Michael Jung und Chipmunk beim Wassereinsprung in Aachen
Bildquelle: dpa / Rolf VennenberndGeländetag bei der Reit-WM : Favorit Jung führt - doch die Briten lauern
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Der viermalige Olympiasieger Michael Jung liegt vor dem großen Showdown der Vielseitigkeitsreiter bei den Weltmeisterschaften in Aachen in der Pole Position. Beim stimmungsvollen Geländeritt kam in der Soers mächtig Atmosphäre auf.
Eine Frau drängt sich durch die Menschenmenge. Sie will noch einen guten Platz am Rand der Geländestrecke erwischen. Ein lautes Pfeifen und dann - Stille. Eine Reiterin kommt den Hügel hoch galoppiert. Smartphones gehen in die Höhe. Von Sprung zu Sprung fiebern die Zuschauer mit. Schafft sie es?
Dann brandet Jubel auf, deutsche Fahnen werden euphorisch geschwungen. Die Reiterin ist Libussa Lübbeke bei ihrer ersten Weltmeisterschaft. Gerade hat sie den Wasserkomplex in Aachen absolviert. Die Fans feiern mit ihr. "Wenn die Pferde hier lang galoppieren, die Erde bebt, alle Leute klatschen die Stimmung hier ist genial", sagt die Frau, einen Platz hat sie mittlerweile gefunden.
Der Vielseitigskeits-Geländeritt bei der Reit-WM in Aachen im Re-Live
Bildquelle: IMAGO/Stefan Lafrentz04:13:41 Std.. Verfügbar bis 15.08.2028.
Lübbecke ist nur eine von vielen internationalen Top-Reitern, die heute vor 35.000 Zuschauern in der Aachener Soers reiten. Am Samstag, dem Geländetag der Vielseitigkeitsreiter, wurde die Weltelite schon sehnlichst erwartet. Mal Sonne, mal Wolken und zwischendurch ein abkühlender Schauer - perfekte Bedingungen für Pferde und Reiter. Die Stimmung: außergewöhnlich.
Auch die Reiter und Reiterinnen haben die Atmosphäre auf der Strecke erlebt. "Die Zuschauer sind der Hammer, sie tragen einen quasi durch den Kurs. Nach jedem Komplex schreien sie einen ja noch mal richtig an und man kriegt so richtig Rückenwind", sagt Julia Krajewski.
Krajewski - "Der sechste Gang ist die maximale Geschwindigkeit"
Bildquelle: sportschau01:26 Min.. Verfügbar bis 15.08.2028.
Krajewski vorneweg - aber nicht schnell genug
Die Olympiasiegerin ging als Führende mit 22 Minuspunkten ins Gelände. Ausgerechnet hier in Aachen, wo sie schon vor zwei Jahren gezeigt hat, wie gut sie diese Strecke lesen kann. Damals gewann sie mit Nickel die Vier-Sterne-Prüfung beim CHIO. Heute geht es um den Weltmeistertitel.
Wie an der Schnur gezogen kommt die 44-Jährige mit Nickel ohne Hindernisfehler über den letzten Sprung mit der Überschrift "Welcome Home". Nur die Zeit macht ihr einen Strich durch die Rechnung. "Er ist nicht das aller letzte Rennpferd. Ich sag mal, der sechste Gang ist eben die maximale Geschwindkeit.", erklärt Julia Krajewski im WDR-Interview. 13,6 Strafpunkte kommen hinzu.
„Dieses Pferd ist einfach ’ne Rakete!“
Damit rutscht Krajewski hinter ihre Teamkollegin Malin Hansen-Hotopp (31,8), die am Vormittag deutlich schneller ins Ziel gekommen war. Auch Hansen-Hotopp und ihr 14-jähriger Schimmel Quidditch liefern so ein sicheres Ergebnis für Team Deutschland. Nur einmal wird es kurz brenzlig: In einer Kombination rutscht Quidditch mit den Hinterbeinen weg. Die Zuschauer halten die Luft an. Doch der Schimmel lässt sich nicht beeindrucken.
"Das ist mein großes Glück, dass er so viel Springvermögen hat, dass er dann auch in der achten Minute noch so kraftvoll abhebt", sagt Hansen-Hotopp. Fehlerfrei über die Hindernisse kommen lediglich 3,2 Strafpunkte für die Zeit hinzu.
Malin Hansen-Hotopp und Quidditch am Wasserkomplex in Aachen
Bildquelle: IMAGO / Frank HeinenAuch Lübbeke hatte als erste Deutsche bereits vorgelegt. Am Wasser kassierte sie jedoch eine "Missing Flag"(9 Strafpunkte), weitere Hindernisfehler blieben aus. Mit 57,1 Strafpunkten geht sie ins morgige Springen - für das deutsche Team voraussichtlich als Streichergebnis.
Dann kommt "Michi"
Michael Jung und Chipmunk
Bildquelle: Rolf VennenberndAls letzter deutscher Reiter geht der große WM-Favorit Michael Jung auf die Strecke. Auf ihn haben sie gewartet. Noch einmal werden die deutschen Fahnen aus den Rucksäcken gepackt.
Auch Jung wird von den Zuschauern durch den mehr als fünf Kilometer langen Geländeparcours getragen. Chipmunk ist in Topform. Keine Hindernisfehler, dazu bleibt das Paar gut in der Zeit. Wenn es doch einmal "klappert" und Chipmunk zu nah an ein Hindernis kommt, folgt der kurze Kontrollblick nach hinten.
Denn fällt ein oberes Element, kann das sogenannte MIM-System ausgelöst werden und 11 Strafpunkte kosten. Ein Sicherheitssystem, das verhindern soll, dass Pferd und Reiter bei einer Fehldistanz schwer stürzen.
Doch bei Jung bleibt alles liegen. Die letzten 500 Meter werden zur Jubelstrecke. Aachen trägt "Michi" förmlich ins Ziel. "Das war wirklich die Runde des Tages", sagt WDR-Expertin Bettina Hoy nach seinem Ritt. Fünf Sekunden bleibt Jung unter der erlaubten Zeit. Damit bleibt er bei seinem Dressurergebnis von 23,0 Punkten und übernimmt die Führung.
Jung über Chipmunk - "Freude pur mit diesem Pferd"
Bildquelle: Sportschau02:19 Min.. Verfügbar bis 15.08.2028.
"Am Schluss hat er noch mal richtig gekämpft, noch mal für die Zeit auch. An der letzten Kombination hat er noch mal aufgepasst. Das ist einfach nur Freude pur, wenn man so ein Pferd haben kann", schwärmt Michael Jung von seinem schon 18-jährigen Wallach.
Die Briten lauern
Doch der Olympiasieger ist längst nicht durch, zum Titel ist es noch ein weiter Weg. Doppel-Weltmeisterin Rosalind Canter liefert ebenfalls eine fehlerfreie und vor allem schnelle Runde. Mit 23,4 Punkten liegt sie nur 0,4 Punkte hinter Jung.
Der Geländeritt von Michael Jung
Bildquelle: Rolf Vennenbernd12:38 Min.. Verfügbar bis 15.08.2028.
Auch ihre britischen Teamkollegen Laura Collett (23,6) und Tom McEwen (28,6) bleiben in Schlagdistanz. Für Großbritannien gibt es allerdings einen Rückschlag: Nach Problemen an Sprung acht scheidet ein Teammitglied aus - das Streichergebnis ist damit verloren.
Trotzdem gehen die Briten mit deutlichem Vorsprung als Favoriten ins morgige Springen. Deutschland liegt mit 90,4 Punkten auf Silberkurs, die Schweiz folgt mit 106,5 Punkten auf Rang drei.
Deutschlands Christoph Wahler in Aktion
Bildquelle: IMAGO/Stefan LafrentzWahler mit Medaillenchancen?
Und auch ein deutscher Einzelreiter mischt im Kampf um die Medaillen mit. Christoph Wahler liefert mit D’accord die schnellste Runde des Tages. 9:41 Minuten braucht das Paar für den Kurs - fast 15 Plätze geht es für den 32-Jährigen nach vorne.
Dass D’accord ein unheimlich schnelles Pferd ist, weiß ich. Wenn du ihn dann nicht daran hinderst, geht er eigentlich fast immer in der Zeit. Du musst ihn nur entsprechend pilotieren Einzelreiter Christoph Wahler
Nur sechs Paare schaffen es heute überhaupt innerhalb der erlaubten Zeit. Wahler gehört dazu und hält sich damit alle Chancen offen. Überraschend ist das auch mit Blick auf seine Vorgeschichte: Nach einer Verletzung im Herbst 2025 und einer Zwangspause bis Anfang des Jahres konnte der 32-Jährige nämlich erst in Luhmühlen vor acht Wochen sein erstes Turnier der Saison reiten. Nun wirken Wahler und D’accord fitter denn je.
Vielseitigkeits-Entscheidung am Sonntag
Die Zuschauermassen ziehen nach dem stimmungsvollen Geländeritt weiter Richtung "Village", um noch etwas WM-Luft bei den Voltigierern und Dressurreitern zu schnuppern. Für die Vielseitigkeitsreiter wartet morgen vor dem Springen noch der Vet-Check: Nur wer "fit to compete" ist, darf um die Medaillen reiten.
Michael Jung führt, Rosalind Canter lauert mit 0,4 Punkten Rückstand. Dahinter bleibt alles offen - auch für Christoph Wahler. Am Sonntag (12.30 Uhr, live im WDR und auf wdr.de) entscheidet sich hier in Aachen, wer Geschichte schreibt.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: wdr.de, "Der Geländeritt von Michael Jung", 15.08.2026, 16:17 Uhr