Marina Abramović, eine der bedeutendsten Vertreterinnen der Performancekunst, kommt zur Ruhrtriennale 2026 nach NRW
Bildquelle: WDR/Marco AnelliBalkan-Erotik und David Bowie : Das sind die Highlights der Ruhrtriennale
Die "Ruhrtriennale - Festival der Künste" ist eines der großen kulturellen Aushängeschilder NRWs. Für je drei Jahre bringen international renommierte Künstlerinnen und Künstler hoch angesehene Produktionen ins Ruhrgebiet und verbinden sie mit dem Industriecharme der Region. Schauspiel, Tanz, Musiktheater und Konzerte - wir haben die Highlights gesammelt.
"Balkan Erotic Epic" von Marina Abramović
Marina Abramović kehrt mit "Balkan Erotic Epic" in die Mythenwelt ihrer Herkunft zurück. In 13 Szenen verschmelzen Fruchtbarkeitsrituale, Trauerbräuche und sexuelle Beschwörungen zu einem vierstündigen Parcours. Nackte Körper, riesige Phallusskulpturen, Gesang und Tanz erscheinen nicht als Provokation, sondern als Zeichen einer Kultur, in der Erotik, Tod und Spiritualität eng zusammengehören.
Über 70 Mitwirkende verwandeln die Duisburger Kraftzentrale in eine begehbare Installation. Das Publikum entscheidet selbst, welchen Bildern es folgt. Abramovićs Arbeit schwankt zwischen Groteske und Pathos, Folklore und Erinnerung. Und stellt die Frage: Was geht verloren, wenn moderne Gesellschaften den Körper nur noch als Privatsache begreifen?
- "Balkan Erotic Epic" läuft vom 3.9.-11.9. in der Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord.
David Bowies Musik in einer dystopischen Zukunft
"Rebel Rebel" erzählt von einem Liebespaar, das sich in einer düsteren Zukunft gegen ein repressives Regime auflehnt. Grundlage sind Songs der Musikikone David Bowie. Die Jahrhunderthalle Bochum liefert die perfekte Szenerie für diese unheimliche Fantasie. Kann die Liebe siegen?
Ivo van Hove, Intendant der Ruhrtriennale, hat kurz vor Bowies Tod dessen einziges Musical "Lazarus" realisiert. Mit Henry Hey ist ein musikalischer Leiter an Bord, der auch dort mitgearbeitet hat. Gemeinsam übersetzen sie Bowies markanten Sound in ein interdisziplinäres Musiktheaterstück.
- "Rebel Rebel" läuft vom 20.8.-4.9. in der Jahrhunderthalle Bochum.
Chansons treffen auf Choreografie
Jacques Brels Chansons kommen durch die belgische Choreografin Anna Teresa Keersmaeker in Bewegung. Gemeinsam mit dem Tänzer und Breakdancer Solal Mariotte übersetzt sie Lieder wie "Amsterdam" oder "Ne me quitte pas" in Tanz.
Der Abend fragt, was von Brels großen Gefühlen heute noch trägt. Seine Chansons handeln von Liebe, Verzweiflung, Sehnsucht und männlichem Pathos. De Keersmaeker und Mariotte fügen den Liedern eine eigene Ebene voller Widersprüche hinzu. Hier treffen zwei Generationen aufeinander, kontrollierte Choreografie auf die Energie des Breakdance.
- "Brel" läuft vom 29.8.-31.8. in der Pumpenhalle in der Gebläsehalle, Gleßhalle, Landschaftspark Duisburg-Nord.
Opernstar ohne große Gesten
Emily Dickinson gilt als Dichterin des Rückzugs. Eine Frau im weißen Kleid, eingeschlossen in ihr Haus und in eine Sprache, die bis heute rätselhaft schillert. "Emily – No Prisoner Be" korrigiert dieses Bild. Nicht Gefangenschaft, sondern innere Freiheit steht im Zentrum. Und damit die Weigerung, sich von Erwartungen oder literarischen Formen festlegen zu lassen.
Komponist Kevin Puts hat 24 Gedichte zu einem szenischen Liederzyklus zwischen Kunstlied, Oper und Folkmusik verbunden. Die amerikanische Star-Mezzosopranistin Joyce DiDonato nähert sich Dickinson ohne große Gesten. Mit dem Streichtrio "Time for Three" entsteht weniger ein konkretes Porträt als eine musikalische Spurensuche.
- "Emily - No Prisoner Be" läuft vom 21.8.-23.8. in der Jahrhunderthalle Bochum.
Politische Parabel auf europäische Geschichte
Europa ist bei dem polnischen Regisseur Krzysztof Warlikowski ebenso wie in der griechischen Mythologie kein Kontinent, sondern eine Frau. Als Kind hat sie ein Massaker erlebt und mitverschuldet. Jetzt will sie davon erzählen. Die Erinnerung erscheint als Erbschaft, die sich in nachfolgende Generationen einschreibt.
Warlikowski inszeniert Wajdi Mouawads "Europa’s Pledge" als düstere Geschichte eines Kontinents, der sich als Opfer versteht und doch Täter hervorbringt. Die Warschauer Premiere wurde wegen drastischer Gewaltbilder kontrovers diskutiert. Auch bei der Ruhrtriennale kann "Europa" im Publikum für Aufregung sorgen.
- "Europa" läuft vom 28.8.-31.8. in der Jahrhunderthalle Bochum.
Mehr als nur ein Herbst
"Deutscher Herbst" meint hier nicht nur den Terrorherbst von 1977. Regisseur Christopher Rüping geht in der Geschichte zurück bis zu Stig Dagermans Reise durch das zerstörte Deutschland von 1946. Der schwedische Autor sah Hunger, Ruinen und ein Land auf dem Weg zur Demokratie. Das aber ohne seine Vergangenheit schon begriffen zu haben.
Mit dem Ensemble des Deutschen Theaters Berlin verbindet Rüping diese Nachkriegsbeobachtungen mit 1977 und weiteren deutschen Wendepunkten. Zwischen Dagerman, Caspar David Friedrich und 90er-Pop-Phänomen Blümchen entsteht ein Geschichtspanorama, das eher neu erzählt als wiedererzählt. Wie frei ist eine Gesellschaft, deren Ängste und autoritäre Reflexe jeden politischen Neubeginn überdauern?
- Deutscher Herbst" läuft vom 17.9.-20.9. in der Jahrhunderthalle Bochum.
Sinnsuche als genresprengendes Fest
Hermann Hesses "Siddhartha" ist ein Klassiker westlicher Indiensehnsucht. Das Stück erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der Besitz, Begehren und fremde Lehren hinter sich lässt, um den eigenen Weg zur Erkenntnis zu finden. Regisseurin Lisaboa Houbrechts deutet den Roman um und besetzt die Titelfigur mit der Singer-Songwriterin Meskerem Mees.
Aus Hesses spiritueller Suche wird ein vielstimmiges Musiktheater zwischen Pop, Oper, Sufi-Gesang und indischem Tanz. Die Musik der Komponistin und Pulitzerpreisträgerin Caroline Shaw singt der Lettische Rundfunkchor und führt all diese Elemente zusammen. Dieser "Siddhartha" fragt, wem Geschichten gehören und ob Erleuchtung heute noch als einsamer Weg denkbar ist.
- "Siddhartha" läuft vom 10.9.-13.9. in der Maschinenhalle Zweckel.
Unsere Quellen:
- Einschätzungen des WDR-Reporters
- Programmseiten der Ruhrtriennale
Sendung: WDR 3, Resonanzen, 19.08.2026, 18 Uhr