Als Jungle 2013 zum ersten Mal aufgetaucht sind, waren sie ein Mysterium: Wer steckt hinter diesen funky Hit-Singles "Platoon" und "The Heat"? Die aufwendig produzierten und stilsicheren Videos suggerierten, dass es sich um ein ultracooles Kollektiv mit Soul Artists und Breakdancern handeln muss.
Heute weiß man, Jungle sind im Kern die beiden Londoner Schulfreunde und Produzenten Josh Lloyd-Watson und Tom McFarland, die nicht nur Freude am Beatbasteln, sondern auch am Erschaffen einer ganzheitlichen Bandvision haben. Und am Singen – die ersten drei Alben zierten die Kopfstimmen der beiden, die sich lange auch nur J und T nannten, um das Mysterium noch weiterzuspinnen. Für das neue, fünfte Album gibt es eine grundlegende Veränderung: Sängerin Lydia Kitto wurde als drittes festes Bandmitglied aufgenommen.
Neue Stimme bei Jungle
Lydia Kitto ist schon seit Album Nummer drei als Gastsängerin dabei, im Nachhinein darf "Loving in Stereo" als Übergangswerk bezeichnet werden, weil sich verschiedene Sängerinnen und Sänger das Mikro teilten. Seit dem vierten Album "Volcano" singt Lydia den Großteil der Songs und Josh und Tom singen gar nicht mehr, weil sie ihrer Meinung nach die ideale Stimme gefunden haben, die so klingt, wie sie es sich immer erträumt hatten.
Kitto war zuletzt auch Sängerin von Little Simz, nachdem diese sich mit ihrem Produzenten Inflo überworfen hatte und fortan auch nicht mehr mit dessen Frau Cleo Sol zusammenarbeiten wollte oder konnte, die Stimmfarben von Lydia Kitto und Cleo Sol sind sehr ähnlich. a
Folk Soul statt 80s Funk
Ob es mit Kitto einherging oder Zufall: "Volcano" war eine Art Neuanfang für Jungle. Auf seiner ewigen Reise in die goldenen Zeiten des Soul war das (damals noch) Duo noch tiefer vorgedrungen. Die funky 80er Jahre Sounds, die Anfang noch den Klang von Jungle ausmachten, wurden komplett über Bord geworfen. Laut Josh waren die eh nie sonderlich gewollt, sondern Mittel zum Zweck, weil 80er Jahre Drumcomputer anfangs der Karriere einfachere und vor allem günstigere Produktionsmöglichkeiten boten.
Inzwischen ist auch der 70er Jahre Soul mit seinen opulenten String Arrangements nicht mehr so sehr Teil der Jungle-DNA, wie er es lange Zeit war. Stattdessen ging es schon auf "Volcano" und jetzt auch wieder auf "Sunshine" in die 60er Jahre mit hippieskem Folk Soul: Songs wie "Where Are You Now?" und "Carry On" klingen organisch und voller Sehnsucht. Letzterer klingt wie die Fortführung des drei Jahre alten Überraschungshits "Back on 74".
Latin und Bossa Nova
Neu ist, wie sehr Jungle Latin Music und Bossa Nova in ihre Musik mit einbringen. "Come Back to Me" wird unterlegt von einem Soca-Rhythmus, auch "Natural" klingt karibisch, "Someday, Somewhere" beginnt mit dem Sound ähnlich dem einer Steel Drum.
Josh und Tom verehren Sergio Mendes, einen Übervater der Latin Music und der Bossa Nova. Und ein Bruder im Geiste: Auch Sergio Mendes ließ seine musikalischen Ideen von Stimmen anderer verwirklichen. Vor ziemlich genau zwei Jahren ist Mendes verstorben – vielleicht war dies Anlass für Jungle, sich noch mehr mit ihm zu befassen.
Club der Sehnsucht
Aber Jungle können auch immer noch Club-Musik: "Move Like You Do" und "The Wave" ziehen auf den Open Air Dancefloor im Strandurlaub, sie transportieren ein ähnliches sommerliches Disco Feeling wie French House Ende der 90er und sind hörbar davon inspiriert.
Überhaupt Sommer: Der (neben Retro) andere ewige Bezugspunkt von Jungle. All ihre Alben wurden im Sommer oder Spätsommer veröffentlicht. Viele Songs darauf fühlen sich an nach gleißender Mittagshitze. Allerdings, je länger es die Band gibt, sind diese in der Unterzahl gegenüber denen, die das melancholische Gefühl eines letzten Sommertags vermitteln. "Sunshine" ist der passende Soundtrack für den ausklingenden Sommer.