Psychotherapeuten warnen vor Gesundheitsreform-Folgen
Bildquelle: picture alliance / Zoonar / Sirijit JongcharoenkulchaiAktuelle Stunde . 22.07.2026. 20:07 Min.. Verfügbar bis 22.07.2028. WDR. Von Mathea Schülke.
Schon seit Wochen protestieren Psychotherapeuten gegen eine Kürzung ihrer Honorare, die mit dem neuen Sparpaket für die gesetzliche Krankenversicherung kommen sollen. Geplant ist, dass psychotherapeutische Leistungen künftig budgetiert werden sollen. Das heißt: Die Krankenkassen übernehmen nur noch begrenzte Leistungen. Die Folge, so fürchten viele Therapeuten: Es wird weniger Therapiestunden und -plätze für gesetzlich Versicherte geben.
Das "Aktionsbündnis Psychotherapie" hat am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf auf die Dramatik der Situation aufmerksam gemacht. Diesem Bündnis haben sich mittlerweile mehr als 6.500 Therapeuten und solche, die es werden wollen, zusammengeschlossen.
Die Zahl derjenigen, die nach einem Therapieplatz suchen, sei spätestens seit der Corona-Pandemie stark gestiegen, sagte Vorstandsvorsitzende Ronja Nippert. "Steigende Lebenshaltungskosten, zunehmende Armut, eine durch Klimawandel, Rechtsruck und Kriege unsichere Zukunft" sorge bei vielen Menschen für große Verunsicherung und Angst.
Bis zu eineinhalb Jahren Wartezeit
Doch während der Bedarf an psychotherapeutischer Hilfe zugenommen hat, soll die Arbeit der Psychotherapeuten durch die Reform der Krankenkassen nur noch begrenzt bezahlt werden. So sei ihre Arbeit nicht mehr finanzierbar, sagt Nippert. Zwei Drittel der niedergelassenen Psychotherapeuten überlegten, ihre Praxis zu schließen - das habe eine Umfrage unter den Mitgliedern des Aktionsbündnisses ergeben.
Verunsichert durch die angekündigten Sparpläne der Bundesregierung, würden jetzt schon die Hälfte ihrer Kollegen niemanden mehr einstellen. Die Reform werde zu einer massiven Reduktion von Therapieplätzen für gesetzlich Versicherte führen, künftig müssten Bedürftige bis zu eineinhalb Jahren Wartezeit rechnen.
Platzt der Berufstraum gerade?
Die Reform verunsichert nicht nur die bereits selbstständigen, sondern auch viele angehende Psychotherapeuten. Einer von ihnen ist David Krappen. Nach seinem Psychologiestudium ist er jetzt im vierten Ausbildungsjahr an einem Institut für Verhaltenstherapie in Bonn. 25.000 Euro hat der 34-Jährige über die Jahre in seine Ausbildung zum Psychotherapeuten investiert - jetzt sieht seinen großen Berufstraum gerade platzen.
"Viele wollen Kassensitz abgeben"
Demnächst nur noch privat?
Bildquelle: Arno Burgi/ picture-alliance/ ZB"Mein Wunsch war immer, mit einem Kassensitz in einer psychotherapeutischen Praxis zu arbeiten", sagt er. "Jetzt muss ich davon ausgehen, dass sich das so nicht mehr rechnen wird." Von bereits fertigen Kolleginnen und Kollegen höre er, dass die Einnahmen nach den geplanten Kürzungen die Fixkosten nicht mehr decken könnten. Viele überlegten jetzt, ihren Kassensitz abzugeben und Therapie nur noch für Privatpatienten und Selbstzahler anzubieten.
Besonders einschneidend, sagt Krappen, würden die geplanten Honorarkürzungen und die Abschaffung der Mindestvergütung sein. Das bedeutet: Ab einer gewissen Dauer der Therapie wollen die Kassen pro Patient immer weniger für eine Sitzung zahlen. Ab wann und wie, das stehe zwar noch in den Sternen, aber klar sei: Therapeuten stünden dann unter Druck, die Therapie nach zehn oder zwanzig Sitzungen, "wenn man gerade eine gute professionelle Beziehung zu den Patienten aufgebaut hat", zu beenden.
Weniger Zeit für effektive Therapie
"Enttäuscht und traurig": David Krappen
Bildquelle: privat"Gerade bei Persönlichkeitsstörungen aber braucht es Zeit, an Themen heranzukommen, die die Menschen vielleicht ein Leben lang vermieden haben, unter denen sie aber unterbewusst sehr leiden." Dann, fürchtet der angehenden Therapeut, wäre man dazu gedrängt, zu sagen: "Wir schließen früher ab und nehmen dann neue Patienten auf." Es bliebe weniger Zeit für therapeutische Prozesse.
Für Patienten bedeute das, dass sie noch länger auf Therapieplätze warten müssten. Und dass, wenn sie einen Platz bekommen haben, die Therapie gar nicht lange genug dauern könnte, um wirklich Effekte zu erzielen.
"Für Patienten bedeutet das vor allem, sich im Stich gelassen zu fühlen." David Krappen, Psychotherapeut in Ausbildung
Krappen arbeitet nebenbei noch in der Kinder- und Jugendhilfe. "Da werde ich wahrscheinlich erstmal weiterarbeiten", sagt er. Eventuell müsse er sich mit dem Gedanken anfreunden, nur privat abzurechnen. "Es war ethisch aber nie mein Ansatz, Therapeut für Besservedienende zu werden, die sich in der Woche 80 bis 100 Euro leisten können für ein Therapiegespräch", sagt er konsterniert.
"Ich bin enttäuscht, es macht mich traurig." In der Ausbildung behandelt er bereits Patienten, da erlebe er, "was diese Arbeit leisten kann".
Geplante Ausbildung steht in den Sternen
Traum von der Psychotherapeutin: Laura Stubbe
Bildquelle: David PartonAuch für Laura Stubbe ist die Ankündigung der Krankenkassenreform eine Riesenenttäuschung. Sie macht gerade ihren Master im Psychologiestudium und wollte dann eigentlich die mehrjährige Therapeutenausbildung beginnen. Ob sie die überhaupt noch finanzieren kann, wisse sie im Moment gar nicht. "Gerade fühlt es sich so an , als hätte die Psychotherapie in Deutschland gar keine Zukunft mehr."
Dabei war es ihr Traum, Psychotherapeutin zu werden. Dass sie für die Ausbildung rund 25.000 Euro kalkulieren muss, war der 26-Jährigen klar. Aber dass ihr Stundenlohn während der Ausbildung nach der Reform bei 6,95 Euro liegen soll, ist jetzt neu für sie. Der Plan, sich irgendwann einen Kassensitz zu kaufen, sei inzwischen "ganz fern der Realität".
"Ich habe Angst, nach der Ausbildung auf einem riesigen Schuldenberg zu sitzen, aus dem ich nicht mehr rauskomme." Laura Stubbe, Psychologiestudentin
Honorar wurde bereits gekürzt
Laut Bundesagentur für Arbeit verdienen Psychotherapeuten derzeit im Schnitt 4.800 Euro im Monat. Im Vergleich mit anderen Heilberufen liegen Psychotherapeuten beim Einkommen ganz am unteren Rand.
Pro Sitzung berechne man bislang etwa 120 Euro brutto, sagt Charleen Henn vom Aktionsbündnis. Zu etwa 25 Sitzungen kämen 15 Stunden für Vor- und Nachbereitung, Telefonate, Fortbildung und Supervision. "Von 120 Euro brutto bleiben etwa 50 übrig", so Henn. "Und alle zahlen Schulden ab, die durch Ausbildung und Kauf eines Kassensitzes entstanden sind."
Dabei sei die Aufgabe der Psychotherapie, die Resilienz einer Gesellschaft zu stärken, sagt Henn: Menschen würden lernen, mit Problemen umzugehen, ihre Gefühle zu überprüfen. Für den Staat bedeute eine schlechtere Bezahlung der Psychotherapie am Ende viel höhere Kosten: Psychische Erkrankungen machten mittlerweile 40 Prozent der Gründe für Frühverrentungen aus. "Wer in die Klinik gehen muss, kostet das System viel mehr als eine ambulante Psychotherapie."
"Bundesregierung muss nachbessern"
Von der Bundesregierung erhofft sich das Aktionsbündnis nun dringend Nachbesserungen. Man schließe sich dabei der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung an: Der Zugang zur Behandlung müsse entbudgetiert werden. Dazu gehöre die Sprechstunde, Akutbehandlung, Gruppentherapie, Einzeltherapie als Kurzzeitform. Auch Langzeittherapien sollten entbudgetiert bleiben "da, wo sie dringend erforderlich sind".
Vor Monaten hatten Psychotherapeuten bereits schon einmal gegen eine Honorarkürzung demonstriert: Seit dem 1. April sollen die Krankenkassen 4,5 Prozent weniger für psychotherapeutische Behandlungen bezahlen.
Dagegen hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung allerdings geklagt, worauf das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg die geplante Absenkung vorläufig ausgesetzt hat. Wann das Gericht im endgültig entscheidet, steht noch nicht fest.
Unsere Quellen:
- Pressekonferenz des Aktionsbündnisses Psychotherapie am 22.07.26
- Interview mit Auszubildendem David Krappen
- Interview mit Studentin Laura Stubbe
- Bundesagentur für Arbeit
- Kassenärztliche Bundesvereinigung
Sendung: WDR.de, Psychotherapeuten schlagen Alarm, 22.07.2026, 10:20 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 22.07.2026, 18:45 Uhr