Wer heute an Hexen denkt, mag vielleicht ans Mittelalter denken oder an eine Verkleidung an Halloween. Aber selbst ernannte Hexen gibt es als Witchfluencer auf Tiktok, Instagram oder Dienstleistungsplattformen wie Etsy. Lebensberatung, Zauberspruch, Manifestation - für ein paar Euro ist das zu haben.
Online-Zaubersprüche gegen Geld
Moderne Hexen sind in Europa und Nordamerika verbreitet, weil sie Ordnung für das eigene Leben versprechen. "In der westlichen Welt handelt es sich eher um eine Selbstidentifikation. Also um Menschen, die sich selbst als Hexen verstehen und das auch praktizieren.", sagt der evangelische Theologe Fabian Maysenhölder im Gespräch mit dem WDR.
Ganz ungefährlich sei das nicht, vor allem für Hunderttausende Gläubige, die mit ominösen Heilsversprechen dazu gebracht werden, bei sogenannten "Etsy"-Hexen viel Geld für "Zaubersprüche" oder sonstige Rituale auszugeben.
Wie hier auf der Plattform "Etsy" werden Hexen-Zauber gegen Geld angeboten.
Bildquelle: EtsyHexen verkörpern individuelle Spirtualität
Besonders erfolgreiche "Witchfluencer" erreichten ein Millionenpublikum, so Maysenhölder: "Motivationsfaktor ist natürlich, dass man sich die Welt kontrollierbar machen kann." Solch ein magisches Denken sei weit verbreitet, auch weil sich die religiösen Vorstellungen in der Bevölkerung mit dem Niedergang der großen Volkskirchen verändert haben.
Jeder soll seine eigene Spiritualität leben können. Und das ist, was die Hexen ziemlich genau verkörpern. Fabian Maysenhölder, Evangelischer Theologe
Der evangelische Theologe hat jüngst ein Buch über "Witchfluencer" veröffentlicht, in dem er das Weltbild und das Geschäftsmodell moderner Hexen auf TikTok und anderen Social-Media-Kanälen unter die Lupe nimmt. Verschwunden sei der Hexenglaube aus Europa bis heute nicht, sagt Maysenhölder.
Hexen werden verfolgt - auch heutzutage
Was in der westlichen Welt als individuelle Weltanschauung seinen Platz hat, bedeutet für viele Frauen auf der Welt Angst vor Verfolgung, Folter und Tod. Hexen-Verfolgung findet auch heutzutage statt.
2012 wurde Christina Pakuma aus Papua-Neuguinea Opfer einer brutalen Hexenjagd. Sie wurde beschuldigt, mit schwarzer Magie den Tod eines Mannes herbeigeführt zu haben. Zur Strafe wurde sie tagelang schwer gefoltert und gequält. Nur mit viel Glück konnte sie ihren Peinigern entkommen. Eine Ordensschwester nahm sie bei sich auf und schützte Christina vor weiterer Verfolgung.
Die Ordensschwester Lorena Jenal half Christina Pakuma bei ihrer Flucht.
Bildquelle: Martin SchuttBis zu 70.000 angebliche Hexen getötet
Bei Pakuma handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Berichte über die Verfolgung angeblicher Hexen gibt es aus 47 Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika. In den vergangenen 60 Jahren sollen Schätzungen zufolge weltweit bis zu 70.000 Menschen dem Hexenwahn zum Opfer gefallen sein - vor allem Frauen und Kinder.
Künstlerische Darstellung einer Hexenverbrennung in Europa
Bildquelle: AKGTreffen die Zahlen zu, dann hätte die moderne Form der Hexenverfolgung bereits mehr Todesopfer gefordert, als 300 Jahre kirchliche und staatliche Verfolgung in der Frühen Neuzeit. Historikern zufolge wurden zwischen 1450 und 1750 in Europa 40.000 bis 60.000 Menschen wegen des Vorwurfs der Hexerei hingerichtet.
Meist Frauen und Kinder betroffen
Im ländlichen Papua-Neuguinea, in Ghana oder Benin müssten Hexen hingegen um ihr Leben fürchten. Dort treffen die Verfolgungen meist Frauen oder Kinder, die beschuldigt werden, durch Magie Krankheiten oder sonstiges Unglück über die Gemeinschaft gebracht zu haben. Im besten Fall werden sie nur aus der Gemeinschaft verstoßen, im schlimmsten Fall drohen ihnen Folter, Vergewaltigung und Tod. "Immer öfter werden die Übergriffe öffentlich inszeniert, gefilmt und über Soziale Medien verbreitet", sagt Missio-Präsident Dirk Bingerer. Dies verleite Nachahmer dazu, auch in ihrem Dorf gegen angebliche Hexen vorzugehen.
Forderung: Tag gegen Hexenwahn
Der Fall von Christina Pakuma aus Papua-Neuginea ist seit 2020 Anlass eines Gedenktags. Das katholische Hilfswerk Missio aus Aachen erinnert am 10. August an den Fall - dem Datum, als Christina die Flucht vor den selbst ernannten Hexenjägern gelang. Missio hat die Vereinten Nationen dazu aufgerufen, den 10. August als offiziellen UN-Gedenk- und Aktionstag gegen Hexenwahn auszurufen. Ein solcher Tag soll dazu motivieren, verlässliche Daten über solche Menschenrechtsverletzungen zu erheben und Strategien zu entwickeln, das zu verhindern.
Unsere Quellen:
- Katholische Nachrichten-Agentur (KNA)
- WDR-Interview mit Fabian Maysenhölder
- Informationen von Missio Aachen
- Anzeigen auf TikTok und Etsy
Sendung: WDR 5, Morgenecho, 10.08.2026, 07.55 Uhr