Mutter hält Säugling im Arm und liebkost es am Kopf

Fast jede zweite Hebamme denkt ans Aufhören - Kritik an neuen Regeln

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Gerade erst ist der neue Hebammenhilfevertrag in Kraft getreten. Doch der stößt auf viel Kritik in der Branche. Nun hält auch noch eine aktuelle Studie fest: Fast jede zweite Hebamme in Deutschland denkt ernsthaft über die Aufgabe ihres Berufes nach.

Von Katja Goebel

Seit Jahrhunderten schon leisten Hebammen Schwangeren Beistand. Sie begleiten Frauen während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett - nicht nur medizinisch, sondern auch mit besonderer Zuwendung und Mut machenden Worten. Vor allem während der Geburt ist es für viele Frauen um so wichtiger, eine vertrauensvolle und kompetente Person an ihrer Seite zu wissen.

Doch jetzt schlägt der Deutsche Hebammenverband (DHV) Alarm und warnt vor einem Berufs-Aus für viele freiberufliche Hebammen. Der Grund: Seit dem 1. November 2025 gilt der neue Hebammenhilfevertrag. Und der könnte laut DHV für Einbußen bei freiberufliche Beleg-Hebammen sorgen. Allein in NRW seien 2024 laut Verband rund 26.000 Geburten von einer Beleg-Hebamme begleitet worden.

  • Beleg-Hebammen arbeiten freiberuflich in einem Krankenhaus. Viele Hebammen aus dieser Gruppe fürchten aktuell um ihre Existenz. 
  • Begleitbeleghebammen begleiten die Schwangerschaft und die Zeit danach. Wenn sich das Baby ankündigt, begleiten sie die werdende Mutter mit in ein Krankenhaus oder in ein Geburtshaus.
  • Angestellte Hebammen arbeiten hingegen fest in einer Klinik. Anders als bei der Begleithebamme ist hier nicht sicher, dass es eine Eins-zu-Eins-Betreuung gibt.
  • Freiberufliche Hebammen, die keine Geburtshilfe leisten, kommen vor und nach der Geburt zur Familie nach Hause - aber nicht mit zur Geburt.

30 Prozent weniger Einnahmen?

"Wir rechnen mit bis zu 30 Prozent weniger Einnahmen“, warnte Melanie Micheliu, Beleghebamme im St. Vincenz-Krankenhaus in Datteln, bereits vor Monaten im Gespräch mit dem WDR. Der Grund: Bisher wurden diese Hebammen pro Geburt entlohnt. Der neue Vertrag hingegen sieht erstmals eine minutengenaue Abrechnung vor.

Hebamme untersucht eine schwangere Frau mit Handschuhen

Künftig gibt es Zuschläge für die Einzelbetreuung

Eine Hebamme bekommt nun zwar einen Zuschlag bei einer 1:1 Betreuung, doch Kritiker sagen, dass diese Einzelbetreuung selten umsetzbar sei, weil Hebammen in der Regel mehr als eine Frau betreuen. Für eine Betreuung gibt es den vollen Satz, für die zweite und dritte gleichzeitig betreute schwangere Frau soll es nur noch 70 Prozent geben. Die Hebammen werden künftig also schlechter bezahlt, wenn sie mehrere Frauen betreuen, so die Kritik des Hebammenverbandes.

Gesetzliche Krankenkassen sehen keine Einbußen

Honorar-Einbußen? Existenzängte? Das sieht der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) anders. Auf WDR-Anfrage heißt es: "Wir gehen davon aus, dass die (...) Regelungen unter dem Strich die Versorgung der werdende Mütter und auch die wirtschaftliche Situation der freiberuflichen Beleghebammen verbessern werden."

Die Interessensvertretung der gesetzlichen Krankenkassen will mit der neuen Regelung bewirken, dass Hebammen sich zukünftig auf nur eine Gebärende konzentrieren. Der neue Vergütungsvertrag sei eine "faire Weiterentwicklung", der auch andere Hebammenverbände daher zugestimmt hätten. Um Geburten zu fördern, in denen Hebammen nur eine Frau alleine betreuen, werde jede 1:1-betreute Geburt nun doppelt so hoch vergütet wie zuvor - daher sei es nachvollziehbar, dass die Vergütung parallel betreuter Geburten geringer ausfalle. Auch die Abrechnung in 5-Minuten-Einheiten statt mit einer Pauschale hätten finanzielle Vorteile: "Aufwändige Betreuungen werden dadurch höher vergütet und Hebammen können sich die Zeit für die Versorgung von Schwangeren, Wöchnerinnen und deren Kindern nehmen, die sie tatsächlich benötigen", heißt es seitens des Spitzenverbandes.

Vier Jahre Verhandlung

Der neue Hebammenhilfevertrag sollte eigentlich vieles besser machen. Eine Schiedsstelle des Krankenkassen-Spitzenverbands (GKV) und zwei Hebammen-Berufsverbände haben darüber entschieden. Zunächst waren drei Berufsverbände an den vier Jahre dauernden Verhandlungen beteiligt, der Deutsche Hebammenverband war erst kürzlich ausgestiegen.

Gynäkologie-Gesellschaft: Hebammenarbeit eingeschränkt

Hebamme mit Baby

26.000 Geburten in NRW von einer Beleg-Hebammen begleitet

Doch noch etwas stößt beim neuen Vertrag auf Ablehnung. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sieht damit freiberufliche Hebammen bei ihrer Arbeit eingeschränkt. Denn: Nach den aktuellen Bestimmungen dürfen sie, mit wenigen Ausnahmen, nur noch stationäre Patientinnen betreuen und abrechnen, während die Betreuung ambulanter Patientinnen ausgeschlossen wird.

Eine mögliche Folge, die manche befürchten: "Eine ausschließlich ärztliche Betreuung ambulanter Patientinnen kann zu Verzögerungen führen, insbesondere im Nachtdienst, wenn diensthabende Ärztinnen und Ärzte bereits anderweitig gebunden sind. Dies kann dazu führen, dass kritische Pathologien nicht zeitgerecht erkannt oder behandelt werden", heißt es in einer aktuellen Stellungnahme der DGGG. Die Neuregelungen werde freiberuflich tätige Hebammen finanziell schlechter stellen als bisher, was die Attraktivität der Tätigkeit erheblich mindere, so die Kritik.

Umfrage: Rund 44 Prozent erwägen einen Berufswechsel

Und wie schätzen Hebammen selbst ihre Zukunft ein? Das versucht eine Studie zu beantworten, die Ende Oktober 2025 in Essen veröffentlicht wurde. Die Opta-Data-Zukunftsstiftung in Essen und das Institut für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement an der Berliner Sigmund Freud Privatuniversität befragten zusammen mit dem Deutschen Hebammenverband rund 800 der etwa 26.000 Hebammen in Deutschland. Fazit: Fast jede zweite Hebamme in Deutschland denkt laut dieser Umfrage über die Aufgabe ihres Berufes nach. Rund 44 Prozent erwägen demnach einen Berufswechsel.

Eine Grafik zeigt, was Hebammen laut einer aktuellen Studie bemängeln

Traumjob - mit Hindernissen

83 Prozent der befragten Frauen bestätigen zwar, dass sie ihren Beruf gern ausüben. Mehr als zwei Drittel bemängeln jedoch eine unzureichende Vergütung. Rund die Hälfte kritisiert zu viel Bürokratie und rund ein Drittel hohe laufende Kosten. 74 Prozent wünschen sich mehr Kompetenzen gegenüber Ärzten und 93 Prozent eine verbesserte Zusammenarbeit mit ihnen. Und 63 Prozent erwarten eine schwierigere Betreuung werdender Eltern, wenn immer mehr Kliniken schließen und die Geburtshilfe zunehmend zentralisiert wird.

Hebammen wünschen mehr Kompetenzen gegenüber Ärzten

In der Essener Studie äußern sich Hebammen aber auch dazu, welche Verbesserungen auf den Weg gebracht werden könnten und machen Vorschläge für die Zukunft. So wünschen sich 73,50 Prozent mehr Kompetenzen gegenüber Ärzten und 93,11 Prozent eine verbesserte Zusammenarbeit mit ihnen.

Eine Grafik zeigt, was Hebammen laut einer aktuellen Studie wollen

So findet ihr eine Hebamme:

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