Der Griff zum Mikrofon verhieß nichts Gutes. Er könne kein Einzel spielen, die Kräfte würden nach der bisher überaus anstrengenden Saison gerade nicht reichen. "Und das tut mir sehr leid", sagte Flavio Cobolli dann auch mit peinlich berührter Miene den rund 1000 Zuschauern.
Ein leichtes Seufzen und Raunen ging nach dieser unerfreulichen Nachricht durchs Publikum. Viele der Besucher waren schließlich eigens zum Spiel von Blau-Weiß Krefeld gegen den Bremer TC gekommen, um den italienischen Tennisstar einmal live erleben zu können.
Jüngst hatte sich der 24-Jährige noch im Finale von Roland Garros mit Alexander Zverev duelliert. In Wimbledon stand er im Viertelfinale. Nun sollte er an der Hüttenallee aufschlagen. Die aktuelle Nummer neun der Weltrangliste in der 2. Tennis-Bundesliga - wenn das keine besondere Story ist?
Cobolli: "Klub ist mir ans Herz gewachsen"
"Für mich ist die Bundesliga nicht ein Siegen oder Verlieren, sondern eine Familie, ein Verein und die Leute. Für mich bedeutet die 1. oder 2. Liga nichts. Es bedeutet, mit wem ich spiele. Ich spiele mit Krefeld. Ich weiß, dass sie mich lieben. Ich denke, diese Liebe kommt auch für mich zurück", sagte Cobolli dem WDR.
Seine Verbundenheit zu Krefeld sei groß. Schon mit 19 Jahren, als er noch als großes Talent galt, der Öffentlichkeit aber noch weitgehend unbekannt war, hat er für die Krefelder aufgeschlagen. Der Klub sei ihm ans Herz gewachsen, sagt er. Dennoch ist Cobolli eigentlich viel zu gut für die Zweitklassigkeit.
Italiener greift selbst zum Hörer
"Vielleicht ist er schon aus der 2. Bundesliga heraus gewachsen", sagt Claudia Ploenes dem WDR. Die Teammanagerin der Krefelderinnen kennt allerdings die Gründe dafür, weshalb Cobolli zurückgekehrt ist, nachdem er zuletzt schon in der 1. Liga gespielt hat.
Krefeld-Teammanagerin Claudia Ploenes
"Das hat mit freundschaftlichen Verbindungen zu tun. Und wir hatten Glück. Er war sich schon mit einem anderen Klub einig, da gab es aber kurzfristig doch noch ein paar Hindernisse."
Und so hatte Cobolli spontan selbst zum Hörer gegriffen und den Krefeldern seine Fähigkeiten ganz unvermittelt angeboten, wie Ploenes verriet. Eine Eigeninitiative des italienischen Tennisstars, die alles andere als selbstverständlich ist.
Natürlich ist der bemerkenswert bodenständige Italiener eine absolute Ausnahme in der 2. Tennis-Bundesliga. Selbst in der 1. Liga gibt es keinen Tennisprofi, der unter den Top 10 der Welt steht.
Viele Bundesliga-Klubs in NRW
Allerdings bekommen Tennisfans in Deutschland Jahr für Jahr besonders hohe Qualität bei der in der breiten Öffentlichkeit häufig übersehenen Bundesliga zu sehen. In der hierzulande höchsten Spielklasse sind in dieser Saison 27 internationale Spieler aktiv, die unter den Top 100 in der ATP-Weltrangliste stehen.
Allein in NRW sind mit Kurhaus Aachen, TC Bredeney, Rot-Weiss Köln, dem Gladbacher HTC , Blau-Weiss Neuss gleich fünf der insgesamt zehn Bundesligisten aktiv. In der 2. Liga Nord sind es mit Krefeld, dem Marienburger SC, Blau-Weiss Aachen und dem Düsseldorfer Rochusclub vier der zehn Teilnehmer.
Viel Engagement für ein Team nötig
Das Engagement der Klubs ist enorm, um solch ein Angebot zu realisieren. Dazu gehören viele Gespräche mit Beratern, Spieler-Agenturen und den Profis selbst. "Eigentlich geht es fast nahtlos nach Beendigung der Saison weiter. Erst rekapitulieren wir nach dem letzten Spieltag am 9. August wie die Saison gelaufen ist. Spätestens ab Oktober geht es wieder damit los, das Team zusammenzustellen", so Ploenes.
Und natürlich spielt auch der finanzielle Aspekt beim professionellen Tennis eine wichtige Rolle. Ein ambitionierter Klub wie Blau-Weiß Krefeld muss für seine Saison deutlich über 200.000 Euro aufbringen, um Spieler wie Cobolli, Fabio Fognini und einige andere namhafte Akteure zu verpflichten, was zusätzliche Mühen bei der Sponsorensuche bedeutet.
Autogramme und Sieg im Doppel
Flavio Cobolli (r.) gibt in Krefeld geduldig Autogramme.
Doch bei diesem Tag in Krefeld ging es neben der sportlichen Auseinandersetzung gegen die Bremer auch um die Leichtigkeit des Tennis-Sports. Flavio Cobolli versuchte sein Fehlen im Einzel unbedingt wieder gutzumachen. Schier unermüdlich und über eine Stunde gab er den vielen Fans Autogramme, machte Selfies und hatte nette Worte für seine vielen Anhänger parat.
Und er griff auch noch zum Schläger, gewann umjubelt im Doppel mit seinem Landsmann Filippo Romano. Danach ging es direkt in den Flieger. Über Ibiza in die USA - die Hartplatzsaison mit dem Höhepunkt US Open (23.8. - 23.9.) steht vor der Tür.
Ob ihn die Fans in Krefeld wiedersehen? "Das Ziel ist es, im nächsten Jahr zurückzukommen. Ich weiß, das ist nicht einfach. Aber mein Ziel ist es", sagte Cobolli zum Abschied.
Unsere Quellen:
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Sendung: WDR.de, "Flavio Cobolli - "Es geht mir nicht ums Siegen", 20.07.2026, 09.30 Uhr