Als Fluthelfer im 24/7 Baggereinsatz
WDR. 04:24 Min.. Verfügbar bis 14.07.2028.
Mehr als 100 Tage am Stück : Helfer nach Hochwasserkatastrophe im 24/7-Einsatz
Stand:
Als das Hochwasser Solingen Unterburg erreicht, mietet sich Marvin Oberlies einen Bagger und packt sofort mit an. Wochenlang schafft er Schlamm und Geröll aus dem Stadtteil. Einzige Ausnahme: Ein Krankenhausaufenthalt. Oberlies hat einen Tumor im Kopf und muss operiert werden. Sein Einsatz für ihn, trotzdem eine Selbstverständlichkeit, wie er im WDR-Interview verrät.
WDR: Marvin, am ersten Abend und in der Nacht warst Du für die freiwillige Feuerwehr im Einsatz. Am nächsten Tag hast Du kurzfristig und privat einen Bagger gemietet. Hattest du damit Erfahrung?
Marvin Oberlies: Ich glaube, seitdem ich ca. 14 Jahre alt bin, mache ich viel mit Baggern und Radladern - mal helfe ich hier, mal helfe ich da. Und dadurch habe ich so eine Beziehung.
WDR: Das ist dann aber kein Feuerwehreinsatz mehr?
Marvin Oberlies: Das war privat, genau. Ich kannte den Bagger-Verleih und habe schon relativ früh am Morgen - etwa gegen fünf oder sechs Uhr - bei ihnen angerufen. Ich habe am Telefon gesagt, dass wir hier in Solingen Burg ein kleines Problem haben und ich den größten Radlader brauche, den sie im Mietpark gerade noch frei haben. Ich war dann der Erste vor Ort und habe erstmal die Rettungswege freigemacht. So konnten dann gegen Mittag, zumindest von Remscheider Seite, alle Fahrzeuge durch.
Am Tag nach der Flut: Marvin Oberlies im Einsatz
WDR: War es für dich eine Selbstverständlichkeit, einen Radlader zu mieten?
Marvin Oberlies: Ja, mit Schippe wäre es schwierig geworden. (lacht)
WDR: Wie haben denn die Nachbarn gesagt, als Du mit dem dicken Bagger vorgefahren bist?
Marvin Oberlies: Also in Burg wissen, glaube ich, viele Menschen schon, dass ich ein bisschen bekloppt bin. Ich glaube, für viele war das auch normal. Wenn es in Burg früher schon mal laut wurde, war die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es die Familie Oberlies war.
WDR: Dein Einsatz war dann ja auch nicht nach einem Tag vorbei?
Marvin Oberlies: Nein, das hat schon ein paar Tage länger gedauert. Also erstmal war ich sechs Tage im Einsatz - gefühlt 24/7. Das ist damals auch gut gelaufen. Am Tag danach, Tag sieben, hatte ich erstmal eine OP. Und am neunten Tag habe ich dann weitergemacht.
WDR: Was war das für eine Operation?
Marvin Oberlies: Ich hatte einen Tumor im Kopf, die Operation war geplant. Ich hatte die OP damals nur zwei Tage nach hinten geschoben. Ich hatte einen Knochentumor, der wurde dann weggehobelt. Ich war danach anderthalb, zwei Tage im Krankenhaus und bin denen dann anscheinend genug auf die Nerven gegangen, so dass ich gehen konnte. (lacht) Einen Tag, den Freitag, bin ich dann noch zuhause geblieben und am Samstag saß ich wieder auf dem Radlader.
WDR: Und ab dann warst du auch wieder durchgängig auf dem Radlader?
Marvin Oberlies: Ja, ich war ja eh krankgeschrieben. Ich weiß gar nicht genau, ob Radlader oder Bagger. Ich habe die Fahrzeuge zwischendurch immer mal durchgetauscht. Ich würde mal grob schätzen, insgesamt drei, dreieinhalb Monate ging das so.
WDR: Jeden Tag?
Marvin Oberlies: Ja, jeden Tag.
WDR: Was hast Du denn damals genau getan?
Marvin Oberlies: Ich würde sagen, den ersten Monat war ich nur in Unterburg unterwegs. Aus den Gärten von Privatleuten habe ich Sachen rausgefahren. Dann habe ich im alten Veranstaltungszentrum "Schlossfabrik" weitergemacht. Jetzt rückblickend, war da auch am meisten zu tun. Dort war an der Veranstaltungshalle ein Betonklotz weggebrochen. Da haben wir erst neuen Beton gegossen und im Anschluss die ganze Halle leergebaggert.
WDR: Das Ganze muss man sich ja auch leisten können und wollen - zeitlich und auch finanziell.
Marvin Oberlies: Die Miete von den Geräten, also u.a. vom Radlader, die wurden im Nachgang vom Vermieter gesponsort. Auch die Kosten für einen geplatzten Reifen wurden übernommen. Der Radlader hatte nach dem Einsatz insgesamt zwei Platte. Einen habe ich selbst bezahlt. Genauso wie die Kosten für den Treibstoff. Ich würde schätzen, insgesamt waren das so 15 - 20.000 Euro.
WDR: Die Kosten für den Treibstoff hat niemand übernommen?
Marvin Oberlies: Nein.
WDR: Hättest Du das erwartet?
Marvin Oberlies: Nein, eigentlich nicht. Ich habe einfach so lange gearbeitet, bis mein Konto mir gezeigt hat, dass es nicht mehr geht.
WDR: Was treibt dich persönlich an, so intensiv mitzuhelfen?
Marvin Oberlies: Naja, Solingen Burg ist ja wie mein eigenes Wohnzimmer. Ich bin hier großgeworden, ich bin hier immer auch in Vereinen aktiv gewesen. Ich kenne das gar nicht anders. Wenn irgendwo etwas ist, dann muss ich doch helfen.
Heute renoviert und betreibt Marvin Oberlies ein historisches Hotel in Solingen Burg
WDR: Bekommst Du, auf der zwischenmenschlichen Ebene, denn auch etwas zurück?
Marvin Oberlies: Also ich finde es selbstverständlich. Wenn man selbst in Not ist, dann hofft man auch auf die größtmögliche Unterstützung. Ich mache viel, vielleicht manchmal auch zu viel. Aber ich persönlich bin immer froh, wenn die Sachen laufen und die Menschen wieder ein Grinsen im Gesicht haben. Dazu möchte ich aber auch sagen, ich bin nicht die Person, die auf der großen Bühne stehen muss.
WDR: Marvin, vielen Dank für das Interview.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Marvin Oberlies
Sendung: WDR.de, Mehr als 100 Tage am Stück: Als Fluthelfer im 24/7 Baggereinsatz, 14.07.2026, 05:01 Uhr