Ein trauriges Teenager-Mädchen liegt mit einem Smartphone in der Dunkelheit (Symbolbild)

Prozess gegen "White Tiger": Kind in den Suizid getrieben?

Stand:

Ein 21-Jähriger soll im Netz Kinder manipuliert und in einem Fall in den Suizid getrieben haben. Seit heute steht er vor Gericht.

Manipulation, Missbrauch und massive psychische Gewalt gegen Kinder und Jugendliche: Ein 21-Jähriger muss sich seit heute in Hamburg vor Gericht verantworten. Die Vorwürfe gegen den jungen Mann wiegen schwer: Er soll unter dem Pseudonym "White Tiger" als Mitglied der kriminellen Chatgruppe "764" im Internet massiven psychischen Druck auf Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 11 und 15 Jahren ausgeübt haben. Eines seiner Opfer soll er so in den Selbstmord getrieben haben, in fünf weiteren Fällen blieb es beim Versuch.

Die Anklage wirft ihm unter anderem Mord, versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung, schwere sexueller Missbrauch von Kindern sowie Besitz von kinderpornografischen Dateien vor. Der 21-Jährige sitzt seit seiner Festnahme im Juni 2025 in U-Haft.

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Angeklagter in U-Haft verprügelt

Der Angeklagte sei am Donnerstag gemeinsam mit anderen Insassen aus der Jugendvollzugsanstalt Hahnöfersand nach Hamburg in eine Sammelzelle der Untersuchungshaftanstalt gebracht worden, sagte seine Anwältin. Dort hätten einige der Insassen erst seine Uhr verlangt und dann auf ihn eingeschlagen. Eine Gesichtshälfte des Angeklagten sei stark geschwollen.

Weil der Angeklagte die mehr als 200 angeklagten Straftaten selbst noch als Jugendlicher oder Heranwachsender begangen haben soll, findet die Verhandlung vor einer Jugendkammer des Hamburger Landgerichts statt - unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Nach Angaben einer Gerichtssprecherin werden Videochat-Aufzeichungen sowie Zeugenaussagen in dem bis Ende des Jahres angesetzten Verfahren als Beweismittel eine zentrale Rolle spielen. Auch Sachverständige würden gehört. Da die Öffentlichkeit ausgeschlossen sei, könne sie zu "konkreten Details" der Beweisaufnahme aber nichts sagen, betonte die Sprecherin am Freitag. Bestätigt wurde daher nur der Verfahrensbeginn.

13-Jähriger tötete sich vor laufender Kamera

Im Januar 2022 soll "White Tiger" der Anklage zufolge einen 13-jährigen Jungen aus den USA so manipuliert und bedrängt haben, dass er sich vor laufender Webcam das Leben nahm. Wenige Monate zuvor hatte er demnach das Gleiche bei einer 15-jährigen Kanadierin versucht, die aber überlebte. Insgesamt soll der Angeklagte sein grausames Spiel mit mehr als 30 Kindern und Jugendlichen betrieben haben - aus Deutschland und der ganzen Welt.

"White Tiger" Prozess beginnt

WDR Studios NRW 09.01.2026 3 Min. 26 Sek. Verfügbar bis 09.01.2028 WDR Online


Laut Staatsanwaltschaft bestand die Masche des Angeklagten und seiner Komplizen darin, zunächst ein enges Vertrauensverhältnis zu ihren oft psychisch labilen Opfern aufzubauen, die sie zuvor in Sozialen Netzwerken oder Gaming-Plattformen angesprochen hatten.

Anschließend wurden die Kinder und Jugendliche zum Beispiel überredet, vor laufender Webcam sexuelle Handlungen an sich auszuführen. "White Tiger" soll dann seinen Opfern gedroht haben, die Aufnahmen zu veröffentlichen, wenn sie sich seinen immer extremeren Forderungen widersetzen.

Selbstverletzung als Machtbeweis

Unter anderem drängte "White Tiger" die Betroffenen demnach dazu, sich selbst zu verletzen oder zu erniedrigen. Zum Beispiel befahl er ihnen, sich sein Pseudonym in die Haut zu ritzen. Unter den Mitgliedern der Gruppe "764" soll so ein sichtbarer Beweis einer gelungenen Manipulation als großer Erfolg gelten.

Nach Informationen des NDR teilten die Mitglieder der Gruppe Anleitungen, wie man Jugendliche besonders effektiv manipuliert. Besonders anfällig seien Mädchen, "die Depressionen haben oder psychisch krank sind", heißt es in einem dieser Chats. Man müsse ihnen das Gefühl geben, geliebt zu werden - erst dann könne man sie zu Selbstverletzungen oder sogenanntem "Blut-Content" bringen. Wenn sie "alles getan" hätten, solle man sie "wegwerfen". 

Eltern müssen zuhören - nicht strafen

Aber wie bewahrt man seine Kinder vor solchen Manipulatoren? "Einen absoluten Schutz wird es niemals geben", sagte Christina Khosrowi von der Kinderschutzorganisation "Innocence in Danger" dem WDR am Freitag. Verbote könnten Kinder und Jugendliche meistens nicht davon abhalten, sich im Internet frei zu bewegen und soziale Kontakte zu pflegen. Wenn sie aber an die falschen Leute geraten, müssten sie jederzeit sicher sein, dass sie sich vertrauensvoll an ihre Eltern wenden können - und nicht aus Angst vor Bestrafung schweigen.

Ansonsten gehe es schlicht um die Vermittlung von Medienkompetenz, meint Khosrowi. Man müsse seinen Kindern gesundes Misstrauen beibringen, wenn sie plötzlich von Unbekannten mit Liebe und Aufmerksamkeit überschüttet werden. Und nicht erst dann, wenn der neue Netz-Freund unangenehme Dinge von ihnen verlangt.

Habt ihr Suizidgedanken? Hier gibt es Hilfe:

Wer Suizidgedanken hat, dreht sich dabei innerlich meist im Kreis. Dadurch wirkt die Situation festgefahren, der Teufelskreis lässt sich aber durchbrechen.

Anonyme und kostenlose Hilfe finden Betroffene zum Beispiel bei der Telefonseelsorge unter den Rufnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 sowie 116 123. Per Chat bietet die Telefonseelsorge auf dieser Webseite Unterstützung. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention listet hier Beratungsstellen für persönliche Gespräche auf.

Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagenturen dpa und afp
  • Norddeutscher Rundfunk
  • Mitteldeutscher Rundfunk
  • Interview mit Christina Khosrowi

Sendung: WDR 5, Morgenecho, 09.01.2026, 6 Uhr

Kommentare zum Thema

6 Kommentare

  • 6 Daisy Cutter 10.01.2026, 00:19 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

  • 5 Daisy Cutter 10.01.2026, 00:18 Uhr

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  • 4 Monika 09.01.2026, 23:28 Uhr

    Wie sollen junge Menschen erkennen ob jemand falsch ist? Das ist schon für erwachsene Menschen schwer, dann wird es für junge, labile Personen unmöglich sein.

  • 3 Reinhold 09.01.2026, 22:06 Uhr

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  • 2 Hans 2 09.01.2026, 16:27 Uhr

    Aufforderungen zum Begehen merkwürdiger Sachen wären ein Hinweis auf "falsche Leute". Eine völlige Sicherheit gibt es nicht.

  • 1 Bileams Esel 09.01.2026, 15:53 Uhr

    Und wie erkennt man "falsche Leute" bei Sozialkontakten nach Aufbau einer Vertrauensbeziehung? Gilt nicht nur für Jugendliche. Der Rat hört sich billig an. Die Realität birgt "Falschheit" in vielen Facetten.

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