Vor dem Beginn der neuen Spielzeit in der Fußball-Bundesliga werden die Trainer der Klubs regelmäßig befragt, wen sie als kommenden deutschen Meister sehen. Bei der diesjährigen Umfrage der Deutschen Presse-Agentur sahen elf von 18 Trainern erneut den FC Bayern vorne, einer den VfB Stuttgart und sechs wollten sich nicht festlegen. Von keinem Trainer als Favorit genannt wurde: Borussia Dortmund.
Auf den ersten Blick verwunderlich, denn unter Trainer Niko Kovac wurde der BVB Vizemeister, mit der besten Defensive der Liga (34 Gegentore) und der besten Punkte-Ausbeute seit sieben Jahren (73). Die Antwort ist wohl: Kaum jemand traut dem BVB zu, die übermächtigen Bayern nach 34 Spieltagen hinter sich zu lassen. In der Vorsaison betrug der Vorsprung Münchens am Ende 16 Punkte. Die Kaderqualität der Münchner, die sich in diesem Sommer noch einmal gezielt personell verstärkt haben, bleibt in der Bundesliga unerreicht.
Kader weitgehend zusammengeblieben
Viele der befragten Trainer sehen Dortmund wieder als Top-Kandidaten auf Platz zwei, und auch die BVB-Verantwortlichen hielten sich mit Kampfansagen an den Platzhirsch München zurück - man will sich nicht selbst zum "Bayern-Jäger" ernennen, aber ein Champions-League-Platz soll es mindestens werden.
Es gab im Sommer keinen großen Umbruch, der Klub hat seinen Kader weitgehend zusammengehalten. Am schmerzhaftesten dürfte der Abgang von Karim Adeyemi (FC Barcelona) sein. Auch Rechtsverteidiger Yan Couto (Como) und Julian Brandt (Ajax Amsterdam) gehörten zu den Profis mit regelmäßigen Einsatzzeiten, Spieler wie Salih Özcan und Niklas Süle spielten dagegen ohnehin kaum noch eine Rolle unter Kovac.
Mehr als 100 Millionen ausgegeben
Die Abgänge will der BVB vor allem mit viel Talent kompensieren - dafür nahm der Klub im Sommer mehr als 100 Millionen Euro in die Hand. Dortmund will wieder eine Top-Adresse für junge, hungrige und noch nicht "veredelte" Profis sein - mit dieser Strategie hatte der BVB bereits in der Vergangenheit Erfolg.
Mit "Königstransfer" Konstantinos Karetsas (KRC Genk/18 Jahre) und Innenverteidiger Joane Gadou (RB Salzburg/19) hat der BVB viel Geld in zwei Hochbegabte investiert, Giannis Konstentelias (PAOK Saloniki/23) soll den geplatzten Wechsel von Said El Mala vom 1. FC Köln zu den Schwarz-Gelben schnell vergessen machen.
Joey Veerman (Mitte) vom BVB setzt zur Grätsche an.
Bildquelle: AFP/INA FASSBENDERLinksverteidiger Kaua Prates (EC Cruzeiro/18) und Offensivspieler Justin Lerma (Independiente/18) sind weitere Talente mit viel Potenzial. Da könnte Sechser Joey Veerman (PSV Eindhoven) mit seinen 27 Jahren schon fast als Routinier durchgehen. Der Niederländer soll mit seiner Ballsicherheit und Ruhe im Spielaufbau mehr Stabilität ins defensive Mittelfeld bringen und wird wohl vor allem mit Jobe Bellingham um einen Platz neben Felix Nmecha konkurrieren.
Zünden die Talente von Anfang an?
Die Verpflichtung von jungen Talenten für viel Geld birgt auch Risiken: Wie kommen die Teenager etwa mit dem neuen Team, einem neuen Trainer oder einem neuen Umfeld zurecht? Talente benötigen Zeit, um sich zu entwickeln, und oft eine gewisse Anlaufzeit. Im schnelllebigen Profifußball kann die Geduld bei ausbleibendem Erfolg schnell am Ende sein.
Aber vor allem die beiden Griechen Karetsas und Konstantelias, der einen Tag zuvor erstmals mit seinen neuen Kollegen trainiert hatte, deuteten bei der 1:2-Niederlage im Supercup gegen München an, dass sie den Dortmund-Fans noch viel Spaß machen können. Das Duo stellte die Bayern-Defensive in der zweiten Halbzeit mit ihrem Tempo und Zug zum Tor immer wieder vor Probleme. Karetsas sorgte mit scharfen Hereingaben auf Stürmer Serhou Guirassy für mehrere gefährliche Situationen, Konstantelias leitete den 1:2-Anschlusstreffer durch Fabio Silva entscheidend ein.
"Bei Kostas hat man gesehen, welchen Spielwitz er hat. Giannis hat das auch richtig gut gemacht. Wie er das Tor vorbereitet hat, war schon richtig hohe Schule", lobte Kovac. Und auch Gadou, am letzten Samstag mit 35 km/h der schnellste Mann auf dem Platz, brachte eine gute Leistung auf der rechten Abwehrseite.
Das Wichtigste in Kürze
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Wieder mehr Offensivdrang?
In der zweiten Halbzeit des Supercups war zu sehen, wie sich die BVB-Verantwortlichen die Auftritte ihrer Mannschaft künftig vorstellen. Das Team zeigte nach der ersten Hälfte, in der die Bayern das Geschehen weitgehend dominierten, einen großen Offensivdrang und brachte München ins Wanken.
In der vergangenen Saison wurde dem BVB oft eine zu defensive, manchmal eine schon biedere Spielweise mit wenig Zug zum Tor vorgeworfen - auch wenn der Erfolg Kovac Recht gab. Neben defensiver Stabilität und taktischer Disziplin, auf die Kovac höchsten Wert legt, soll es auch wieder mehr spielerische Flexibilität, Kreativität und Dynamik in der Offensive geben - also auch mehr Risiko.
"Es hat schon gezeigt, dass wir, wenn wir nach vorn spielen, wenn wir mutig sind und wenn wir sauber im eigenen Ballbesitz sind, eine echt gute Mannschaft sind und gut Fußball spielen können", sagte Sportdirektor Nils-Ole Book nach dem Supercup.
Wenn der BVB über die gesamte Saison konstant das zeigen kann, was er im Supercup in der zweiten Halbzeit auf den Platz brachte, haben die Schwarz-Gelben gute Chancen, die Saison wieder auf Platz zwei zu beenden - denn die Bayern werden kaum zu gefährden sein. In der Bundesliga trifft Dortmund zum Auftakt auf den Hamburger SV (Samstag, 18.30 Uhr/live im Audiostream).
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa und sid
- Borussia Dortmund
Sendung: WDR.de, "Borussia Dortmund: mit viel Talent zu mehr Offensiv-Power", 25.08.2026, 22:30 Uhr