Neue Ziegel aus alten Baustoffen in Erkelenz
Lokalzeit aus Aachen. 09.07.2026. 07:50 Min.. Verfügbar bis 09.07.2028. WDR. Von Julia Küppers.
Etwa jede Sekunde ein Ziegelstein: Das große Beton-Rad mit den Ziegelformen dreht sich, die Maschine streicht den fertig gemischten Ton in die quadratischen Öffnungen, ein Stempel drückt die Rohlinge aus der Form auf das Förderband. Säuberlich aufgereiht werden die frischen Ziegelsteine abtransportiert und zum Trocknen in große Regale geschoben.
20 Prozent weniger Erdgas
Die unscheinbaren Exemplare haben es in sich. Hier entsteht der so genannte Circobrick. Darin stecken zu 70 Prozent alte Ziegelsteine und nur noch 30 Prozent frischer Ton und Lehm.
"Durch den Einsatz von Alt-Ziegeln als Sekundärrohstoff sparen wir beim Brennen ungefähr 20 Prozent der Energie.“ Marcus Gillrath, Geschäftsführer Ziegel- und Klinkerwerk Gillrath
Stolz auf Circobrick: Ziegelei-Chef Marcus Gillrath
Beim Abbruch von Häusern fallen jede Menge alte Ziegel an. Normalerweise landen sie als Bauschutt auf der Deponie oder dienen als Füllmaterial im Straßenbau. Die Ziegelfabrik Gillrath, seit über 130 Jahren am Standort in Erkelenz, verwendet das Material jetzt wieder neu.
Produktion mit Recyclingziegeln
Hinter der Ziegelfabrik mit dem hohen Schornstein liegt die Lehmgrube, die Gillrath immer noch für Produktion nutzt. Ein großer Haufen Lehm, ein großer Haufen Ton und ein kleinerer Haufen mit feingemahlenem rotem Ziegelstein.
Marcus Gillrath lässt ihn sich durch die Hand rinnen: "Das ist unser Recyclingmaterial, mit Hilfe eines Spezialmittels bereiten wir es wieder zu einem formbaren Produkt auf.“ Die Mischung aus Lehm, Ton und Recyclingziegeln geht in den normalen Produktionsprozess. Wird gewalzt, mit Wasser gemischt, zu Klumpen geformt und zu Ziegeln gepresst.
"Trial and Error" in der Ziegelfabrik
Im Produkt steckt jede Menge Experimentier- und Forschungsarbeit. Ein Jahr hat die Ziegelei mit der Hochschule Koblenz an der Rezeptur gearbeitet, mit immer neuen Dosierungen – nach dem Prinzip „Trial and Error“, sagt der junge Firmenchef: "Wir haben hunderte Probemuster gemacht und geschaut: Hat’s jetzt die richtigen Eigenschaften? Hat’s die richtige Optik?“
Pascal Seffern, Hochschule Koblenz
Das Problem: Nur mit Hilfe eines passenden Zusatzstoffes lassen sich aus alten wieder neue, brauchbare Ziegel brennen. Bei der Suche nach der perfekten Mischung wurde die Ziegelei von der Hochschule Koblenz wissenschaftlich begleitet.
"Gebrannte Ziegelsteine sind eigentlich totes Material. Man muss diese Knetbarkeit wieder hinbekommen und gleichzeitig die physikalischen Eigenschaften erhalten, beispielsweise die Wasseraufnahme.“ Pascal Seffern, Professor für Silikatkeramik, Hochschule Koblenz, Campus Höhr-Grenzhausen
Wissenschaftliche Begleitung
Ziegelwerk Gillrath: Blick in die Produktionshalle
Ein Student von Pascal Seffern hat die Experimente mit unterschiedlichen Mischungen vor Ort überwacht und seine Bachelor-Arbeit darüber geschrieben. Am Ende stimmte das Ergebnis – und der Zusatzstoff war gefunden, der die Altziegel wieder zum Leben erweckt; die Rezeptur ist übrigens streng geheim.
Im Showroom der Ziegelei sind die Circobricks ausgestellt: Die Farbskala reicht von hell- bis kaminrot, auch schwärzliche und ins Grau spielende Steine sind dabei. "Jeder Stein ist Unikat“, sagt Marcus Gillrath. "Man kann im Vorhinein nicht sagen, was rauskommen wird.“ Das gefalle den Kunden. Uniforme Steine könnten sie auch im Baumarkt bekommen, meint er und lacht.
Ziegelsteine gehen noch klimafreundlicher
Konkret im Einsatz sind die Steine zum Beispiel beim Bau der neuen Feuerwache in Mönchengladbach-Rheydt. Marcus Gillrath leitet das Unternehmen gemeinsam mit seinem Bruder in der vierten Generation. Der Recycling-Ziegel ist für sie nur ein erster Schritt. Beide haben sich voll der Kreislaufwirtschaft verschrieben.
"Ich möchte bei uns Steine herstellen, die ganz langlebig sind, die während der Nutzung repariert werden können, die nach dem Nutzungsende wieder benutzt werden können und recycelt werden können.“ Marcus Gillrath, Geschäftsführer Ziegel- und Klinkerwerk Gillrath
Experimente mit Geopolymeren
Der nächste Schritt: Brenntemperatur und CO2-Emissionen weiter senken. Beim Circobrick wird der Ofen nur noch auf tausend Grad Celsius erhitzt – statt bis zu 1150 Grad wie bei herkömmlichen Ziegelsteinen. Es geht noch mit deutlich geringeren Temperaturen, sagt Keramik-Ingenieur Pascal Seffern: "Wir reduzieren die Sinter-Temperatur, indem wir einen Rohstoff hinzugeben, der signifikant früher in eine Art Schmelzphase eingeht.“
Auch am nächsten Schritt arbeiten Ziegelfabrik und Wissenschaft schon. Durch den Einsatz von so genannten Geopolymeren, speziellen mineralischen Bindemitteln, lassen sich Ziegelsteine im Prinzip fast ohne Brennen herstellen. Aber wie gesagt: Das ist noch ein weiter Weg.
Dieser Beitrag ist Teil der WDR-Serie "Zukunft Wirtschaft". Hier geht's zur Übersicht:
Unsere Quellen:
- Besuch der Ziegel- und Klinkerwerke Gillrath, Erkelenz
- Interview Pascal Seffern, Hochschule Koblenz
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Aachen, 09.07.2026, 19:30 Uhr