Wenn die Neugier zum Problem wird
WDR. 06:16 Min.. Verfügbar bis 22.07.2028.
Gaffer behindern Retter : Wenn die Neugier zum Problem wird
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Tragisches Unglück in Wuppertal im Juni: Ein zweijähriges Kind stürzt aus einem Fenster und stirbt. Eine Ersthelferin berichtet, wie sie von Umstehenden behindert wurde. Rettungsdienste erleben das häufig. Warum siegt oft die Neugier über die Scham?
Diesen Tag wird Miriam Jost nicht vergessen. Ende Juni wurde sie Zeugin, als ein Kleinkind in Wuppertal-Oberbarmen aus einem Fenster im vierten Stock eines Wohnhauses auf den Gehweg stürzte. Sie war eine der ersten am Unglücksort.
Miriam Jost, Zeugin und Ersthelferin
Ihre Reaktion: Feuerwehr anrufen, Erste Hilfe leisten. "Ich erinnere mich daran, dass ich ankam und dass da schon mehrere Menschen standen und ihre Handys rausgeholt haben." Den Notarzt habe wohl noch niemand gerufen, erzählt Jost. Das tat sie dann selbst.
"Ich glaube, ein bisschen Gruppenzwang ist dabei, dass wenn einer nichts macht, die anderen auch untätig bleiben. Auch wegen der Angst, man könnte dem Opfer schaden. Aber wenigstens den Notruf absetzen, das sollte man schon können." Miriam Jost, Ersthelferin
Die Wuppertaler Staatsanwaltschaft versucht derzeit, die Schaulustigen zu ermitteln, die bei dem Fenstersturz Foto- oder Videoaufnahmen von dem Kind gemacht habe. Auch gegen die Eltern wird ermittelt, wegen möglicher fahrlässiger Tötung.
Neugierige - Alltag für Retter
Für die Rettungsdienste sind Josts Erlebnisse Alltag. Mathias Schaub ist Notfallsanitäter bei der Wuppertaler Feuerwehr. Er fühlt sich von Neugierigen am Unfallort oft gestört und in seiner Arbeit behindert. Er erlebt, wie er und seine Kollegen zum Beispiel lebensrettende Maßnahmen einleiten wollen und Menschen im Weg stehen und mit dem Handy filmen.
"Es ist eine Verrohung der Gesellschaft, und das nimmt zu. Aber man muss lernen, damit umzugehen. Weiterhin professionell zu arbeiten, den Patienten zu schützen und seine Arbeit weiter fortzuführen." Mathias Schaub, Notfallsanitäter Feuerwehr Wuppertal
Schaulustige immer dabei - Rettungseinsatz in Wuppertal-Barmen
Das bringe Retter an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Bei der Wuppertaler Feuerwehr kümmern sich deshalb Psychologen, mit denen die Betroffenen solche Erlebnisse am Einsatzort besprechen können.
Zuschauer werden mit Handy zu "Reportern"
Psychologe Meinald Thielsch, Bergische Universität Wuppertal
Rettungseinsatz unter den Augen von Schaulustigen und Gaffern. Der Wuppertaler Psychologe Meinald Thielsch erklärt: Menschen seien neugierig, wenn Unerwartetes passiert. Handykameras und soziale Medien sorgten aber auch für ein vergleichsweise "neues" Verhalten am Unglücksort.
"Ich fürchte, es wird auch belohnt. Es wird belohnt, wenn ich erzählen kann, ich habe was Spannendes gesehen. Wenn ich dann noch Bilder habe, kann ich das beweisen. Im allerschlimmsten Fall bekomme ich sogar Geld dafür." Meinald Thielsch, Institut für Psychologie, Bergische Universität Wuppertal
Neugierde akzeptieren, Umgang mit Krisen lernen
Eine Lösung für das Problem der Gaffer? Der Psychologe Thielsch fordert mehr "Routine", auch für Schaulustige am Ort eines Unfalls. Vielleicht schon in der Schule darüber sprechen, wie man sich in schwierigen Situationen verhält.
Kurse zur Ersten Hilfe anbieten, damit Zeugen eines Unfalls reagieren statt nur dabeistehen können. Aber auch: Neugierde als typisch menschliche Reaktion auf Ungewohntes akzeptieren.
Unsere Quellen:
- Feuerwehr Wuppertal
- Bergische Universität Wuppertal
- WDR-Gespräch mit Psychologe Meinald Thielsch
Sendung: WDR.de, Wenn die Neugier zum Problem wird, 22.07.2026, 5:42 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Bergisches Land, 22.07.2026, 19:30 Uhr