Deutsche Trägerrakete erreicht den Orbit
Bildquelle: Isar AerospaceAktuelle Stunde . 06.09.2026. 29 Min. 46 Sek.. UT. Verfügbar bis 06.09.2028. WDR.
Riesige Erleichterung und noch größere Freude in Ottobrunn bei München: Die Spectrum-Rakete ist erfolgreich Richtung Umlaufbahn gestartet und schickte mehrere Mini-Satelliten in den Orbit. "Wir schreiben hier wirklich Geschichte, ich bin unfassbar stolz", jubelt der Chef-Ingenieur der Firma Isar Aerospace im Livestream zum Start am Samstagabend in Norwegen.
Deutscher Raktenstart aus Europa: "Das ist eine Zeitenwende"
Eine Rakete, gebaut in Bayern, von Europa aus ins All geschossen, von einem kommerziellen Anbieter - alles daran gab es noch nie. Der Jubel darüber kennt am Wochenende kaum Grenzen - auch wenn er unter dem politischen Lärm in Sachsen-Anhalt etwas untergeht. Egal, ob Kanzler, Forschung oder beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt - das Urteil klingt ähnlich:
"Das ist ein ganz neues Zeitalter für die europäische Raumfahrt." Walther Pelzer, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt
Denn: Bisher ist Europa immer abhängig, wenn es um den Zugang zum Orbit geht. Es gibt bisher nur einen europäischen Anbieter: Arianespace. Der startet aber nicht aus Europa, sondern aus Französisch-Guayana in Südamerika.
Fällt Arianespace, wie vor dem Start von Ariane 6, aus, gibt es keine europäische Alternative mehr. Weil seit dem Ukrainekrieg auch Russland wegfällt, ist Europa dann auf Unternehmen wie Space X von Elon Musk angewiesen, um wichtige Satelliten ins All zu bekommen.
Warum Europa eigene Zugänge zum Orbit braucht
Das ist teuer und ineffizient, erklärt Walther Pelzer aus dem Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Wir haben immer sehr, sehr viel Steuergeld in die Hand genommen, um diesen Zugang zum All zu gewährleisten", so Pelzer. Auch deshalb habe das DLR Isar Aerospace schon früh unterstützt.
Jetzt könne man sich auf den Bau wichtiger Satelliten konzentrieren und den Transport in den Orbit einkaufen. "Das ist flexibler, das ist kostengünstiger und am Ende des Tages auch resilienter, weil es eine breitere Angebotspalette gibt", erklärt Pelzer.
NRW zwischen Raumfahrtforschung und Zulieferern
NRW allerdings bleibt bei diesem Ereignis Zuschauer - und das, obwohl das Land eigentlich auch ein wichtiger Player in der Raumfahrt sein will. "Der Weg ins All führt über Nordrhein-Westfalen", erklärte NRW-Ministerpräsident Wüst (CDU) beim "Industrietag Raumfahrt NRW" im Mai und meint die Astronautenausbildung der ESA in Köln.
Aber auch sonst spielt sich einiges in NRW ab in Sachen Raumfahrt: Neben wichtigen Forschungsinstituten wie der RWTH Aachen sitzen auch das DLR und die ESA in NRW - auch das Projekt "Govsatcom" wurde in Köln angesiedelt - eine Initiative der Europäischen Kommission für zuverlässige Satelliten-Kommunikationsdienste.
"Und das alles macht Nordrhein-Westfalen zum idealen Raumfahrtsstandort", so Wüst im Mai. Aber Bayern hat immer noch die Nase vorn, so Pelzer: "Bayern ist - das muss man eindeutig sagen - Frontrunner beim Thema Raumfahrt, zusammen mit Bremen", stellt Pelzer klar.
Bayern als Frontrunner in der europäischen Raumfahrt
Aber NRW habe vor einigen Jahren seine Stärken im Zuliefererbereich entdeckt, ergänzt Pelzer. In NRW würden Unternehmen aufgebaut, die riesige Triebwerke produzieren sollen - deutlich größer als sie bei der Spectrum-Rakete gebraucht werden.
"Wir müssen jetzt nicht gucken: Wer war dabei war und wer nicht", so Pelzer. "Wir müssen in Deutschland breit und resilient aufgestellt sein und strategisch wichtige Technologien beherrschen." Dennoch stehen die Bundesländer auch im Wettbewerb um die entstehenden Wirtschaftszweige und Arbeitsplätze.
Einen ausführlicheren Vergleich zwischen NRW und Bayern mit Blick auf Raumfahrt gibt es hier:
Technische Grenzen der Spectrum-Rakete und Weltraumschrott
Produktionsstätten von Isar Aerospace in Parsdorf bei München
Bildquelle: Isar AerospaceBei aller Freude: Isar Aerospace muss seinen ersten Erfolg jetzt noch in Serie hinbekommen. Das Unternehmen will in Zukunft 40 Raketen im Jahr produzieren. Denn die sind nicht wiederverwendbar. Und: auch der entstehende Weltraum-Schrott kann bisher noch nicht zurückgeholt werden.
Für wirklich viele Starts wären außerdem mehr Startplätze in Europa nötig - bisher ist Andöya in Norwegen die einzige Option für Isar Aerospace, weitere sind aber in Planung.
Der Raketen-Startplatz in Andøya, Norwegen
Bildquelle: Isar AerospaceUnd auch die Lasten sind bei der Spectrum-Rakete sehr begrenzt: bis zu einer Tonne ist möglich. Zum Vergleich: Die Ariane 6 kann bis zu zwölf Tonnen tief ins All transportieren - während die Spectrum-Rakete nur in die nähere Erdumlaufbahn in rund 600 Kilometer Höhe startet.
Nächste Raketenprojekte aus Deutschland und Europas Souveränität
Aber die nächste Stufe könnte schon bald gezündet werden - auch aus Bayern: Die Rocket Factory Augsburg will noch in diesem Jahr eine etwas größere Rakete starten, die auch höher fliegen kann.
Es gibt also noch einiges zu tun - aber ein erster Schritt in Richtung europäischer Souveränität in der Raumfahrt ist gemacht.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview Walther Pelzer, DLR
- Isar Aerospace
- Nachrichtenagentur DPA
- Rocket Factory Augsburg
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 06.09.2026, 18:45 Uhr
