Nach dem Zweiten Weltkrieg prägten über Jahrzehnte britische Kasernen, Militärfahrzeuge oder der Soldatensender BFBS den Alltag vieler NRW-Städte. Die Kulturwissenschaftlerin Bettina Blum erforscht seit Jahren, wie die britischen Streitkräfte das Leben in NRW verändert haben – und wie daraus Freundschaften und Familien entstanden. "Da ist das ganze Spektrum an menschlichen Beziehungen passiert", berichtet sie, "Streit und Konflikte, aber auch Freundschaften und Liebesbeziehungen."
Blum arbeitet an der Universität Paderborn und hat mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Projekt zur Geschichte der britischen Truppenstationierung durchgeführt. Daraus ist das Buch "British Forces in Germany" entstanden. Blum hat auch eine Ausstellung für den NRW-Tag in Münster am kommenden Wochenende entwickelt.
Britische Truppen in NRW
Nach 1945 waren in NRW etwa 55.000 Soldaten des britischen Heeres stationiert, dazu kamen rund 10.000 bis 12.000 Angehörige der Royal Air Force. Und ungefähr noch einmal so viele Familienangehörige, sagt Bettina Blum. Insgesamt lebten damit zeitweise weit über 70.000 Menschen in der britischen Militär-Community in NRW.
Im Unterschied zu vielen US-Standorten waren die britischen Einheiten jedoch meist kleinteilig verteilt. Statt großer abgeschlossener Areale gab es vielerorts einzelne Straßenzüge oder kleinere Siedlungen, in denen britische Familien wohnten.
Luftaufnahme des Hauptquartiers Mönchengladbach-Rheindahlen
Bildquelle: WDR / Frank R. WeihsdEine Ausnahme bildete Mönchengladbach-Rheindahlen: Dort befand sich das Hauptquartier der britischen Truppen, zeitweise lebten dort etwa 12.000 Menschen in einer großen Siedlung. Diese räumliche Nähe führte dazu, dass sich das Alltagsleben von Deutschen und Briten häufig unmittelbar berührte – auf der Straße, beim Einkaufen oder in der Schule.
Vom Feindbild zur Nachbarschaft
Das Verhältnis der britischen Soldaten zur NRW-Bevölkerung war zunächst angespannt. "Auf beiden Seiten gab es Feindbilder und Traumata, auf beiden Seiten waren Menschen gestorben“, sagt Blum.
Manche Deutsche hatten die Briten als Befreier sehnlich erwartet und begrüßten sie entsprechend. Für andere brach mit dem Kriegsende zunächst eine Welt zusammen: Sie sahen die Soldaten als feindliche Besatzungsmacht und erlebten ihren Alltag als von den Militärbehörden bestimmt.
Offiziell war der Kontakt zwischen britischen Soldaten und Deutschen anfangs verboten – aus Sicherheitsgründen und aus Angst vor möglichen Angriffen. Diese Trennung wurde aber schnell durchbrochen. "Aus vielen Zeitzeugenberichten wissen wir, dass beide Seiten relativ direkt Kontakt miteinander aufgenommen haben", so Blum. Kinder bekamen Schokolade oder Kaugummi zugesteckt und lernten Sätze wie "Tommy, do you have chocolate?"
Konflikte im Besatzungsalltag
Wie lange es dauerte, bis Vertrauen wachsen konnte, hing laut Blum stark von den Erfahrungen vor Ort ab. Ein wichtiger Streitpunkt waren beschlagnahmte Häuser und Wohnungen. Die britischen Streitkräfte – wie auch andere Besatzungsmächte – benötigten Unterkünfte und Dienstgebäude.
Ein britischer Soldat heiratet eine Deutsche im Jahr 1948
Bildquelle: picture alliance / APWer solche Enteignungen über Jahre als persönliche Verletzung erlebt hatte, tat sich oft schwer, die britischen Soldaten später als Partner oder Freunde zu sehen. "Für manche gibt es eine Abneigung bis heute", berichtet Blum. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Berichte von Paaren, die sich wenige Tage oder Wochen nach Kriegsende kennenlernten, sich sympathisch waren und eine Beziehung begannen.
Von Truppenstandorten zum Wohnvierteln
Die militärische Präsenz der Briten hat NRW auch städtebaulich geprägt. In vielen Städten entstanden große Kasernenareale, Schießbahnen und Munitionslager. Seit dem Abzug der Truppen stellt sich vielerorts die Frage: Was passiert mit den Flächen?
„Manche Kasernenbereiche lagen in Innenstädten, für die hat sich meistens recht schnell eine Nachnutzung ergeben“, erklärt Blum. Dort entstanden neue Wohngebiete, Hochschulen oder Fachschulen. In anderen Regionen siedelten sich Industrie oder Gewerbe an.
Schwieriger ist die Umnutzung bei früheren Übungsplätzen oder abgelegenen Munitionslagern. Hier sind oft Altlasten oder Sicherheitsfragen zu klären, bevor neue Nutzungen möglich werden.
Britisches Radio, Bibliotheken und Filmabende
Während US-Truppen den "American Way of Life" präsentierten – vom Westernfilm bis zu Fast-Food-Ketten –, gingen die Briten in NRW subtiler vor. "Sie haben das weniger offensiv gemacht als die Amerikaner, aber es ging ihnen natürlich auch darum, ihre Werte in Deutschland bekannt zu machen", sagt Blum.
Queen Elisabeth II. bei einer britischen Militärparade in Paderborn im Jahr 1977
Bildquelle: WDREin wichtiges Instrument waren Informationszentren, die "Brücke" genannt wurden. Diese Einrichtungen wurden in den späten 1940er-Jahren in vielen Städten gegründet. Sie boten englische und deutschsprachige Zeitungen und Bücher, veranstalteten Diskussionsabende und Filmvorführungen.
Große Bedeutung hatte zudem der britische Soldatensender BFBS. Viele Jugendliche in NRW hörten dort Musik, die in deutschen Programmen anfangs kaum zu finden war – häufig gegen den Widerstand ihrer Eltern.
Heute sind die Spuren der britischen Streitkräfte fast vollständig aus NRW verschwunden. Im Stadtbild, in Familienbiografien und in kulturellen Erinnerungen bleiben sie aber auch nach über 80 Jahren weiterhin erhalten.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Kulturwissenschaftlerin Bettina Blum
Sendung: WDR 3, Resonanzen, 26.08.2026, 18:10 Uhr