Lukas Podolski and Markus Krampe beim Glücksgefühle-Festival

Wirbel um Alphaville-Aufritt Wie unpolitisch müssen Festivals sein?

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Die Band Alphaville aus Münster war vom Glückgefühle-Festival ausgeladen worden, weil die Veranstalter keine politischen Äußerungen auf der Bühne wollten. Was bedeutet das für die Festival-Landschaft?

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Felix Wessel

Wenige Tage vor der mit Spannung erwarteten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die als gesichert rechtsextrem eingestufte Landes-AfD klar in Führung liegt, schlug eine Meldung aus der Musikbranche große Wellen: Alphaville (international bekannt durch Hits wie "Forever Young") sollte nicht beim Glücksgefühle-Festival auf dem Hockenheimring auftreten.

Laut Sänger Marian Gold lag das daran, dass die Veranstalter keine politischen Themen oder Äußerungen jeglicher Art auf der Bühne duldeten. Gold sprach von einem "Maulkorberlass - uns allen bestens bekannt aus Diktaturen". Der Sänger hatte sich zuletzt bei Konzerten deutlich gegen rechtsradikale Tendenzen und für Freiheit, Toleranz und Demokratie ausgesprochen.

Alphaville auf dem Bautz Festival

Alphaville-Sänger Marian Gold bezieht öffentlich Position gegen Rechtsextremismus.

Bildquelle: IMAGO/nordphoto GmbH / Christian Schulze

Diskussion wegen Alphaville-Ausladung: Maulkorb oder Good Vibes Only?

Ganz anders auf das Thema schauten zunächst die Festival-Veranstalter, zu denen auch der Kölner Ex-Fußballer Lukas Podolski gehört: "Unsere Bühne ist keine Plattform für politische Äußerungen", teilen sie zunächst mit. Das Glücksgefühle-Festival sei komplett unpolitisch - "und das gilt unabhängig davon, in welche politische Richtung eine Äußerung geht: für rechts, für links oder für jede andere politische Richtung".

Alphaville habe in diesem Jahr bei einem früheren Auftritt, den der Veranstalter organisierte, "zahlreiche politische Äußerungen auf der Bühne getätigt". Das habe bei einigen Besuchern für Unmut gesorgt und die "ausgelassene Stimmung getrübt". Beim Glücksgefühle-Festival gehe es aber um "Good Vibes Only" - also um eine gute Stimmung und darum, den Alltag hinter sich zu lassen.

Feuerwerk und Besucher beim Abschluss des «Glücksgefühle-Festivals» in Hockenheim

Beim Glücksgefühle-Festival soll es "Good Vibes Only" geben.

Bildquelle: Sascha Thelen/ dpa

Kehrtwende bei Glücksgefühle-Festival: Alphaville wieder erwünscht

Mittlerweile gibt es allerdings eine Kehrtwende. Festival-Veranstalter Markus Krampe räumte gegenüber der "Bild"-Zeitung ein, einen Fehler gemacht zu haben. "Das tut mir leid. Meinungsfreiheit ist das höchste Gut, das wir in Deutschland haben, sie ist zu schützen.

Man lade Alphaville ein, "wie geplant Teil des Festivals zu sein", sagte Krampe. "Nicht als Zeichen eines Nachgebens, sondern als bewusste Entscheidung für das, was uns verbindet.“ Er hoffe, die Aufmerksamkeit wieder auf die Musik und die Menschen vor und hinter der Bühne lenken zu können. Doch unabhängig davon, dürfte die Debatte über Musikfestivals und Politik noch nicht zu Ende sein.

Absprachen über politische Statements bei Musik-Festivals nicht üblich

Dass vorab Absprachen über politische Meinungsäußerungen auf der Bühne getroffen werden, sei "definitiv nicht üblich", sagt Holger Jan Schmidt. Er ist Generalsekretär von Yourope, dem europäischen Festivalverband. Mitglied in der Organisation sind auch NRW-Festivals wie Parookaville auf dem Flugplatz Weeze oder Haldern Pop am Niederrhein.

Ruhrpott Rodeo-Festival in Hünxe

Ruhrpott Rodeo-Festival in Hünxe

Bildquelle: IMAGO/biky/marco stepniak

"Wenn jemand eine Veranstaltung machen will, die politikbefreit ist, kann man das machen, aber dann muss man von vornherein so planen", findet Alex Schwers. Er organisiert das "Ruhrpott Rodeo", ein jährliches Punkrock-Festival in Hünxe im Kreis Wesel. Schwers findet aber: Man könne Künstlern nicht vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. "Da wundere ich mich total."

"Tatsächlich bucht man Acts in Kenntnis ihrer Performance und weiß, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie sich politisch äußern", betont auch Holger Jan Schmidt auf WDR-Anfrage. "Alle mir bekannten Gastspielverträge beinhalten zudem eine Klausel, die den Acts komplette künstlerische Freiheit garantiert und besagt, dass Veranstaltende kein Mitspracherecht haben."

Sind unpolitische Festivals überhaupt möglich?

Und geht das überhaupt, ein komplett unpolitisches Festival zu veranstalten?
"Unpolitisch im Sinne von 'Politikfreiheit' wird in diesem Fall nahezu unmöglich umzusetzen sein", findet Schmidt. Grundsätzlich bewegten sich Konzert- oder Festivalveranstalter immer im Rahmen gesellschaftlicher Relevanz.

Sie sind in seinen Augen dann auch politisch, "denn Kultur eine Bühne zu geben, hat immer eine Wirkung". Das bringe auch eine Verantwortung mit sich, "die wiederum alle Veranstaltenden für sich selbst erkennen und umsetzen müssen".

Politik auf dem Glücksgefühle-Festival - auch wegen Marteria und Gabalier

Und egal, ob Alphaville nun am Hockenheimring auftreten wird oder nicht: Verschwunden ist das Thema Politik beim Glücksgefühle-Festival nicht. Zum einen wird natürlich nun intensiv über die Aus- und Einladung diskutiert. Und außerdem stehen am Hockenheimring Künstler mit ganz unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Ansichten auf der Bühne.

Zum einen tritt beim Glücksgefühle-Festival der selbsternannte "Volks-Rock'n'Roller" Andreas Gabalier auf. Er ist einer der erfolgreichsten österreichischen Schlagersänger. Kritiker werfen ihm allerdings immer wieder Rechtspopulismus und Sexismus vor.

Auf der Bühne steht außerdem Marteria, Rapper aus Rostock in Mecklenburg-Vorpommern, wo in weniger als drei Wochen ebenfalls eine Landtagswahl ansteht. In dem Bundesland liegt weiter die AfD in Umfragen vorne, auch wenn die regierende SPD zuletzt aufholen konnte. Rapper Marteria betonte zuletzt noch einmal, er habe "tatsächlich keinen Bock", dass die AfD die Landesregierung stelle.

Marteria bei seiner "Zum Glück in die Zukunft Tour" 2026

Klare Kante gegen Rechtsextremismus: Rapper Marteria.

Bildquelle: IMAGO/Fotostand/Voelker

Nicht alle Festivals distanzieren sich von politischen Inhalten

Anders als das Glücksgefühle-Festival versteht sich das Ruhrpott Rodeo als "sehr politisches Festival", wie Veranstalter Alex Schwers erzählt. Allerdings zeige man das nicht durch Statements des Festivals nach außen, sondern eher "durch das Booking an sich" - also die Künstler, die man einlade und für die Veranstaltung buche.

Jan Gorkow, Sänger von Feine Sahne Fischfilet bei Rock am Ring 2025

"Feine Sahne Fischfilet" engagiert sich gegen Rechts

Bildquelle: Sascha Ditscher/ dpa

Beim letzten Festival ist Ende Juni auch die Band "Feine Sahne Fischfilet" aufgetreten. Die Gruppe gilt unter anderem wegen ihres gesellschaftspolitischen Engagements und ihrer Texte als links. Sie positioniert sich klar gegen Rechtsextremismus und Rassismus.

Punkrock stehe im Allgemeinen eher links der Mitte, betont Festival-Veranstalter Schwers. Er wähle die Bands aber nicht danach aus, dass sie sich links positionierten. Das Ruhrpott Rodeo sei ein Festival, bei dem "man kontroverse Haltungen vertreten und sich reiben darf".

"Das ganze Festival steht für Toleranz und Offenheit und das kann frei artikuliert werden." Alex Schwers, Veranstalter des Festivals "Ruhrpott Rodeo"

Schwers sagt dem WDR: Es sei von Alphaville ein "guter, sympathischer Move, sich zu positionieren". Er könne sich gut vorstellen, dass die Band auch ein geeigneter Act für sein Festival im nächsten Jahr sein könnte - auch wenn sie musikalisch eher etwas aus dem Rahmen fallen würde.

Mehr Druck auf Künstler, sich politisch zu positionieren

Holger Jan Schmidt vom Festivalverband Yourope sieht bei den Musikfestivals grundsätzlich keine Tendenz hin zum Unpolitischen. "Eher umgekehrt erlebe ich mehr Veranstaltende, die sich gesellschaftlich in verschiedenen Bereichen engagieren". Es gebe außerdem gerade auf populäre Künstlerinnen und Künstler mehr Druck, sich zu positionieren bzw. ihrer Reichweite und Verantwortung gerecht zu werden.

Yourope habe bereits 2015 ein Leitbild formuliert, aus dem kurze Zeit später die Initiative "Take A Stand" (auf Deutsch so viel wie "Position ergreifen" oder "Zeichen setzen") erwachsen ist. Dabei gehe es um Werte und Verantwortung.

Schmidt betont: Festivals seien Räume, "in denen über kurze Zeit Utopien gelebt werden, die von Toleranz, Diversität, Respekt, kulturellem Austausch und friedlichem Dialog geprägt sind". Eine freie und offene Gesellschaft sei dafür die Grundlage. Der Verband zeigt sich daher fest überzeugt, dass sich Festivals für den Erhalt dieser Werte in der Gesellschaft einsetzen müssten.

Wie unpolitisch müssen Musikfestivals sein?

WDR Studios NRW 03.09.2026 2 Min. 29 Sek. Verfügbar bis 02.09.2028 WDR Online

Unsere Quellen:

Sendung: wdr.de, Wie politisch müssen Festivals sein?, 03.09.2026, 15:30 Uhr.

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