Wie finden Unternehmen und Azubis zusammen?
Bildquelle: WDR / dpaSprungbrett in die Ausbildung : Arbeitsagentur vermittelt Langzeit-Praktika
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Wegen der schlechten Wirtschaftslage bieten viele Betriebe weniger Ausbildungsplätze an. Gleichzeitig gibt es mehr Jugendliche, die gerne eine Ausbildung machen möchten, aber keine Stelle finden. Das trifft vor allem junge Leute mit schlechteren Voraussetzungen. Die Arbeitsagenturen setzen deshalb verstärkt auf geförderte Langzeitpraktika. Ein Aachener Unternehmen hat es ausprobiert.
Simon Nobis hat vor seiner Ausbildung ein Langzeitpraktikum bei polyscale absolviert.
Bildquelle: WDR/Birgit EgerSimon Nobis, 22, hat sein Praktikum vor knapp zwei Jahren begonnen. Erstmal den Betrieb kennenlernen. Polyscale aus Aachen stellt Spezialfolien und Platten her. Vor eine Leuchte geklebt, können diese Folien Lichtstrahlen lenken oder auch farbiges Licht erzeugen. Die 30 Mitarbeiter des mittelständischen Unternehmens haben ihn sofort herzlich aufgenommen, erzählt er. Fast ein Jahr lang hatte er sich erfolglos auf seinen Traumberuf Industriekaufmann beworben, aber nur Absagen bekommen. Manche Unternehmen hätten sich auch gar nicht zurückgemeldet.
Dann hat das Arbeitsamt ein Langzeitpraktikum vorgeschlagen, mindestens vier Monate, höchstens ein Jahr – zum Kennenlernen, mit Übernahme-Möglichkeit in die Ausbildung.
"Der Vorteil ist natürlich, man kann den Beruf viel intensiver kennenlernen, dann ist man in den Prozessen wirklich drin und weiß, was der Beruf wirklich beinhaltet. Ich würde es ziemlich sicher auch noch mal so machen." Simon Nobis, Auszubildender bei polyscale
Bei Simon Nobis hat es funktioniert, er wurde als Auszubildender übernommen und konnte - dank seiner Erfahrung - das erste Lehrjahr in der Berufsschule überspringen. Auch Tobias Wersig, Geschäftsführer von Polyscale, ist zufrieden. Schon zum zweiten Mal hat er über die sogenannte Einstiegsqualifizierung einen passenden Auszubildenden gefunden.
"Wir filtern sehr stark, weil wir ein kleines Unternehmen sind. Bei uns haben die Auszubildenden direkt relativ große Verantwortung. Da muss es menschlich passen. Wir stellen auch Auszubildende ein, um sie zu übernehmen, das ist uns wichtig." Tobias Wersig, Geschäftsführer von polyscale
Betriebe, die einen jungen Menschen für ein Langzeitpraktikum einstellen, schließen einen Praktikumsvertrag und bekommen finanzielle Zuschüsse von der Arbeitsagentur. Für das Praktikumsgeld und für die Sozialversicherung, insgesamt 425 Euro.
Geschäftsführer Tobias Wersig und Auszubildender Simon Nobis bei polyscale
Bildquelle: WDR/Birgit EgerSimon Nobis war hartnäckig, er wollte das Praktikum unbedingt, erinnert sich Geschäftsführer Wersig, deshalb hat er ihn gerne eingestellt. Mit der Unterstützung vom Arbeitsamt einen Jugendlichen im Praktikum besser kennenzulernen - da stimme das Gesamtpaket.
Das Wichtigste in Kürze
Ausbildungsmarkt 2026
Die Betriebe bieten weniger Stellen an. Für junge Menschen in NRW ist es schwieriger geworden, eine Ausbildungsstelle zu finden. Für das aktuelle Ausbildungsjahr haben die Betriebe 92.947 Ausbildungsstellen gemeldet, das sind gut 6.000 weniger als im vergangenen Jahr. Die Zahl der Interessenten für eine Ausbildung ist mit rund 105.000 jedoch konstant geblieben. Zum Start in das neue Ausbildungsjahr sind in NRW noch 38.000 Interessenten auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz, demgegenüber stehen gut 23.000 offene Stellen.
Eine Chance für viele NRW Betriebe
Auch die Industrie- und Handelskammern werben bei ihren Unternehmen dafür. Langzeitpraktika können eine Möglichkeit sein, langfristig einen freien Ausbildungsplatz zu besetzen. Dabei ist die Lage in NRW je nach Region sehr unterschiedlich. Während es im Rheinland und Ruhrgebiet mehr Bewerber als freie Ausbildungsplätze gibt, ist es im Sauer- und Siegerland umgekehrt.
Andreas Bourdick, fachpolitischer Sprecher für Bildung der IHK NRW, hofft, dass auf diese Weise der Fachkräftemangel ein bisschen kleiner werden kann, denn: "Wir haben auch ganz viele Unternehmen in Nordrhein-Westfalen, die trotz der Ausbildungsmarktlage aktuell immer noch händeringend nach Auszubildenden suchen."
Viele Wege führen zum Ausbildungsvertrag
Idealerweise führt der Weg von der Schule direkt in eine Ausbildung. Das haben die Forschungen von Magdalena Polloczek gezeigt. Sie ist Bildungsexpertin bei der Hans-Böckler-Stiftung. Aus verschiedenen Studien weiß sie, "dass einfach direkte, erfolgreiche Übergänge für eine stabile Beschäftigungssituation auch lange nach dem Einstieg in die Ausbildung sorgen können.“ Für Bewerberinnen und Bewerber schwieriger geworden, einen Ausbildungsplatz zu finden. Die Lücke zwischen freien Ausbildungsstellen und Jugendlichen, die noch auf der Suche sind, ist in diesem August höher als in den letzten Jahren.
Ausbildungsbetrieb und passende Kandidaten zusammenzubringen, das ist gar nicht so einfach. Weil der Bedarf der Unternehmen und die Interessen der jungen Menschen oft nicht zusammenpassen. Um den oder die Auszubildende zu finden, brauchen gerade kleinere Unternehmen ein gutes Netzwerk, für die Vermittlung und die Begleitung der Jugendlichen.
"Ich glaube, an erster Stelle wäre wichtig, sich die Hintergründe für solche Passungsprobleme genauer anzuschauen. Die haben auch viel mit Kommunikation, mit Informationsquellen und auch mit Informationsverhalten (zu tun)." Magdalena Polloczek, Referatsleiterin für den Forschungsbereich Aus- und Weiterbildung am WSI der Hans-Böckler-Stiftung
Immerhin: Für gut 2300 Jugendliche war im vergangenen Jahr das Langzeitpraktikum der richtige Impuls, um einen Einstieg in die Arbeitswelt zu finden.
Unsere Quellen:
- polyscale Aachen
- Klaus Bourdick, Fachpolitischer Sprecher für Bildung und Fachkräfte der IHK NRW
- Magdalena Polloczek, Referatsleiterin für den Forschungsbereich Aus- und Weiterbildung am WSI der Hans-Böckler-Stiftung
- Arbeitsagentur NRW auf WDR Anfrage
- Ausbildungsmarktbericht Agentur für Arbeit
Sendung: WDR 5, Wirtschaftsmagazin, 28.08.2026, 13:35 Uhr