Der Krefelder FC Uerdingen ist am vorletzten Spieltag der Amputierten-Fußballliga am Wochenende (29./30. August) frühzeitig Deutscher Meister gewoden. Kapitän Jonas Lappe ist stolz: "Für die meisten Spieler im Team war es die erste Meisterschaft", deshalb sei sie etwas ganz Besonderes. "Und gerade mit dem ganz Hin und Her vor der Saison ist die Meisterschaft jetzt natürlich eine schöne Bestätigung für das, was wir geleistet haben." Mit dem "Hin und Her" bezieht sich Lappe auf einen ungewöhnlichen, spontanen Vereinswechsel seines Teams kurz vor Saisonstart.
Nationalspieler Lappe: "Aufgabe von Fortuna war ein Schock"
Für Krefeld laufen er und seine Teamkollegen nämlich erst seit der aktuellen Saison auf. Zuvor hat die gesamte Mannschaft für Fortuna Düsseldorf gespielt, Lappe war seit Mannschaftsgründung im Jahr 2019 dabei. Doch der Verein hat die Abteilung im Mai geschlossen - zwei Tage vor Saisonbeginn. "Ich war über Pfingsten mit einem Freund in Kroatien", erzählt Lappe.
Donnerstags seien sie zurückgekommen, bereits am Samstag darauf habe das erste Ligaspiel stattgefunden. "Als ich nach der Landung den Flugmodus ausgestellt habe, habe ich die Nachricht von Fortuna gelesen, dass sie unsere Spiele nicht länger austragen können." Die Nachricht sei ein kleiner Schock gewesen. Schließlich habe der Verein zuvor vermittelt, dass sich eine Lösung finden würde. "Wir mussten jetzt innerhalb von zwei Tagen eine Alternative finden", so Lappe.
Fortuna Düsseldorf: Finanzielle Engpässe wegen Abstieg
Fortuna Düsseldorf hat die Abteilung nach eigenen Angaben geschlossen, weil der Verein sparen muss. Denn die 1. Herrenfußballmannschaft ist Ende Mai von der zweiten in die dritte Bundesliga abgestiegen. Dadurch habe sich für Fortuna Düsseldorf ein Umsatzeinbruch von rund 65% ergeben, so der Verein auf Anfrage des WDR.
Jonas Lappe im Zweikampf beim 6. Bundesligaspieltag in Uerdingen
Bildquelle: KFC Uerdingen"Allein die TV-Erlöse reduzieren sich von mehr als 18 Millionen Euro in der Saison 2025/2026 auf nur noch rund 1,9 Millionen Euro in der Saison 2026/2027." Fortuna habe sich deshalb Ende Mai von 124 Mitarbeitenden trennen und Angebote auf den Prüfstand stellen müssen. "Diese Entscheidungen sind uns nicht leichtgefallen. Sie waren jedoch aufgrund der wirtschaftlichen Realität und mit Blick auf den Erhalt des Vereins unumgänglich."
Persönliches Investoren-Engangement rettet das Team
Am selben Tag, an dem Lappe aus seinem Kurzurlaub zurückkam, hat auch Wigan Salazar erfahren, dass Fortuna Düsseldorf die Amputierten-Fußballabteilung einstellt. Sein Sohn spielt ebenfalls in der Mannschaft. Salazar, Geschäftsführer einer großen Kommunikationsagentur, hat einen Kollegen, der im Aufsichtsrat des KFC Uerdingen sitzt. Auf den sei er zugegangen, nachdem er die Erlaubnis von Mannschaft und Verband eingeholt habe, nach einer Lösung für die Bundesligateilnahme zu suchen, so Salazar gegenüber dem WDR.
- Feldgröße: Kleinfeld, 60m x 40m
- Teamgröße: 7 gegen 7 (Sechs Feldspieler, ein Torwart)
- Spielzeit: 2 x 25 Minuten
- Ohne Bein- oder Armprothese
- Voraussetzungfür Feldspieler: Beinamputation oder -verkürzung gespielt wird einbeinig auf Krücken. Der Ball darf nicht mit dem Beinstumpf oder verkürzten Bein gespielt werden
- Voraussetzung Torwart: Beide Beine vorhanden, jedoch Armamputation oder -verkürzung. Torwart darf den Torraum nicht verlassen. Der Ball darf nicht mit de, Armstumpf oder verkürzten Arm gespielt werden
- Es wird ohne Abseits gespielt. Das aktive Ballspielen mit der Krücke ist nicht erlaubt, dies wird als Handspiel gewertet
Quelle: Website Deutscher Amputierten Fußball
Der Uerdinger Aufsichtsrat habe zufällig noch am selben Abend getagt. Die Anfrage kam bei dem Verein gut an: "Als wir von dieser Situation erfahren haben, haben wir uns innerhalb weniger Stunden intensiv damit beschäftigt und uns anschließend ganz bewusst [...] für die Aufnahme der Mannschaft entschieden. Für uns war entscheidend, dass eine sportlich hochklassige Mannschaft mit mehreren deutschen Nationalspielern ansonsten möglicherweise ihre Bundesliga-Perspektive verloren hätte", so der KFC Uerdingen auf Anfrage des WDR.
Suche nach Sponsoren
Damit war der Wechsel der gesamten Mannschaft von Fortuna nach Uerdingen innerhalb weniger Stunden perfekt. Als klar war, dass er mit seiner Mannschaft weiter in der Bundesliga antreten kann, sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen, sagt Jonas Lappe. "Wir haben jetzt ein anderes Trikot an, aber wir spielen immer noch zusammen, das ist das Wichtige."
Dass es zu dieser schnellen Lösung kommen konnte, liegt nicht etwa daran, dass der KFC Uerdingen, dessen 1. Herrenmannschaft in der Oberliga spielt, vollere Kassen hätte als Fortuna Düsseldorf. Sie ist das Ergebnis des Engagements von Spielervater Salazar. Denn der sagte zu, persönlich für die Kosten aufzukommen, die durch die Amputierten-Fußballabteilung entstehen würden. Dabei handele es sich um eine Summe von rund 10.000 Euro für die gesamte Saison, so Salazar.
Investor Salazar: "Jährliche Ausgabe unter Zweitliga-Wochengehalt"
Die Mannschaft des KFC Uerdingen beim 6. Bundesligaspieltag
Bildquelle: KFC UerdingenEr habe dafür eine Spendenaktion ins Leben gerufen und schon nach wenigen Wochen sei ausreichend Geld zusammengekommen, sein persönlicher finanzieller Einsatz daher gar nicht notwendig geworden. Er ist jetzt Leiter der Amputierten-Fußballabteilung des KFC Uerdingen und versuche, für die kommende Saison Sponsoren zu gewinnen.
Im Aputierten-Fußball steckt seiner Meinung nach viel Potenzial. "Das ist ein toller Sport, der es in dem System Fußball, in dem ja eigentlich viel Geld steckt, nicht so leicht hat, Unterstützung und Finanzierung zu bekommen." Er würde sich wünschen, dass mehr Profivereine eigene Abteilungen betreiben, so wie es der HSV und Mainz 05 bereits tun. "Das, was jährlich investiert werden muss, liegt ja unterhalb eines Wochengehalts eines durchschnittlichen Zweitligaspielers", so Salazar. Diese Ausgaben seien für viele Vereine "ein Klacks".
In anderen Ländern mehr Zuschauer
Auch Jonas Lappe möchte mehr Aufmerksamkeit für seinen Sport generieren. Der 22-Jährige studiert Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule, ist 2. Vorsitzender der Deutschen Amputierten Liga und läuft auch für die Nationalmannschaft auf.
Er weiß aus eigener Erfahrung, dass es beim Amputierten-Fußball auch anders laufen kann, als in Deutschland, wo der Spielbetrieb im Zweifelsfall vom Einsatz einer Einzelperson abhängen kann. "Wir haben mal bei einer EM in der Türkei gespielt, bei dem die Halbfinale und das Finalspiel in den Stadien von Beşiktaş, Galatasary und Fenerbahçe ausgetragen wurden. Da waren 30.000 Leute im Stadion." Das sei zwar zum jetzigen Zeitpunkt in Deutschland nicht realistisch, zeige aber, was theoretisch möglich sei.
Hoffnung auf Aufnahme ins paralympische Programm
Weil Amputierten-Fußball kein paralympischer Sport ist, erhalte er nicht dieselbe Förderung wie Parasport-Abteilungen, so Michael Nordhaus vom Behinderten- und Rehabilitationssportverband Nordrhein-Westfalen. Dazu zählt etwa die Förderung von Trainerstellen, die durch Bundesmittel finanziert wird.
Auch die World Amputee Football Federation, der Weltverband des Amputierten-Fußballs, bemüht sich nach eigenen Angaben um eine Aufnahme der Sportart in das paralympische Programm. Bis dahin komme es umso mehr auf Sponsorengelder an, so Nordhaus.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Jonas Lappe
- Gespräch mit Wigan Salazar
- Gespräch mit Klaudiusz Dittrich (Trainer der Amuptierten-Fußballmannschaft)
- Austausch mit Michael Nordhaus, Behinderten- und Rehabilitationssportverband Nordrhein-Westfalen
- Schriftliche Anfrage Fortuna Düsseldorf
- Schriftliche Anfrage KFC Uerdingen
- Website Deutscher Amputierten Fußball
Sendung: WDR.de, "Amputierten-Fußball: Der holprige Weg des Deutschen Meisters", 01.09.26, 13:32 Uhr