Sparen bei Psychotherapie - wer zahlt am Ende den Preis?
Bildquelle: WDRWDR. 06.08.2026. 06:03 Min.. Verfügbar bis 06.08.2028.
Seit zwei Jahren und sieben Monaten sucht Can Hackbarth aus Düsseldorf einen Psychotherapieplatz. "Das ist so, als würde man eine Stoppuhr anmachen und gucken, wie lange die Person die Luft anhalten kann." Hackbarth leidet an Depression, an manchen Tagen ist selbst das Aufstehen unmöglich.
Keine Kapazitäten für Langzeittherapie
Die Suche nach Hilfe ist eine extreme Belastung. Nach acht Monaten warten gab es endlich ein Erstgespräch. Dann aber die Enttäuschung, Kapazitäten für eine Langzeittherapie sind erst wieder in drei Jahren frei.
Ohne Begleitung ging es für Hackbarth irgendwann nicht mehr weiter. Es folgten Zusammenbrüche und schließlich die Einweisung in die Psychiatrie. Nach der Entlassung kam prompt der Rückfall, weil die ambulante Nachsorge fehlt. Solche Schicksale drohen durch neue Sparpläne der Bundesregierung nun noch viel häufiger zu werden.
Gesetzesreform bedroht Praxis-Plätze
Das Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenkasse (GKV) setzt den Rotstift an. Für die Psychotherapeutin Josepha Katzmann hat das drastische Folgen. Sie behandelt derzeit mit einer Kollegin 30 Kinder und Jugendliche pro Woche. Durch neue Budgetgrenzen könnten fast die Hälfte der Therapieplätze wegfallen.
Josepha Katzmann muss auch als Unternehmerin denken.
Bildquelle: WDRAlternativ müsste die Therapeutin umsonst arbeiten, was wirtschaftlich nicht machbar ist. Plätze würden dann eher an Selbstzahlende vergeben. Psychotherapie droht so zu einem Privileg zu werden, das man sich leisten können muss. Dabei warnt die Fachwelt dringend vor diesem Sparkurs.
Sparen am falschen Ende
Psychische Erkrankungen kosten die Gesellschaft schon heute jährlich fast 150 Milliarden Euro. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) rechtfertigt die Maßnahmen mit einem drohenden Defizit der Krankenkassen von 19 Milliarden Euro im kommenden Jahr. Bis zum Jahr 2030 könnte diese Deckungslücke sogar auf 40 Milliarden Euro anwachsen.
Also es wird die Versorgung nicht verbessern, aber wie sehr sie verschlechtert wird, kann man jetzt einfach noch nicht sagen. Dr. Josepha Katzmann, Kinder und Jugendpsychotherapeutin
Doch das Sparen bei der Seele ist kurzsichtig gedacht. Ohne ambulante Hilfe verschlimmern sich Erkrankungen, was zu teureren Klinikaufenthalten führt. Für Hackbarth geht das Zittern weiter. Die Angst, dass der mühsam aufgebaute Alltag wieder zusammenbricht, bleibt ein ständiger Begleiter.
Wie genau die Reform ausgestaltet werden soll, muss noch erarbeitet werden, in den kommenden Monaten will die Bundesregierung das Gesetz nachschärfen.
Unsere Quellen:
- Interviews und Eindrücke des WDR-Reporters vor Ort
- Interview mit Dr. Josepha Katzmann
- Interview mit Can Hackbarth
- Bundesministerium für Gesundheit
- Deutsche Psychotherapeutenvereinigung
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Düsseldorf, 06.08.2026, 19:30 Uhr