Bereits der erste Satz sitzt: "Wir finden zueinander, weil wir die dicksten Mädchen der Schule sind." Damit gibt Lena Schätte den Ton vor. Ihr Text ist nüchtern, kompakt. Sie erzählt von zwei Freundinnen, die anders sind als die anderen. Es geht um Körper, Gewalt und Ausgrenzung - ein kraftvoller, existentieller Text, wie es in der Begründung der Jury heißt. Lena Schätte selbst war von ihrem Erfolg überrascht.
Es sei wie ein Fiebertraum, sagte sie unmittelbar nach der Verleihung. Mit einem Tag Abstand bestätigte sie im WDR diesen Eindruck. Sie erlebe zur Zeit eine Mischung aus Gefühlen: "Es ist ganz schön, aber auch anstrengend und ein bisschen überfordernd." Zu ihrem Text "Was wir tragen" sagte die 32-Jährige, es sei ein Text über Körperdiskriminierung, aber auch eine Geschichte über prekäres Aufwachsen und Armut.
Von der Pflegerin zur Autorin
Lena Schätte selbst hat eine für den Literaturbetrieb ungewöhnliche Biografie. Erst mit Ende zwanzig studierte die Lüdenscheiderin Kreatives Schreiben. Zuvor hatte sie als Pflegerin in der Psychiatrie gearbeitet. In ihrem Vorstellungsvideo zum Bachmannpreis sagte Lena Schätte, sie wisse, dass das hier gerade ein Privileg sei und ein Zustand, der sich ganz schnell wieder ändern könne. "Aber das ist gar nicht schlimm, ich war auch total gerne Pflegerin."
In ihren Figuren spiegelt sich eine gewisse Ambivalenz. Die Jury lobte ihren Text dafür, dass er weder wehleidig noch anklagend sei und die beiden Mädchen nicht zu Opfern mache. Lena Schätte beschreibt das als ein zentrales Thema ihres Schreibens. Die 32-Jährige interessiert sich, wie sie selbst sagt, nicht für Stereotype. Sondern Ambivalenz sei das, was eine Figur lebendig mache.
Wir Menschen haben immer einen Bruch, irgendwas, das im Ungleichgewicht steht. Niemand ist nur wunderbar und fürsorglich und liebevoll. Die Bruchstellen finde ich besonders spannend. Lena Schätte, Autorin
Erfolg direkt mit dem ersten Buch
Das zeigt sich auch in ihrem Debütroman "Das Schwarz an den Händen meines Vaters", der im letzten Jahr erschienen ist und mit dem sie auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand. Darin erzählt sie vom Aufwachsen mit einem alkoholkranken Vater. Der Roman ist von ihrer eigenen Biografie geprägt - ähnlich wie der Text, für den sie jetzt in Klagenfurt ausgezeichnet wurde.
Im Vorfeld hatte sie Sorge, wie die Jury urteilen würde. Dass sie ihren Text als Sozialkitsch abwerten könnte. Doch diese Furcht war unbegründet. Lena Schätte beschreibt den Bachmann-Wettbewerb als eine Veranstaltung, die die Texte in die Mitte stellt - eine Art Eurovision Song Contest, nur eben für Literatur. In der Pflege jedenfalls wird man noch eine Weile auf sie verzichten müssen. Denn ihre Karriere als Autorin fängt gerade erst an.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Lena Schätte
- eigene Recherche
Sendungen:
WDR 3, Westart, Interview mit Lena Schätte, 29.06.2026, 12.10 Uhr
WDR 3, Mosaik, 29.06.2026, 06.04 Uhr