Gewalt gegen Schiedsrichter: Schiristreik

Aktuelle Stunde 10.04.2026 18:22 Min. UT Verfügbar bis 10.04.2028 WDR Von Klaudia Deus

Streik der Fußball-Schiris: Was sie auf dem Platz ertragen müssen

Stand:

Viele Beleidigungen und eine gebrochene Nase: Der Streik der Fußball-Schiedsrichter am Wochenende zeigt, wie angespannt die Lage in diesem Ehrenamt ist.

Streiks in dieser Branche gab es bislang eher selten: Am Wochenende wollen die Fußball-Schiedsrichter im Bereich Wuppertal die anstehenden Amateurspiele bestreiken. Auslöser ist ein Vorfall vom 29. März, bei dem ein Schiedsrichter in Velbert angegriffen und über den Platz gejagt wurde.

Schläge, Tritte, Beleidigungen gegen den Schiedsrichter: Auf dem Fußballplatz ist das mittlerweile traurige Regelmäßigkeit - besonders im Amateurfußball. In Wuppertal brachte das letzte Ereignis offenbar das Fass zum Überlaufen.

Schiedsrichter im Amateurfußball arbeiten ehrenamtlich. Sie stehen bei Wind und Wetter auf dem Platz und sind meist mit viel Leidenschaft dabei. Ihr Auftrag ist es, den Spielverlauf unparteiisch zu leiten. Umso härter trifft es viele, wenn ausgerechnet sie zum Hauptangriffsziel wütender Zuschauer oder Spieler werden.

90 Minuten lang Beleidigungen

Schiedsrichter Philipp Stroetmann auf dem Platz deutet mit einer Handbewegung in eine Ecke

Schiedsrichter Philipp Stroetmann

Philipp Stroetmann ist seit 13 Jahren Schiedsrichter in Bezirks- und Kreisligaspielen am Niederrhein. Er sagt, er möge den Job - weil man viele Menschen kennenlerne, "von der Jugend bis zu den Senioren". Und: "Ich bin einfach ein großer Fußball-Enthusiast."

Aggressionen gegen seine Person gebe es allerdings immer wieder. "Zum Beispiel, wenn ich einem Spieler eine gelbe Karte zeigen muss." Beleidigungen gingen häufig von den Zuschauern aus, "auch mal 90 Minuten durchgehend", sagt Stroetmann.

"Manchmal fragt man sich schon, warum man sich das immer wieder antut." Philipp Stroetmann, Schiedsrichter am Niederrhein

Das unschönste Erlebnis, an das sich der 35-Jährige erinnert, war ein Spielabbruch: "Auf einmal hörte ich die Zuschauer rufen 'Schiri, Schiri!'. In meinem Rücken hatte sich ein Pulk aus etwa 20 Spielern gebildet, die sich gegenseitig getreten und geschlagen hatten."

Der Streik in Wuppertal sei eine gute Idee, findet Stroetmann. "Damit die Mannschaften merken, dass sich die Schiedsrichter nicht alles gefallen lassen. Es müsste generell eine größere Akzeptanz gegenüber Schiedsrichtern und ihren Entscheidungen geben."

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Ein Spieler brach ihm die Nase

Schiedsrichter Reiner Gillitzer steht lächelnd auf einem Fußballfeld

Auf dem Platz wurde es ihm zu viel: Reiner Gillitzer

Reiner Gillitzer blickt auf Jahrzehnte als Schiedsrichter zurück: 40 Jahre pfiff er erst in Wuppertal, dann im Kreis Hagen. Bis ihm die Nase gebrochen wurde: Ein wütender Spieler, dessen Teamkollegen Gillitzer gerade vom Platz geschickt hatte, griff ihn unvermittelt mit einem Kopfstoß an. Seitdem sei er nur noch als Beobachter und Berater dabei.

Gillitzer hat in all den Jahren eine deutliche Zunahme der Verrohung gegenüber den Schiedsrichtern beobachtet. Er sieht im Fußball einen ähnlichen Trend wie bei der zunehmenden Aggression gegen Lehrkräfte oder gegen die Polizei.

"Das ist ein grundsätzliches soziales Problem, das sich auch im Fußball widerspiegelt." Ex-Trainer Reiner Gillitzer

Aufgabe mit vielen schönen Seiten

Christopher Lischke, Schiedsrichter im Kreis Grevenbroich-Neuss

Wurde mal als "Nazi" beschimpft: Christopher Lischke

Auch Christopher Lischke liebt seinen ehrenamtlichen Job. Seit 12 Jahren pfeift der 42-Jährige für den SV Uedesheim 1928 im Kreis Grevenbroich/Neuss. Jeden Sonntag, schwärmt er, lerne er bei den Spielen neue Menschen kennen. Und er liebe auch "die persönliche Herausforderung", die die Aufgabe mit sich bringt: "Ich muss in relativ kurzer Zeit richtige Entscheidungen treffen und die auch vertreten."

Körperlich sei er während eines Spiels noch nie wirklich angegangen worden, sagt Lischke. Aber:

"Ob Hurensohn, Wichser oder Arschloch - es gibt keine Beleidigung, die mir noch nicht entgegengeworfen wurde. Das ist manchmal unschön, aber vieles perlt an mir ab." Christopher Lischke, Schiedsrichter in Uedesheim

"Die Zuschauer", sagt Lischke, "sind dem Schiri nie wohlgesonnen". Das könne er aber überhören, "den Schuh kann ich mir gar nicht immer anziehen".

Das bitterste Ereignis, an das er sich erinnere: Von einer Jugendmannschaft, deren Spieler überwiegend Migrationshintergrund hatten, sei er als Nazi beschimpft worden. "Das ging mir schon recht nah - denn das ist sehr, sehr weit weg von dem, was ich so vertrete." Er sei "reflektiert genug, um zu wissen, dass mich das nicht persönlich betrifft", sagt Lischke. Im Grunde aber werde dabei seine Uniform beschimpft - ähnlich, wie beim Polizisten.

Was können Schiedsrichter und Vereine tun?

Um ein Spiel abzubrechen, gebe es hohe Hürden, sagt Schiri Christopher Lischke. Eine Grenze sei aber erreicht, wenn es zu körperlicher Gewalt kommt. Beleidigungen könne er im Spielbericht - auch in einem Sonderbericht - vermerken. "Das geht bei uns dann vor das Kreissportgericht im Kreis Grevenbroich/Neuss." Dort würden Beleidigungen teilweise scharf sanktioniert. "Das ist letztlich der einzige Weg", sagt Lischke: "Man muss diese Leute vom Spielbetrieb ausschließen."

Mit den Spielern zu diskutieren bringe in der aufgeheizten Stimmung eines Spiels dagegen überhaupt nichts. "Demjenigen, der mich gerade als 'Hurensohn' beschimpft hat, brauche ich nicht zu erklären, dass meine Mutter keine Prostituierte ist."

Dass es in letzter Zeit vermehrt zu regelrechten Jagdszenen auf Schiedsrichter kam, hält auch Lischke grundsätzlich für ein gesellschaftliches Problem. Nachdem im Kreis Grevenbroich/Neuss ein Spieler einen Schiri mit einem Faustschlag niedergestreckt hatte, wurde der Täter für fünf Jahre gesperrt. Als Folge müssten Vereine nun bei jedem Spiel im Kreis einen Ordnungsdienst stellen, der ausschließlich dem Schutz des Schiris diene. "Aber das", sagt Lischke, "kann auf die Dauer keine Lösung sein".

Trainer unterstützt den Streik

Trainer Tobias Schnäbeli, junger Mann mit dunklen Haaren und einer blauen Jacke, steht auf einem Fußballfeld

"Wir müssen einen Cut setzen": Tobias Schnäbeli

Am Wochenende hätte in Wuppertal auch der SV Jägerhaus Linde gespielt. Das für Sonntag geplante Spiel wurde wegen des Streiks auf Dienstag verlegt. Für Trainer Tobias Schnäbeli völlig in Ordnung und notwendig: "Wir verteidigen das", sagt er.

Auch Schnäbeli sieht Handlungsbedarf: Je spannender oder enger eine Tabellenkonstellation oder ein Duell ist, desto mehr Reibung gibt es auf dem Platz. Oft sei "der Stolz und die Energie auf dem Platz so extrem, dass dann immer ein Verursacher gesucht wird". Angegangen, attackiert oder zur Rede gestellt werde dann meist der Schiedsrichter.

"Den Spielleiter zu attackieren, geht aber einfach völlig in die falsche Richtung. Das sind Leute, die das als Hobby machen, primär, weil sie den Fußball lieben." Trainer Tobias Schnäbeli

Die Entwicklung der letzten Jahre sei "nicht normal", findet Schnäbeli, "da sollten wir alle mal einen Cut setzen und uns bewusst machen, dass das normale Spielleiter sind". Deshalb sei der Streik am Wochenende "genau richtig angesetzt".

Unsere Quellen:

  • Interview mit Schiedsrichter Philipp Stroetmann
  • Interview mit Schiedsrichter Reiner Gillitzer
  • Interview mit Schiedsrichter Christopher Lischke
  • Interview mit Trainer Tobias Schnäbeli

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 10.04.2026, 18:45 Uhr

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