25 Jahre deutschsprachige Wikipedia: Das Problem mit der KI | Aktuelle Stunde

WDR 02:47 Min. Verfügbar bis 11.03.2028

25 Jahre deutschsprachige Wikipedia: Das Problem mit der KI

Stand:

Heute vor 25 Jahren ging die deutschsprachige Wikipedia an den Start. Auch Menschen in NRW arbeiten daran mit. Doch pünktlich zum Jubiläum macht ihr die KI zu schaffen.

Von Bernd Schwickerath

Was vor einem Vierteljahrhundert als Experiment begann, ist heute nicht mehr aus dem Alltag von Millionen Menschen wegzudenken: das Online-Lexikon Wikipedia. Am 15. Januar 2001 ging das Projekt offiziell an den Start. An diesem Montag vor 25 Jahren waren die Website dann auch erstmals auf Deutsch verfügbar.

WDR-Digitalexperte Jörg Schieb zu 25 Jahre deutsches Wikipedia

WDR Studios NRW 16.03.2026 00:53 Min. Verfügbar bis 15.03.2028 WDR Online


Die Idee dahinter: eine kostenlose und werbefreie Wissenssammlung, die von den Leserinnen und Lesern selbst mit Inhalten gefüllt wird. Auch von Menschen aus NRW. In zahlreichen Städten und Gemeinde finden sich Ehrenamtler, die Texte veröffentlichen, ergänzen oder korrigieren. In Köln gibt es gar ein eigenes Wikipedia-Büro und einen regelmäßigen Stammtisch der Wikipedianer, wie sie sich nennen.

Allein auf Deutsch gibt es mehr drei Millionen Wikipedia-Artikel

Digital-Experte Jörg Schieb

Jörg Schieb, WDR-Digitalexperte

Deswegen wächst die Sammlung jeden Tag. Allein in der deutschsprachigen Wikipedia gibt es nach eigenen Angaben etwa 3,1 Millionen Artikel. Die gesamte Website verzeichne jeden Monat weltweit 24 Milliarden Abrufe, sagt WDR-Digitalexperte Jörg Schieb.

Doch pünktlich zum Jubiläum gibt es ein Problem, das langfristig sogar die Existenz des Online-Lexikons bedrohten könnte: Künstliche Intelligenz (KI). Einerseits dadurch, dass sich immer mehr Nutzerinnen und Nutzer ihre Informationen über ChatGPT und Co. holen und Wikipedia an Reichweite verliert. Andererseits, weil sich nun auch auf Wikipedia selbst fehlerhafte KI-Texte finden.

"Das ist tatsächlich ein heißes Thema gerade", sagt Jörg Schieb im WDR Morgenecho. "Erst im Februar dieses Jahres hat die deutschsprachige Wikipedia in einer Abstimmung ein ziemlich klares Signal gesetzt: KI-generierte Texte sind grundsätzlich unerwünscht. Wer wiederholt Artikel einreicht, die erkennbar von einer KI geschrieben wurden, kann sogar unbefristet gesperrt werden."

Früher belächelt, heute eine "Insel des Wissens"

Der Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch auf der Digitalmesse Republica in Berlin

Leonhard Dobusch, Wirtschaftswissenschaftler

Vor 25 Jahren waren die Diskussionen noch andere. Damals wurde Wikipedia belächelt, weil eben jede und jeder einfach dort schreiben konnte. Doch mittlerweile hat sich die Seite zu "einer Insel des Wissens in einem Meer aus Desinformation und Propaganda" gewandelt, sagt der Innsbrucker Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch dem WDR.

Dobusch forscht seit Jahren zu Wikipedia und weiß durchaus um ihre Schwächen:

"Die Wikipedia war von Anfang an durch ihre radikale Offenheit auch offen für Manipulationsversuche." Leonhard Dobusch, Wirtschaftswissenschaftler

"Man hat von Anfang an Mittel und Wege finden müssen, um damit umzugehen", so Dobusch weiter. "Und das Mittel der Wahl in der Wikipedia war radikale Transparenz. Jede Änderung wird dauerhaft nachvollziehbar aufgezeichnet."

Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch zu Wikipedia

WDR Studios NRW 16.03.2026 01:34 Min. Verfügbar bis 15.03.2028 WDR Online


Das verhindert zwar keine falschen oder veralteten Informationen und erst recht keine Manipulationsversuche, aber man könne sie "aufspüren und korrigieren, und das trägt zur Glaubwürdigkeit bei, das ist bei vielen anderen Medien nicht so", sagt Dobusch.

Hinzu komme ein "Zwang zum Kompromiss". Es setze sich also nicht wie bei vielen sozialen Netzwerken der User durch, der "einfach nur laut schreit oder emotionalisiert".

Auch die KI braucht Wikipedia

Wer braucht in Zeiten von KI noch Wikipedia? "Eigentlich alle", sagt Digitalexperte Schieb. "Die KI-Chatbots brauchen Wikipedia, dringend sogar. Fast alle großen Sprachmodelle wurden auch mit Wikipedia-Inhalten trainiert, darauf lernen sie." Und weiter:

"Wikipedia ist sozusagen die Wissensbasis, auf der die KI überhaupt erst aufgebaut hat." Jörg Schieb, WDR Digitalexperte

Alles, was auf Wikipedia erscheint, sei "von echten Menschen recherchiert, geschrieben und geprüft", sagt Schieb. "Jeder Artikel muss Quellen nachweisen. Das ist ein völlig anderes Prinzip als bei einer KI, die im Grunde ja nur Wahrscheinlichkeiten berechnet und Texte zusammensetzt, die plausibel klingen - aber eben nicht immer stimmen müssen."

Zumindest fließt dafür nun Geld. Die großen Tech-Konzerne haben mit der Wikimedia Foundation Lizenzvereinbarungen geschlossen. "Das ist ein wichtiger Schritt, denn Wikipedia finanziert sich ja ausschließlich über Spenden und ist werbefrei", so Schieb.

Der Wikipedia-Community fehlt es an Nachwuchs

Laut Schieb gibt es aber noch ein anderes Problem: "In der deutschsprachigen Wikipedia engagieren sich zwar noch rund 50.000 Menschen pro Jahr, aber die Tendenz ist deutlich rückläufig."

Beispiele gibt es aber dennoch für Menschen, die sich bei Wikipedia engagieren. Wie der 16-jährige Jiaqi aus Bonn, der damit begann, den Artikel über seinen Lieblingsfußballverein Bonner SC zu aktualisieren. Mittlerweile arbeitet er auch an vielen anderen Themen.


"Wikipedia könnte in Zukunft so etwas wie das Qualitätssiegel im Netz werden, der Ort, an dem man nachprüfbar belegtes Wissen findet, während drumherum immer mehr KI-generierte Texte kursieren", sagt Schieb. "Aber dafür braucht es ein Konzept, damit man diesen Wandel auch gestalten kann."

Unsere Quellen:

  • WDR-Interview mit Jörg Schieb im WDR 5 Morgenecho am 16.03.2026
  • WDR-Interview mit Leonhard Dobusch im WDR 5 Morgenecho am 16.03.2026
  • Mitteilung von Wikipedia

Sendung: WDR 5, Morgenecho, Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler Leonard Dobusch, 16.03.2026, 06:16 Uhr
Sendung: WDR 5, Morgenecho, Interview mit WDR-Digitalexperte Jörg Schieb, 16.03.2026, 07:47 Uhr.

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