Sophie Hinners und Wallach Singclair bei den Weltmeisterschaften in Aachen

Sophie Hinners und Wallach Singclair bei den Weltmeisterschaften in Aachen

Bildquelle: dpa/ Uwe Ansbach

WM in Aachen Hengst, Stute oder Wallach - was braucht ein Pferd für WM-Gold?

Stand:

Was macht ein Pferd eigentlich zum Weltmeister? Größe, Kraft, Schnelligkeit oder doch der richtige Charakter? Und spielt es überhaupt eine Rolle, ob Hengst, Stute oder Wallach, also ein kastrierter Hengst?

Von Lisette Robiné (Aachen)

Der Reitsport ist eine der wenigen Sportarten, in denen Reiterinnen und Reiter gemeinsam gegeneinander antreten. Das Geschlecht des Menschen spielt dabei keine Rolle – entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel von Mensch und Pferd. Die heimlichen Stars der Reit-WM sind in Aachen deshalb die Vierbeiner: die Pferde. Hier stellt sich eine ganz andere Geschlechterfrage: Macht es einen Unterschied, ob ein Pferd Hengst, Stute oder Wallach, also ein kastrierter Hengst, ist?

Für WDR-Springexpertin Janne Friederike Meyer-Zimmermann kann das Geschlecht den Charakter eines Pferdes beeinflussen, bestimmt ihn aber nicht.

"Ich glaube, das Entscheidende ist im Kopf", sagt die Team-Weltmeisterin von 2010. "Das ist wie beim Menschen. Es ist ja nicht jeder, der groß ist, ein Basketballer. Es geht auch darum, welche Einstellung die Pferde haben: ob es ihnen Spaß macht, ob sie mit Zug zum Sprung laufen und ob sie sich wirklich für diese Aufgabe begeistern können."

Meyer-Zimmermann über Unterschiede bei Pferdegeschlechtern

Bildquelle: sportschau

5 Min. 27 Sek. Verfügbar bis 20.08.2028

"Stuten haben den größten Kampfgeist"

Dennoch hat Meyer-Zimmermann eine Vorliebe beim Pferdegeschlecht: "Ich finde, Hengste sind immer so eine imposante Erscheinung. Aber was auch mal sein kann, gerade so auf dem Abreiteplatz, dass sie auch fokussiert sind, auf mich und den Sprung und nicht nach links und rechts nach den Stuten schauen." Das Geschlecht kann Eigenschaften eines Pferdes beeinflussen, aber es entscheidet nicht über die reine sportliche Qualität.

"Bei Stuten ist es so, dass sie den größten Kampfgeist haben, oft auch die größte Leistungsbereitschaft, aber man muss sie auch ein bisschen auf seine Seite kriegen", erklärt Meyer-Zimmermann. Es benötigt dadurch meistens auch mehr Zeit, um eine Stute besser kennenzulernen, betont die 45-Jährige.

Wallache gelten als unkompliziert. Das bestätigt auch WDR-Springexpertin Meyer-Zimmermann. Sie selbst hat mit ihrem Wallach Cellagon Lambrasco große Erfolge gefeiert und gewann mit ihm 2010 den Großen Preis von Aachen. Trotzdem hätte sie sich rückblickend gewünscht, er wäre noch Hengst gewesen, denn dann könnte sie mit ihm noch züchten, sagt sie mit einem Schmunzeln.

United Touch - "Eines der bemerkenswertesten Pferde des Jahrhunderts"

Eine sehr imposante Erscheinung ist auch der 14-jährige Hengst von Europameister Richard Vogel: United Touch. Er ist bekannt für seine besonders auffällige und große Galoppade.

United Touch und Richard Vogel fliegen zum EM-Titel 2025 in La Coruna

United Touch und Richard Vogel fliegen zum EM-Titel 2025 in La Coruna

Bildquelle: IMAGO/Stefan Lafrentz

Der 1,72 Meter große Hengst kann mit seinen sehr großen Galoppsprüngen enorm schnell sein, wenn es drauf ankommt. Denn er macht zwischen den Hindernissen oftmals einfach einen Galoppsprung weniger als seine Konkurrenten. Doch genau diese große Galoppade verlangt von seinem Reiter auch Fingerspitzengefühl: Zwischen zwei Hindernissen muss Vogel immer wieder aufpassen, dass er vor dem Absprung bewusst mehr Platz schafft, um keinen Stangenabwurf zu kassieren.

Wie anspruchsvoll das ist, zeigte sich auch in der ersten Springrunde hier in Aachen: Vogel nahm einen Hindernisfehler auf seine Kappe. Er habe seinem Pferd "das Leben schwerer gemacht, als es hätte sein müssen", sagte er anschließend im WDR-Interview. Er hatte einen Galoppsprung mehr gemacht, als geplant, und kam dadurch zu dicht an den Sprung. Eine Stange fiel.

Ein kleiner, unerwarteter Olympiasieger

Das zeigt: Eine Stärke ist nicht automatisch in jeder Situation eine Stärke. Richard Vogel muss seinen Ritt auf United Touch immer genau abstimmen. Ein anderer Reiter würde mit demselben Pferd möglicherweise eine ganz andere Linie wählen, ein anderes Tempo reiten oder einen anderen Rhythmus suchen.

Pierre Durant auf Jappeloup

Pierre Durant auf Jappeloup

Bildquelle: imago/Jerek

Ein weiteres prominentes Beispiel war Jappeloup. Der gerade einmal 1,58 Meter große Wallach galt als eines der leistungsstärksten Springpferde seiner Zeit. Gemeinsam mit seinem französischen Reiter Pierre Durand holte er 1988 in Seoul Olympia-Gold. Ein Erfolg, den viele dem Wallach, auch aufgrund seiner geringen Körpergröße, nie zugetraut hatten. Doch die fehlende Größe glich der Wallach mit seiner ausgesprochen leistungsbereiten Einstellung aus. Es gibt also nicht die eine körperliche Voraussetzung, die ein Weltklassepferd erfüllen muss.

Das Geheimnis für den WM-Erfolg: Vertrauen

Für Meyer-Zimmermann ist Vertrauen zwischen dem Pferd und Reiter mit die wichtigste Komponente: "Ich glaube, das Wichtigste ist, dass ich in einen Parcours reite und das Gefühl habe, dass wir uns aufeinander verlassen können. Das ist auch ein Gefühl, das einem Mut gibt für so eine Meisterschaft."

Auch der deutsche Springreiter Daniel Deusser äußerte sich nach seinem Ritt beim Nationenpreis im WDR-Interview zur Wichtigkeit der Beziehung zwischen Mensch und Pferd: "Unser Sport ist ein schwieriger Sport. Wir sind Partner mit unserem Pferd, nicht nur einer, sondern immer beide müssen immer sehr, sehr gut zusammen sein."

Die Ritte von Sophie Hinners und Daniel Deußer

Bildquelle: IMAGO/FRANK HEINEN

10 Min. 19 Sek. Verfügbar bis 19.08.2027

Pferd und Mensch: "Wie in einer Beziehung"

"Das ist wie in einer Beziehung", beschreibt Meyer-Zimmermann die enge Verbindung eines Paares im Pferdesport: "Man geht durch dick und dünn gemeinsam und weiß, dass man sich in den entscheidenden Momenten aufeinander verlassen kann."

Egal ob Stute, Hengst oder Wallach: Jedes Pferdegeschlecht hat das Potenzial, Weltmeister zu werden.

Quelle:

  • WDR Reporterin vor Ort

Sendung: wdr.de, Meyer-Zimmermann über Unterschiede bei Pferdegeschlechtern, 21.08.2026, 15:50 Uhr

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