Enver G. steht in einem Treppenhaus.

Mordanschlag in Ratingen vereitelt: Polizist spricht über Attentat

Stand:

Vor zweieinhalb Jahren retteten sie sich bei einem Anschlag gegenseitig das Leben. Am Freitag sind neun Einsatzkräfte mit der Rettungsmedaille des Landes NRW ausgezeichnet worden.

Enver G. hatte einen besonderen Antrieb, Polizist zu werden. "Dann da zu sein, wenn die Polizei die einzige Instanz ist, die helfen kann, also wenn es wirklich um Leben und Tod geht." Am 11. Mai 2023 geht es für ihn genau darum - Leben und Tod.

Bei einem Routineeinsatz um eine vermeintlich hilflose Person in einem Ratinger Hochhaus werden er und weitere Einsatzkräfte Opfer eines Mordanschlags. Alle neun - neben Polizeioberkommissar Enver G. seine Kollegin, fünf Feuerwehrleute, ein Notarzt und eine Rettungssanitäterin - überleben, weil sie sich gegenseitig retten. Für ihr Engagement sind sie am Freitag in Gelsenkirchen mit der Rettungsmedaille des Landes NRW ausgezeichnet worden.

Hendrik Wüst (l.) überreicht Enver G. (m.) die Rettungsmedaille.

Hendrik Wüst (l.) überreicht Enver G. die Auszeichnung.

Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) ehrte die Preisträger für ihr "mutiges, heldenhaftes Handeln und für ihre gegenseitige Unterstützung in einer hochdramatischen Lage". Zwei der neun Geehrten waren nicht anwesend.

Mann zündet Einsatzkräfte in seiner Wohnung an

An besagtem 11. Mai 2023 werden Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst zur Wohnung eines Mannes im zehnten Stock eines Hochhauses gerufen. Weil der zugehörige Briefkasten überquillt, wird vermutet, dass sich dort eine hilflose Person befindet.

Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnt: Der 57-jährige Frank P. hat sich in der Wohnung verschanzt. Als die Einsatzkräfte die Wohnungstür aufhebeln, stehen sie vor einer Barrikade aus Wasserkästen. P. kommt hinter der Barrikade hervor, schüttet Benzin auf die Einsatzkräfte und zündet ein Gas-Luft-Gemisch. Es kommt zur Explosion.

Ein Feuerball trifft die Einsatzkräfte. Brennend laufen sie die zehn Stockwerke des Hochhauses herunter. Trotz der Ausnahmesituation stellen sie sicher, dass jeder Einzelne es vor die Haustür schafft und die Schwerverletzten zuerst evakuiert werden.

Vor dem Haus unterstützen sich die Einsatzkräfte gegenseitig beim Ablöschen und Versorgen der Verletzten, bis weitere Rettungskräfte eintreffen. Die Opfer werden später in Spezialkliniken gebracht. Acht der neun Verletzten werden bleibende Schäden behalten.

Betroffener hält Vorträge zum Schutz vor Gefahren

Bis heute spüren die Opfer die körperlichen und seelischen Auswirkungen des Anschlags. "Ich kann natürlich ja nur für mich sprechen und weiß, dass das Leben auf jeden Fall nie wieder dem vorangegangenen gleichen wird", sagt Enver G. Wegen seiner schweren Verbrennungen könne er zum Beispiel bis heute nicht joggen gehen.

Noch schlimmer erwischt es seine Kollegin. Sie liegt nach dem Anschlag zwei Monate im Koma und verbringt lange Zeit im Krankenhaus. Trotz der schweren Verletzungen erscheint sie im Dezember 2023 vor dem Düsseldorfer Landgericht und sagt als Zeugin aus.

Enver G. im Interview

Mit Vorträgen will Enver G. Polizistinnen und Polizisten besser vor Gefahren schützen.

Mittlerweile sind beide in der Wiedereingliederung im Dienst. Wieder in die Uniform zurückkehren zu können, sei für seine Kollegin und ihn eine große Antriebsfeder, sagt Enver G. Heute hält der 32-Jährige in Polizeikreisen Vorträge, wie sich Beamte im Einsatz vor Gefahren schützen können. 

Nicht alle Betroffenen wieder im Dienst

Anders sieht es bei der Feuerwehr Ratingen aus. Leiter Markus Feier sagt, vier der fünf Einsatzkräfte seien noch nicht dienstfähig. Die Betroffenen seien stark belastet, die Auszeichnung auf einer Bühne in der Öffentlichkeit daher ein großer Schritt. Über den Tattag sprechen möchten sie nicht. "Ich glaube, dafür sind die Wunden einfach im wahrsten Sinn des Wortes zu groß", sagt Feier. "Gerade auch die Wunden, die man nicht sieht."

Polizeibeamte mit Gasmasken und Feuerwehrleute stehen vor einem Hochhaus in Ratingen.

Einsatzkräfte am 11. Mai 2023 vor dem Ratinger Hochhaus.

Nach dem Anschlag seien die Konzepte überprüft worden - mit dem Ergebnis, dass niemand etwas falsch gemacht habe. Auf einen heimtückischen Anschlag habe man sich nicht vorbereiten können, sagt Feier.

Um mit dem Erlebten umgehen zu können, erhielten Einsatzkräfte heute frühestmöglich psychische Unterstützung und eine entsprechende Nachsorge. "Früher gab es immer dieses Bild des harten Feuerwehrmanns. Man musste hart sein und man hat alles mit nach Hause genommen, also man hat alles in sich hineingefressen", schildert der Leiter der Ratinger Feuerwehr und fügt hinzu: "Das ist nicht mehr so und das ist auch gut so."

Motiv für Mordanschlag: Hass auf den Staat

Bei den späteren Ermittlungen wird in der Tatwohnung eine teilweise skelettierte, in einem Rollstuhl sitzende Leiche gefunden - die Mutter des Täters. Frank P. hatte offensichtlich wochenlang mit seiner toten Mutter in der Wohnung gelebt.

Rettungsmedaille des Landes

Dass Rettungs- und Einsatzkräfte angegriffen und zu Opfern werden, komme immer häufiger vor, betonte NRW-Ministerpräsident Wüst bei der Auszeichnung am Freitag. "Es ist unsere Aufgabe als gesamte Gesellschaft, uns dieser Entwicklung entschieden entgegenzustellen", sagte Wüst.

Mordanschlag in Ratingen vereitelt: Einsatzkräfte werden ausgezeichnet

WDR Studios NRW 07.11.2025 00:30 Min. Verfügbar bis 07.11.2027 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
  • Polizei Ratingen
  • Feuerwehr Ratingen
  • dpa

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