Wasser aus der Toilette - beim Animal Hoarding fehlt es den Tieren oft an grundlegender Versorgung.
Bildquelle: Team für Tiere Köln e.V.Animal Hoarding : Wenn aus Liebe Leid für Tiere und Halter wird
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Ein Einsatz in Bornheim mit 19 verwahrlosten Hunden zeigt, wie dramatisch Animal Hoarding enden kann. Eine bundesweite Studie belegt: Fast täglich gibt es einen Fall. Tierheime und Veterinärämter kommen zunehmend an ihre Grenzen. Aber was tun?
Dramatischer Fall von Animal Hoarding
Es ist ein Tag, den Jordan Wieland später unter den persönlichen Top 10 der schlimmsten Einsätze verbuchen wird. Als der ehrenamtliche Tierretter im Juni eine Wohnung in Bornheim im Rhein-Sieg-Kreis betritt, liegt der Besitzer tot auf dem Sofa.
Die Tiere in Bornheim waren so ausgehungert, dass sie die Matratze angefressen haben.
Bildquelle: Team für Tiere Köln e.V.Überall Fäkalien, dazwischen 19 Hunde, die total verwahrlost und teilweise in Boxen eingesperrt sind. Die Tiere sind so ausgehungert, dass sie schon angefangen haben, den Leichnam zu fressen und die Matratze anzuknabbern.
Was Jordan Wieland gesehen hat, bezeichnet man als "Animal Hoarding". Dieser Begriff beschreibt das krankhafte Sammeln von Tieren, obwohl die betroffene Person deren angemessene Versorgung, Unterbringung und tierärztliche Betreuung nicht sicherstellen kann.
Tierretter Jordan Wieland wartet in seinem Auto auf den nächsten Einsatz.
Bildquelle: Laura Weigele / WDRDer Kölner engagiert sich seit zehn Jahren ehrenamtlich in der Tierrettung und hilft bei solchen Fällen, die Tiere zu sichern. Früher musste er ein bis zwei Mal pro Jahr zu solchen Einsätzen, heute sind es ein bis zwei Mal pro Monat, erzählt er. Und gleich muss er wahrscheinlich wieder ausrücken, ihm wurde eine Messi-Wohnung in Köln gemeldet.
So groß ist das Problem
Eine Studie vom Deutschen Tierschutzbund mit Sitz in Bonn gemeinsam mit dem Bundesverband der beamteten Tierärzte und Forschern der TU Dresden zeigt, dass das Problem deutlich größer ist, als bisher angenommen: Für das Jahr 2023 wurden alle Veterinärämter abgefragt, ob sie Fälle von Animal Hoarding bearbeitet haben. Das Ergebnis: In Deutschland gibt es fast täglich einen Fall, bei dem im Schnitt 47 Tiere betroffen sind.
Auch das Veterinäramt im Kreis Steinfurt im nördlichen Münsterland hat bei der Befragung mitgemacht. Leiterin Anna Fellmann weist aber darauf hin, dass der Begriff Animal Hoarding nicht offiziell definiert ist. Es sei daher oft Ansichtssache, ob ein Fall dieser Kategorie zugeordnet werden kann oder nicht.
Anna Fellmann, Leiterin des Veterinäramts Kreis Steinfurt
Bildquelle: Laura Weigele / WDRSie bestätigt aber, dass die Anzahl der Tierschutzbeschwerden kontinuierlich gestiegen ist. Mittlerweile sind es 450 Meldungen pro Jahr in ihrem Kreis.
Tierheime und Veterinärämter am Limit
Um zwei besonders schlimme Fälle von Animal Hoarding musste sich das Veterinäramt 2025 kümmern: In einem Einfamilienhaus in Mettingen retteten die Mitarbeiter 57 verwahrloste Hunde. Auf einem Hof in Westerkappeln mussten einem Halter 125 Tiere weggenommen werden. Von Hühnern über Hunde bis hin zu Pferden war alles dabei.
Animal Hoarding bringt für das Veterinäramt vor allem zwei große Probleme mit sich: "Wenn wir Tiere fortnehmen, stehen wir vor der großen Herausforderung, dass es häufig viele Tiere auf einmal sind, die ad hoc eine Unterbringungsmöglichkeit brauchen. Da kommen wir mit unseren Tierheim- und Pflegestellen häufig an den Rand der Kapazitäten", erzählt Fellmann. So war es auch zuletzt in Bornheim: Einige der Hunde mussten in Mainz unterkommen, weil kein Tierheim im Kölner Umland freie Plätze hatte.
"Zudem sind die Tiere häufig in einem verwahrlosten Zustand. Sie bedürfen viel Pflege und eine anschließende Vermittlung gestaltet sich oft herausfordernd." Anna Fellmann, Leiterin Veterinäramt Kreis Steinfurt
Das bestätigt auch die Studie: Über 80 Prozent der Tiere haben durch die schlechte Haltung oder Inzest körperliche Schäden. Tierarzt- und Unterbringungskosten können schnell einen fünfstelligen Betrag verursachen, so Fellmann. Das gehe zu Lasten des Kreishaushalts und am Ende der Steuerzahler, denn oft seien die Hoarder mittellos und können nicht für die Kosten aufkommen.
Wer sind Animal Hoarder?
Der nächste Fall, auf den sich Jordan Wieland derzeit vorbereitet, verdeutlicht diese Problematik beispielhaft: In einer Messi-Wohnung im rechtsrheinischen Köln sollen zahlreiche Katzen gehalten werden. "Die Räume, in denen die Katzen sind, sind wohl nicht mehr betretbar, weil sich der Müll bis obenhin stapelt", berichtet Wieland.
Als ehrenamtlicher Tierretter bekommt Jordan Wieland täglich sehr viele Anrufe.
Bildquelle: Laura Weigele / WDRBei der betroffenen Person handele es sich um eine Frau Mitte 40, die nach außen hin einen "anständigen Eindruck" mache. Damit entspricht sie dem typischen Profil von Animal Hoardern, das in der Studie beschrieben wird: Demnach sind die Betroffenen überwiegend weiblich und zwischen 40 und 60 Jahre alt.
Dass der Fall durch Nachbarn bekannt wurde, passt ebenfalls zum Muster der Studie. Sie sind demnach die Personengruppe, die am häufigsten auf mögliche Fälle von Animal Hoarding aufmerksam macht.
Häufig hält sich zudem das Klischee, Animal Hoarding sei vor allem ein Problem von Großstädten. Die Fälle aus Köln, dem Umland und dem Kreis Steinfurt bestätigen vielmehr ein zentrales Ergebnis der Studie: Animal Hoarding kommt sowohl in Groß- und Kleinstädten als auch in ländlichen Regionen vor.
Warum viele Betroffene rückfällig werden
Nina Brakebusch, Mitautorin der Studie und Fachreferentin beim Deutschen Tierschutzbund kennt vor allem die menschliche Seite des Problems. Animal-Hoarder fingen meistens mit einer ganz normalen Tierhaltung an.
"Eine Lebenskrise, zum Beispiel ein Jobverlust, eigene Krankheit oder Tod von Angehörigen kann dazu führen, dass eine normale Tierhaltung ins Animal-Hoarding abrutscht." Nina Brakebusch, Fachreferentin Deutscher Tierschutzbund
Das Problem sei aktuell, so Brakebusch, dass überwiegend die tierische Seite im Vordergrund stehe und die Menschen alleine bleiben. Die Rückfallquote liegt bei über 80 Prozent, wenn die Halter nicht therapeutisch behandelt werden.
"Da psychologische Probleme zugrunde liegen und die Tiere für die Betroffenen einen wichtigen Zweck erfüllen, etwa als Sozialpartner oder als Wesen, um die man sich kümmern kann, beginnen viele früher oder später erneut mit Animal Hoarding", sagt Brakebusch.
Das Veterinäramt in Steinfurt binde bei Tierwegnahmen grundsätzlich den sozialpsychiatrischen Dienst ein, berichtet Fellmann. Viele Betroffene lehnten die Hilfe jedoch ab. Eine solche Zusammenarbeit sei bei Veterinärämtern keineswegs die Regel, so Brakebusch.
Was tun gegen Animal Hoarding?
Brakebusch sieht die Lösung in der "interdisziplinären Zusammenarbeit". Zunächst, dass konsequent der sozialpsychiatrische Dienst miteinbezogen werde und somit die Menschen mitgedacht werden.
Einen weiteren Schlüssel sieht die Wissenschaftlerin in der Anerkennung von Animal Hoarding als eigenständige Krankheit. In den USA ist das bereits der Fall. Dadurch würde das Thema stärker in den Fokus der Forschung rücken. Gleichzeitig könnten Diagnostikleitfäden entwickelt werden, die Fachkräften eine gezielte Spezialisierung ermöglichen.
Ein weiteres Ergebnis der Studie sei, dass viele Hoarder nicht isoliert leben, sondern soziale Kontakte haben, sei es durch Familie oder auch Pflegedienste und gesetzliche Betreuer. Gerade diese Personen sieht Brakebusch als wichtigen Ansatzpunkt für die Prävention. Sie müssten gezielt darüber informiert werden, wie sie reagieren können, wenn eine Tierhaltung aus dem Ruder zu laufen droht.
Mehr Kapazitäten und ein zentrales Register als Lösungsansatz
Geht es um mögliche Verbesserungen im Umgang mit Animal Hoarding Fällen, sind die Beteiligten einer Meinung: Es braucht mehr Unterbringungskapazitäten in Tierheimen und Pflegestellen.
Ein weiterer Vorschlag ist ein zentrales Register, in dem Fälle von Animal Hoarding und Tierhalteverbote dokumentiert sind. Denn zieht ein Animal Hoarder derzeit in einen anderen Kreis, kennt das dortige Veterinäramt seine Vorgeschichte in der Regel nicht. Ein solches Register könnte helfen, bereits auffällig gewordene Tierhalter schneller zu identifizieren und erneute Fälle frühzeitig zu erkennen.
Rolle der Nachbarn: Warnsignale erkennen und handeln
Der Fall in Bornheim hätte verhindert werden können, da ist sich Tierschützer Wieland sicher: "In Gesprächen mit Nachbarn hat man rausbekommen, dass der Fall schon bekannter war. Viele schweigen aber, weil sie Angst haben vor einem Streit mit der Nachbarschaft."
Die geretteten Hunde in Bornheim mussten sofort mit Wasser versorgt werden.
Bildquelle: Team für Tiere Köln e.V.In einem weiteren Punkt sind sich Veterinäramt, Tierschützer und die Autoren der Studie einig: Auffälligkeiten im Umfeld von Betroffenen sollten ernst genommen und nicht ignoriert werden. Ziehen sich Menschen zunehmend zurück, verhalten sich ungewöhnlich oder verwehren anderen den Zutritt zu ihrer Wohnung, sei es wichtig, frühzeitig das Gespräch zu suchen und Unterstützung anzubieten.
Werden bereits deutliche Anzeichen wie anhaltendes Hundegebell, eine große Zahl von Tieren oder starker Geruch wahrnehmbar, sollten Ordnungsamt, Polizei oder Veterinäramt informiert werden. Ein frühzeitiges Eingreifen könne dazu beitragen, sowohl den Tieren als auch den betroffenen Menschen viel Leid zu ersparen.
Unsere Quellen:
- Animal Hoarding in Deutschland – eine repräsentative Studie, Deutsches Tierärzteblatt (Teil 1 und 2)
- Animal Hoarding Bericht 2025 des Deutschen Tierschutzbunds
- WDR-Interview mit Anna Fellmann, Leiterin des Veterinäramts Kreis Steinfurt
- WDR-Interview mit Nina Brakebusch, Fachreferentin beim Deutschen Tierschutzbund und Mitautorin der Studie
- WDR-Interview mit Jordan Wieland, Team für Tiere Köln e.V.
Sendung: wdr.de, Animal Hoarding: Wenn aus Liebe Leid für Tiere und Halter wird, 19.09.2026, 5:23 Uhr