experten? Hier gibt es den Überblick.
Johannes Pöttering im Interview zu den Reformvorschlägen
Bildquelle: WDRWDR. 02.07.2026. 06:42 Min.. Verfügbar bis 01.07.2028. WDR Online.
- Was soll sich im Krankheitsfall ändern?
- Was ist die AU-Bescheinigung?
- Warum soll die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden?
- Was wird aus der Online-Krankschreibung per Videosprechstunde?
- Was sagen Hausärzte zum geplanten Wegfall der telefonischen Krankschreibung?
- Was sagen Arbeitnehmer in NRW zu den Plänen?
- Was sagen Arbeitgeber in NRW zur geplanten Neuregelung?
- Soll es Ausnahmen von den strengeren Regeln geben?
Was soll sich im Krankheitsfall ändern?
Die schwarz-rote Koalition hat sich darauf verständigt, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Außerdem soll ein Arzt-Attest künftig ab dem ersten Krankheitstag Pflicht werden. Zudem soll die "unrichtige Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung" (AU) stärker bestraft werden.
Was ist die AU-Bescheinigung?
Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist der Nachweis, dass man aufgrund einer Krankheit nicht in der Lage ist, einer Arbeit nachzugehen. Sie ist Voraussetzung für die gesetzliche Lohnfortzahlung.
Bislang mussten Beschäftigte eine ärztliche Bescheinigung oft erst später nachreichen, häufig ab dem dritten Krankheitstag. Zwar kann der Arbeitgeber auch jetzt schon ein Attest ab dem ersten Krankheitstag einfordern, doch das war in der Praxis häufig nicht der Fall.
Warum soll die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden?
Die telefonische AU war ursprünglich eingeführt worden, um Arztpraxen zu entlasten und unnötige Kontakte bei ansteckenden Erkrankungen zu vermeiden. Eingeführt zu Corona-Zeiten als Sonderregelung und später immer wieder verlängert, hatten Arbeitgeber sie als Einfallstor für Missbrauch identifiziert und ihre Abschaffung gefordert. Mit der verschärften Nachweispflicht hofft man, Fehlzeiten stärker zu begrenzen.
Was wird aus der Online-Krankschreibung per Videosprechstunde?
Zur Videosprechstunde ist im Papier des Reformpakets nichts zu finden. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sagte der "Rheinischen Post": Es müsse sichergestellt werden, dass digitale Möglichkeiten wie Videosprechstunden mit dem behandelnden Hausarzt weiterhin möglich seien und verstärkt genutzt würden.
"Hier werden wir entsprechend des Koalitionsvertrags eine Regelung schaffen, die Missbrauch unterbindet und gleichzeitig dem Ziel folgt, für den Einstieg in die Versorgung deutlich stärker auf Digitalisierung zu setzen", sagte Warken der Düsseldorfer Zeitung.
Bei einer Videosprechstunde kann ein Arzt oder eine Ärztin online eine Krankschreibung über einen kurzen Zeitraum ausstellen. Das kann zum Beispiel der Hausarzt sein, bei dem man schon lange in Behandlung ist. Es geht aber auch anders: Patient und Arzt müssen zuvor nie Kontakt gehabt haben. Vermittelt werden solche Videosprechstunden über Apps wie Teleclinic oder die TK-Doc App der Techniker Krankenkasse, die mit Teleclinic kooperiert.
Laut dem Hausärztinnen- und Hausärzteverband herrscht allerdings im Bereich der Videosprechstunden-Anbieter "Wildwuchs". "Einzelne Anbieter werben da teils aggressiv mit unkomplizierten und schnellen Krankschreibungen", so die Bundesvorsitzende des Verbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth. "Wenn irgendwo großes Missbrauchspotenzial liegt, dann bei anonymen Plattformen, die damit Profit machen und ihre Kunden nicht einmal kennen."
Was sagen Hausärzte zum geplanten Wegfall der telefonischen Krankschreibung?
Die Krankmeldung beim Arbeitgeber muss schnell erfolgen, das gilt auch heute schon. Am Morgen des Krankheitstages muss der Arbeitgeber unterrichtet werden. Wenn man nicht nachweist, dass man krank ist, kann der Arbeitgeber den Lohn kürzen. "Wer nichts unternimmt, riskiert eine Abmahnung, im Extremfall eine Kündigung", warnt Arbeitsrechtler Arndt Kempgens.
In Zukunft müsste man dann im Anschluss direkt zum Arzt, wenn eine AU ab dem ersten Tag Pflicht wird. Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis - dazu verpflichtet das Primärarztgesetz. Was heißt das für den Alltag von Hausärztinnen und -ärzten?
"Angesichts der hohen Zahl an Krankmeldungen ist es nachvollziehbar, dass die Politik einen Filter vorschieben will", meint Manfred Imbert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Nordrhein. "Doch für uns Hausärzte war die telefonische Krankschreibung eine Erleichterung. Der demnächst zu erwartende Mehraufwand durch Patienten in der Praxis wird schwer zu schaffen sein. Wir ticken auch so am Limit - und wie soll das erst werden, wenn demnächst jeder dritte Arzt in Rente geht?"
Was sagen Arbeitnehmer in NRW zu den Plänen?
In Ahlen gehen die Meinungen zur Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag auseinander. Iris Kläsener kennt diese Pflicht aus ihrer Firma bereits, sieht sie aber trotzdem kritisch: Wer wirklich krank im Bett liege, erreiche nicht immer sofort eine Arztpraxis.
Ähnlich sieht es Hamza Ayata aus Ahlen, der in der Pflege arbeitet. Nicht jede Erkältung müsse direkt im Wartezimmer landen, sagt er. Zustimmung kommt dagegen von Mohammed Kasha, der im Einzelhandel arbeitet: Er sieht bei Krankschreibungen bislang Missbrauchsgefahr.
So sehen Arbeitnehmer die Reform-Pläne
Wir haben in Ahlen Meinungen zur geplanten Reform der Krankschreibung eingeholt.
Für Iris Kläsener wäre eine Krankmeldung ab dem ersten Tag nichts Neues: In ihrer Firma im Einzelhandel ist das schon lange üblich. Trotzdem sieht sie die Regel kritisch, wenn jemand wirklich flachliegt und kaum eine Arztpraxis erreicht. Ihrer Meinung nach sollte ein Nachweis am zweiten oder dritten Tag reichen, wenn der Arbeitgeber zunächst informiert ist.
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Was sagen Arbeitgeber in NRW zur geplanten Neuregelung?
Johannes Pöttering, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Metall- und Elektro-Industrie Nordrhein-Westfalen, sagte dem WDR, er begrüße den Wegfall der telefonischen Krankschreibung und die Attestpflicht ab dem ersten Tag: "Die Bundesregierung erkennt erstmals an, dass die im internationalen Vergleich wirklich überdurchschnittlich hohen Krankentage in Deutschland ein wirkliches Problem für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts sind," so Pöttering.
In Deutschland gebe es den höchsten Arbeitsschutz und die besten Arbeitsbedingungen im europäischen Vergleich, "aber eben auch die höchsten Ausfalltage. Pauschalisierungen sind zwar fehl am Platz, aber sich krankzuschreiben war einfach zu leicht." Wenn man wirklich krank sei, könne man sich ja dann auch mit Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung krankschreiben lassen.
Soll es Ausnahmen von den strengeren Regeln geben?
Bundeskanzler Merz betont, die Neuregelung sei eine harte Entscheidung gewesen. Doch Betriebe könnten von der neuen Regelung abweichen: Ausnahmen auf Betriebsebene durch Einzelvereinbarungen, Betriebsvereinbarungen oder Tarifverträge sollen demnach weiterhin möglich bleiben.
Unsere Quellen:
- Programm für Aufschwung und Beschäftigung der Bundesregierung
- Dr. Manfred Imbert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Nordrhein e.V.
- WDR-Gespräch mit Johannes Pöttering, Hauptgeschäftsführer Metall NRW
- Arndt Kempgens, Arbeitsrechtler und Rechtsanwalt
Sendung: WDR5, Das Wirtschaftsmagazin, 02.07.2026, 13.34 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 03.07.2026, 18:45 Uhr
Erstveröffentlichung des Artikels am 02.07.2026
Kommentare zum Thema
Der kleinste gemeinsame Regierungsnenner ist die arbeitenden Menschen mit unsinnigen Regeln zu gängeln. Das ist erbärmlich. Vielleicht sollte mal die Einnahmenseite betrachtet werden und z. B. mehr Finanzbeamte und Ermittler eingestellt werden. CumEx und CumCum lassen sonst unter neuem Namen zu Lasten der Steuerzahlenden grüßen.
Betrachten wir es doch einmal andersherum: Offenbar müssen viele Menschen dazu gezwungen werden, vernünftig mit ihrer Gesundheit umzugehen. Sie schleppen sich nach einem oder zwei Tagen Ausruhen immer noch halb krank zur Arbeit, anstatt sich auszukurieren. Das Gesundheitssystem wird nicht besser, sondern Stück für Stück zurückgefahren. Wir müssen auf uns selbst achten! Und die neue Reform hilft uns dabei. Ein fachkundiger Mensch (Arzt) beurteilt unseren Zustand und handelt danach. Vielleicht entwickeln wir so wieder ein Gefühl dafür, was uns wirklich gut tut. Spoiler: Das wird vermutlich den gegenteiligen Effekt dessen haben, was Herr Merz bezweckt hat, aber vielleicht ist er einfach nur der verzweifelte Vater, der den Kindern den wahren Zweck seiner Erziehung nicht erklärt. (Ironie off)
Achja, weniger als 2 von 100 Krankschreibungen erfolgen telefonisch. Gut das wir 20 Millionen € an Gehältern für diese Maßnahmen verbraten, die nur dazu führen, dass noch mehr Leute sich anstecken und nicht ordentlich auskurieren können.