Jahrestag Messeranschlag Solingen: Zwei Jahre nach lebensgefährlicher Verletzung

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Aktuelle Stunde 23.08.2026 10 Min. 36 Sek. Verfügbar bis 23.08.2028 WDR Von René Rabenschlag

Solingerin nach Terroranschlag "Es geht mir gut? Das wäre eine Lüge!"

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Die körperlichen Wunden sind zwar verheilt. Doch für Lea Varoquier ist das Leben seit dem Solinger Terroranschlag vor zwei Jahren auf den Kopf gestellt.

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René Rabenschlag

Wir treffen die Solingerin in Essen. Lea Varoquier ist gerade 27 Jahre alt geworden und kürzlich aus ihrer Heimatstadt Solingen weggezogen. Zum WDR-Interview sind wir an ihrem neuen Lieblingsplatz verabredet: am Ufer der Ruhr.

Lea Varoquier

Lea Varoquier erlitt bei dem Anschlag lebensgefährliche Verletzungen.

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Der Umzug hatte zwar verschiedene private Gründe, aber der Ortswechsel ist nebenbei ein Teil ihrer Therapie. "In meiner alten Wohnung war ich auch nicht weit vom Tatort entfernt. Keine Ahnung, inwiefern sich das wirklich dann da auch auf die Psyche vielleicht ausgewirkt hat", sagt sie heute. Auch zwei Jahre nach dem Terroranschlag kämpft Lea immer noch mit den seelischen Folgen - und darüber hat sie sich lange auch geärgert.

"Ich muss zwar immer wieder feststellen: Oh, das dauert alles länger als gedacht und es dauert noch länger und es dauert noch länger. Aber da habe ich für mich einfach vom Kopf her auch angefangen, dass ich mich selbst damit nicht unter Druck setze." Lea Varoquier, Überlebende des Solinger Terroranschlags

Lea tanzte beim Solinger Stadtfest mit geschlossenen Augen

Am Abend des 23. Augusts 2024 war Lea zusammen mit ihrer Mutter auf dem Stadtfest zum 650. Geburtstag Solingens. Vor der Bühne auf dem Fronhof spielte die Band von "Suzan Köcher" und Lea tanzte bei sommerlichem Wetter mit geschlossenen Augen im Scheinwerferlicht. Um genau 21:37 Uhr griff der Täter heimtückisch und von hinten wahllos Besucher mit einem Küchenmesser an.

Der Terroranschlag von Solingen

Bei dem Terroranschlag wurden drei Menschen getötet, acht weitere schwer verletzt. Verantwortlich ist ein syrischer Asylbewerber, der später vom Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Mordes, versuchten Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde. Eine eingereichte Revision wurde vom Bundesgerichtshof abgelehnt.

Lea war, so zeigen es die Ermittlungen später, das vierte Opfer. Die 16 Zentimeter lange Klinge des Angreifers durchbohrte den Hals, traf die Aorta, die Schilddrüse und Wirbel. Ihre Mutter war das nächste Opfer. Beide kamen mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus.

Arbeit als Veranstaltungstechnikerin nicht mehr möglich

Bühne mit Scheinwerfern und Mischpult im Vordergrund

Den Beruf als Veranstaltungstechnikerin kann Lea seit dem Anschlag nicht mehr ausüben.

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Die körperlichen Wunden heilten innerhalb weniger Monate - auch wenn Lea heute noch Physiotherapie bekommt. Doch viel schwerer wiegen die psychischen Probleme. Die junge Solingerin war mit Leidenschaft Veranstaltungstechnikerin. Sie steuerte die Lichttechnik auf den Bühnen großer und kleiner Festivals, sie betreute die Künstler, war manchmal tagelang im Tourbus unterwegs. So versuchte sie auch, schnellstmöglich wieder dort zu arbeiten - doch sie funktionierte nicht mehr:

"Man fängt an, überall zu zittern. Und man ist unruhig mit allem drum und dran. Dann kann man eh nicht mehr seinen Job vernünftig machen - und da fängt das Problem ja eigentlich schon wieder an." Lea Varoquier, Überlebende des Solinger Terroranschlags

Schon allein der Gedanke an Menschenmengen und Leute, die hinter ihr stehen, verursachte Panikreaktionen. Selbst Versuche, nur im Büro zu arbeiten, sind gescheitert. Die längere Konzentrationsfähigkeit ist noch nicht zurück.

Von Beginn an erhält Lea Unterstützung durch Familie und Freunde, zudem nimmt sie psychologische Hilfe in Anspruch. Aber bisher hat sie keine Therapie gefunden, die ihr langfristig helfen konnte.

Offener Umgang mit den Folgen des Terroranschlags

Die 27-Jährige hat immer wieder vom Erlebten erzählt. Sie war an fast allen Tagen im Prozess, hat den Täter dort erlebt und wollte verstehen, was am Abend des 23. Augusts 2024 genau passiert ist. Sie glaubt, dass es ihr besser geht, wenn sie das alles nicht verdrängt, sondern für sich aufarbeitet.

Bis heute fühlt Lea keinen Hass auf den islamistischen Terroristen. Vielmehr habe sie eine Wut auf den Teil der Menschheit, der eine Religion so verdreht, dass sie ihre Gläubigen zur Tötung von "Ungläubigen" anstiften könne. Zum Gedenken am Sonntag wird sie in Solingen sein. Dieses Datum wird ihr Leben lang fest im Kalender stehen.

"Wenn ich sagen würde, es geht mir gut, wäre das eine Lüge"

WDR 21.08.2026 50 Sek. Verfügbar bis 21.08.2028 Von René Rabenschlag

Unsere Quellen:

  • WDR-Interview mit Lea Varoquier
  • Reportermitschriften aus dem Prozess gegen Issa al H.
  • Bisherige WDR-Berichterstattung

Sendung: WDR.de, "Wenn ich sagen würde, es geht mir gut, wäre das eine Lüge", 21.08.2026, 15:31 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 23.08.2026, 18:45 Uhr

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