Psychotherapeuten im Kreis Heinsberg klagen über Honorarkürzungen
Bildquelle: WDR/Thomas WenkertWDR. 03:04 Min.. Verfügbar bis 06.08.2028.
Dazu gehört auch Christina Hennen aus Geilenkirchen. Seit 38 Jahren hat sie eine Praxis in der kleinen Ortschaft Kraudorf. Die fast 70-Jährige hat einen so genannten hälftigen Kassensitz - aufgrund ihres Alters. Das bedeutet: Statt 30 Patienten in einem Quartal darf sie jetzt nur noch 18 betreuen.
"Ich bin nicht mehr bereit für ein System zu arbeiten, dass so menschenverachtend mit psychisch kranken Menschen umgeht." Christina Hennen, Psychotherapeutin aus Geilenkirchen
Psychotherapie: Jugendliche bleiben auf der Strecke
Neben Hennen sitzt an diesem Tag Heidi Schulz in der Praxis. Sie arbeitet mit so genannten Systemsprengern zusammen. Kinder und Jugendliche, die sich nicht anpassen können, kein Sozialverhalten haben. Viele sind Opfer von Gewalt geworden und brauchen dringend psychotherapeutische Betreuung.
"Wenn diese Kinder ausflippen, wütend werden, dann finde ich schon jetzt keine Psychotherapeuten", erzählt Schulz. Die meisten haben eine Warteliste von bis zu vier Jahren. Auch ein akuter Fall bekommt dann keinen Vorrang.
Psychologen im Kreis Heinsberg: Lage angespannt
Und diese Kinder, warnt Schulz, werden irgendwann zu Kriminellen. Weil ihnen niemand geholfen hat. Christina Hennen kennt diese Probleme. Jeden Tag würde sie mehrmals von Notfällen angerufen, kann aber nicht vermitteln. "Die Versorgung ist nicht mehr gewährleistet", sagt sie.
Nach den Honorarkürzungen befindet sich die Psychotherapie mehr denn je in einer Krise.
Bildquelle: WDR / picture alliance / dpa/ Christin KloseIhre Branche werde aussterben. Sie selbst wird auch ihre Praxis aufgeben, aus Protest gegen den Sparkurs. Was dann bleibt, beschreibt die erfahrene Psychotherapeutin so: "KI-Chatboots, unpersönliche Apps und schöne bunte Pillen der Pharmaindustrie - das soll offenbar reichen. Das ist ein Armutszeugnis für dieses Land."
Psychotherapie: Patienten im Kreis Heinsberg besorgt
In einer Praxis für Psychotherapie treffen wir zwei Patienten, die anonym bleiben wollen. Sie erzählen, dass sie viele Jahre auf einen Therapieplatz warten mussten. Diese lange Suche hat ihr Leben geprägt, erzählen sie.
Eine Patientin leidet bis heute an den Folgen der großen Flutkatastrophe im Sommer 2021. "Ich habe alles verloren, und dann kam so vieles hoch: ein schwere Verkehrsunfall, die Kindheit", erzählt die 60-Jährige. Eine andere Patientin, 46 Jahre alt, hat Angst ihren Therapieplatz zu verlieren. "Diese Politik geht in die falsche Richtung", sagt sie.
25 Prozent weniger Einnahmen für Branche
Ann-Kathrin Schöltzel hat vor einem Jahr eine Praxis für Psychotherapie in Aachen übernommen, dafür einen Kredit aufgenommen. Jetzt rechnet sie mit Umsatzeinbußen um 25 Prozent. Grund ist die geplante Budgetierung.
Ann-Kathrin Schöltzel hat vor einem Jahr eine Praxis für Psychotherapie in Aachen übernommen.
Bildquelle: WDR/Thomas WenkertSie versteht die Gesundheitspolitik nicht. "Menschen, die sich psychisch krank sind fallen lange im Betrieb aus, gehen vielleicht gar nicht mehr arbeiten. Junge Menschen geben ihre Ausbildung aus, schaffen nie einen Schulabschluss", das sind die Folgen, erklärt die 36-Jährige. Der Schaden für die Volkswirtschaft ist viel größer als die Ausgaben für die Psychotherapie.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Patienten
- Gespräch mit Ann-Kathrin Schötzel, Psychologische Psychotherapeutin
- Gespräch mit Christina Hennen, Psychotherapeutin
- Gespräch mit Heidi Schulz, Sozialarbeiterin
Sendung: WDR 2, WDR 2 für Aachen, Eifel und die Euregio, 06.08.2026, 12:30 Uhr
