"Da kommt oft Mist bei raus!"
Bildquelle: Malte LindeWDR. 2 Min. 26 Sek.. Verfügbar bis 03.09.2028.
In den Sozialgerichten, bei Ämtern und Jobcentern häufen sich seitenlange Schriftsätze, die nicht von Anwälten geschrieben sind, sondern von KI-Assistenten. Auf den ersten Blick wirken sie professionell. Auf den zweiten Blick sind sie aber oft wertlos. "Da lesen Sie Schriftsätze, wo Sie im ersten Moment denken, das hat der Professor selber geschrieben", sagt Detlef Rückel, Fachanwalt für Sozialrecht. Stilistisch sauber – aber inhaltlich nicht: "Da kommt unheimlich oft Mist bei raus."
"Dass Problem ist, dass die KI phantasiert und den Menschen Dinge erzählt, die einfach nicht stimmen." Harald Thomé, Tacheles e.V.
Menschen kommen nicht zu ihrem Recht
Für die Betroffenen ist das kaum durchschaubar - sie glauben, mit so einem professionell klingenden Text gut vertreten zu sein, und merken oft erst vor Gericht oder im Bescheid, dass ihre Interessen und Ansprüche gar nicht richtig geltend gemacht wurden.
Sozialverwaltungen überlastet
Gleichzeitig belastet diese Entwicklung die Sozialverwaltungen massiv. Denn auch wenn viele Schreiben sachlich falsch sind: "Die Behörden müssen sich vollumfänglich damit auseinandersetzen", beklagt Harald Thomé von der Sozialberatungsstelle Tacheles e.V. "Andere Sachen bleiben dann liegen." Auch Thomé hat die Erfahrung gemacht, "dass die KI phantasiert und den Menschen Dinge erzählt, die einfach nicht stimmen".
Harald Thomé vom Verein Tacheles e.V.
Bildquelle: Malte LindeUnd so führt das Vertrauen in die KI zu negativen Konsequenzen auf beiden Seiten: Die Sozialgerichte werden überlastet - und die Menschen kommen nicht zu ihrem Recht.
Im Sozialrecht fehlen Anwälte
Das Kernproblem liegt für Harald Thomé darin, dass Anwälte für Sozialrecht fehlen. "Im Sozialrecht hat die Zahl der Anwälte in den letzten Jahren immer mehr abgenommen", weiß Thomé.
Manchmal muss Detelf Rückel mehrere hundert Seiten für einen Fall durcharbeiten.
Bildquelle: Malte LindeDetlef Rückel, Anwalt für Sozialrecht in Solingen, wundert sich nicht, dass immer weniger Kollegen seinen Job machen. Selbst wenn die Kosten vom Amt übernommen werden, sei das Honorar für die Anwälte und Anwältinnen im Sozialrecht viel zu niedrig. Er habe Fälle, da müsste er nicht nur Anträge und Begründungen schreiben, sondern auch 900 Seiten Akten durcharbeiten - für 102 Euro netto.
Dass die Gebührensätze steigen müssen, da sind sich alle Beteiligten einig - auch die Sozialgerichte, bei denen sich die KI-Schreiben stapeln.
Die Bedürftigen bleiben auf der Strecke
Aber Rückel glaubt nicht, dass das auch passiert. "Ich mache meinen Job jetzt seit 31 Jahren. Und es hat nie geklappt." Die Situation werde aber immer schwieriger. Die Rechtssicherheit sei in Gefahr, denn es sei nicht mehr gewährleistet, dass jeder Bürger zu seinem Recht kommt. Und es seien gerade die Bedürftigen, die dabei auf der Strecke bleiben.
Aber vielleicht helfen die KI-Schreiben indirekt - hofft zumindest Harald Thomé vom Verein Tacheles: "Dadurch, dass alle Beteiligten, die Behörden und die Gerichte, damit konfrontiert sind, beginnt eine Debatte. Und das ist notwendig."
Unsere Quellen:
Sendung: WDR.de, KI als Anwalt: "Da kommt oft Mist bei raus!", 03.09.2026, 15.33 Uhr