Letzte Umsiedlung abgeschlossen
WDR. 02:36 Min.. Verfügbar bis 29.06.2028.
Die erneute Verkleinerung des Tagebaus Garzweiler bedeutet für die Stadt Erkelenz, dass Keyenberg, Kuckum, Unter- und Oberwestrich sowie Berverath stehen bleiben. Denn im Oktober 2022 beschließen der Bund, das Land Nordrhein-Westfalen und der RWE-Konzern den frühzeitigen Ausstieg aus der Braunkohle.
Zu diesem Zeitpunkt dauert die Umsiedlung schon fünf Jahre. Viele der einst 1.600 Einwohner haben bereits ihr Haus an den RWE-Konzern verkauft. Heute, am 30. Juni 2026, endet die Möglichkeit, Häuser und Grundstücke im Rahmen der Umsiedlung an RWE zu veräußern.
Umsiedlerin in Alt-Kuckum: Kummer und Schmerzen
Gabi Clever hat einst in Alt-Kuckum gelebt. Hier wurde die heute 63-Jährige geboren. Sie sitzt auf einer Bank im Garten ihres neuen Hauses. Seit Februar 2024 lebt sie am Umsiedlungsstandort.
Gabi Clever sitzt auf der Bank vor ihrem Haus
Gabi Clever spricht von Kummer, von Narben, von verschwendeter Lebenszeit. Nie wollte sie ihre Heimat verlassen. Jetzt weiß sie: Sie ist umsonst umgesiedelt. Die Braunkohle unter ihrem alten Haus wird nicht mehr gebraucht.
"Diese Umsiedlung war völlig sinnlos." Gabi Clever, Umsiedlerin
RWE verkauft Alt-Häuser: Fremde im eigenen Haus
Und der Schmerz hört nicht auf. RWE verkauft die Häuser in den alten Orten auf dem freien Immobilienmarkt. Das alte Haus, dass Gabi Clever mit ihrem Mann gemeinsam gebaut hat, ist bereits verkauft. Fremde Menschen werden jetzt dort einziehen. "Das schmerzt. Wir hatten gefordert, das Haus abzureißen, wollten das auch notariell festlegen. RWE hat sich geweigert", sagt die 63-Jährige. Und dann richtet sie einen Vorwurf an die Politik. Vieles, betont sie, sei über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden worden - bis zum Schluss!
Alt-Berverath bleibt: Froh, geblieben zu sein
Britta Kox steht am Teich
Britta Kox ist den anderen Weg gegangen. Sie ist in Alt-Berverath wohnen geblieben. Lange war die heute 54-Jährige aktiv im Widerstand gegen die Braunkohle unterwegs. Die Entscheidung zu bleiben, nicht an RWE zu verkaufen, habe sehr viel Kraft gekostet, so Britta Kox.
"Vier Generationen haben gelitten. Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als hierzubleiben". Britta Kox
Natürlich - führt sie aus - haben die unterschiedlichen Entscheidungen innerhalb der einstigen Dorfgemeinschaften zu einer Zerrissenheit geführt. Sie hofft, dass die Wunden bald geheilt werden. "Aber für niemanden wird es wieder so wie es einmal war."
Braunkohle und Garzweiler: Politik räumt Fehler ein
Kox hat eine klare Meinung: "Die Politik hat Fehler gemacht!" Als der Tagebau Garzweiler zum ersten Mal verkleinert wurde und damit die Ortschaft Holzweiler stehen blieb, da hätte man ahnen müssen, dass noch mehr kommt, sagt Kox. So sieht man das auch im Erkelenzer Rathaus. "Man hätte in diese Umsiedlung nie gehen dürfen", betont Bürgermeister Stephan Muckel von der CDU. Dennoch sieht er auch eine Chance. Jetzt könne die Stadt die Alt-Dörfer wiederbeleben. Erste Konzepte gibt es. Es seien ja keine Geisterdörfer. Knapp 200 Menschen sind ja geblieben, außerdem leben rund 300 Geflüchtete in den Alt-Orten.
Wegen der Umsiedlung: Manche Orte gibt es zweimal
Letztlich gibt es die Orte nun zweimal. Einmal die Alt-Orte und dann die neuen Orte am Umsiedlungsstandort. Ändern lässt sich das nicht mehr, sagt der Bürgermeister. Aber eines Tages können die Umsiedler ihren Kindern oder Enkeln zeigen, wo sie gelebt, wo sie gewohnt haben. Diese Chance haben die Menschen nicht, deren Heimat zerstört wurde und von einem großen Tagebauloch geschluckt worden ist. Insgesamt sind in den vergangenen Jahrzehnten für die Braunkohletagebaue Inden, Hambach und Garzweiler 50 Dörfer zerstört worden. Mehr als 43.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.
Unsere Quellen:
- Stephan Muckel, CDU, Bürgermeister Stadt Erkelenz
- Gabi Clever, Umsiedlerin
- Britta Kox, Bewohnerin Alt-Dörfer
Sendung: WDR 2 Aachen und die Region, Lokalzeit, 29.06.2026, 11:31 Uhr
Erstveröffentlichung des Artikels am 29.06.2026
