Wuppertaler Muslime verurteilen Berliner CDS-Anschlag
WDR. 06:09 Min.. Verfügbar bis 27.07.2028.
Eigentlich wollte Lama nur ein paar Tage abschalten. Gemeinsam mit einer Wandergruppe verbringt die 28-Jährige das Wochenende in Bayern ohne Handyempfang. Auf der Rückfahrt nach Köln greift sie zum Handy. Beim Scrollen durch Instagram stößt sie auf die ersten Meldungen über den Anschlag auf den Berliner CSD.
Die Angst vor den Schlagzeilen
Noch bevor der Schock über die Tat und die vielen Opfer verklungen ist, kreist das Gespräch im Auto um eine Frage: Hoffentlich ist der Täter kein Syrer. Lama erinnert sich, dass diese Sorge sofort da war. Lama und ihre Freunde befürchteten, dass erneut Geflüchtete oder Menschen mit arabischen Wurzeln für die Tat eines Einzelnen verantwortlich gemacht werden könnten. Wenig später stellt sich heraus: Der mutmaßliche Täter ist deutscher Staatsbürger und hat libanesische Wurzeln.
Zwischen Islam und Islamismus
Im Gespräch mit WDR-Reporter: Lama möchte ihr Gesicht nicht zeigen. In Teilen ihrer Familie ist sie noch nicht geoutet.
Lama lebt seit elf Jahren in Deutschland und studiert Chemie an der TH Köln. Sie identifiziert sich als queer und ist heute nicht mehr gläubig. Dass sie so lebt, soll jedoch nicht jeder in ihrem Umfeld wissen. Aufgewachsen ist sie in einer muslimischen Familie. Gerade deshalb beschäftigt sie die Debatte nach dem Anschlag besonders.
Viele queere Menschen mit Fluchtgeschichte seien selbst vor islamistischer Gewalt geflohen, sagt sie. Umso schmerzhafter sei es, wenn nach solchen Anschlägen Islam und Islamismus miteinander vermischt würden. Sie wünsche sich eine Debatte, die klar zwischen einer extremistischen Ideologie und dem Islam unterscheidet, den sie aus ihrer Familie kennengelernt habe.
Sorge in Wuppertaler Moscheegemeinde
Mit dieser Sorge ist Lama nicht allein. Auch in den Moscheegemeinden wächst nach dem Anschlag die Angst, dass Muslime unter Generalverdacht geraten könnten.
Mohamed Abodahab ist Vorsitzender des Interessenverbandes der Wuppertaler Moscheen. Der Anschlag habe ihn tief erschüttert, erzählt er. Seine ersten Gedanken seien bei den Opfern und ihren Angehörigen gewesen.
Mohamed Abodahab, Interessenvertretung der Wuppertaler Moscheen
Seit Jahrzehnten versuchen sich Muslime von Extremisten abzugrenzen, sagt Abodahab. Umso mehr ärgere es ihn, wenn Islamisten ihre Taten im Namen seiner Religion verüben und damit den Islam insgesamt in Verruf bringen. Gleichzeitig fürchte er, dass die ohnehin vorhandene Islamfeindlichkeit nach dem Anschlag weiter zunehmen könnte.
Für den kommenden Freitag kündigt der Verband an, das Thema in den Moscheegemeinden aufzugreifen. Die Imame sollten den Anschlag ansprechen und insbesondere junge Menschen dafür sensibilisieren, dass Gewalt mit dem Islam unvereinbar ist.
Hetzte und Vorwürfe in Sozialen Medien
Köln-Kalk am Montagmittag. Auf der Kalker Hauptstraße herrscht reges Treiben. Rund zwei Drittel der Menschen, die hier leben, haben eine Migrationsgeschichte.
Hier treffen wir Kanishka Wiar. Der Jurist stammt aus Afghanistan und hat bis vor drei Jahren in Köln gelebt. Heute ist die Schweiz sein Zuhause. Für einige Tage ist er mit seiner Frau und seinen drei Kindern zu Besuch.
Kanishka Wiar verfolgt die Debatte nach dem Anschlag aufmerksam
Die Debatte nach dem Anschlag verfolgt er aufmerksam. Denn seine Herkunft und seine Religion würden schnell mit Extremismus in Verbindung gebracht, sagt er. Besonders in den sozialen Medien beobachte er, dass aus Diskussionen häufig gegenseitige Vorwürfe und Hetze entstünden. Sich nach jeder solchen Tat erneut erklären zu müssen, empfinde er als belastend.
„Ich finde das ehrlich gesagt ermüdend.“ Kanishka Wiar, Jurist afghanischer Herkunft
„Ich sehe Menschen zuerst als Menschen“
Wiar widerspricht außerdem der Vorstellung, queeres Leben und muslimischer Glaube stünden grundsätzlich im Widerspruch.
Der Islam, wie er ihn von seinen Eltern kennengelernt habe, bedeute vor allem Respekt vor anderen Menschen und ihren Lebensentscheidungen. Niemand dürfe zum Glauben gezwungen werden. Ich sehe alle Menschen zuerst als Menschen, sagt er. Herkunft, Religion oder sexuelle Orientierung stünden für ihn erst an zweiter Stelle.
"Töten ist eine schwere Sünde"
Auch Khadija ist grade mit ihrem Baby in Köln Kalk unterwegs. Der Anschlag habe sie tief getroffen, erzählt sie uns. Mit dem Islam verbindet sie eine solche Tat nicht. Das Töten unschuldiger Menschen sei im Islam eine schwere Sünde: "Manchmal denke ich mir, dass es so dargestellt wird, damit man so über Muslime so denkt. Das kann ich mit unserer Religion nicht verbinden."
Der Wunsch nach einer differenzierten Debatte
Für Lama zeigt der Anschlag noch einmal, wie schnell Islam und Islamismus miteinander vermischt werden. Dabei sind viele queere Menschen mit Fluchtgeschichte gerade vor genau dieser Art islamistischer Gewalt geflohen.
Sie wünscht sich eine Debatte, die den Anschlag klar verurteilt und trotzdem zwischen einer extremistischen Ideologie und dem Islam als Religion unterscheidet.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Lama
- WDR-Reporter vor Ort in Köln
- Interview mit Mohamed Abodahab, Vorsitzender des Interessenverbandes der Wuppertaler Moscheen
Sendung: WDR.de, Nach Anschlag auf CSD: Muslime fürchten Generalverdacht, 27.07.2026, 23:15 Uhr