Diskussion um Badeplakat | Aktuelle Stunde

02:26 Min. Verfügbar bis 04.07.2027

Sexuelle Übergriffe in Freibädern: Wie groß ist das Problem in NRW?

Stand:

In deutschen Freibädern gibt es immer wieder Beschwerden über sexuelle Belästigung. Wie groß ist das Problem in NRW?

Das Freibad. Eigentlich ein Ort, an dem wir unbeschwert baden, Pommes essen oder Beachvolleyball spielen. Doch auch wir berichten immer wieder von sexueller Belästigung und Gewalt.

Zuletzt über einen Fall aus Hessen: Vier Syrer sollen hier im Juni mindestens acht junge Mädchen und Frauen im Alter von 11 bis 16 Jahren sexuell belästigt haben. Jetzt ermitteln die Behörden. Wie groß ist das Problem im Westen?

Sexuelle Übergriffe in Schwimmbädern keine Seltenheit

Beispiel Köln: Dort sind allein in diesem Jahr bereits zehn Anzeigen wegen sexueller Belästigung in Bädern gestellt worden.

Oder Wuppertal: Dort änderte ein Schwimmbad letztes Jahr sogar für eine Weile seine Öffnungszeiten, weil es immer wieder zu Pöbeleien, Beleidigungen und sexuellen Übergriffen kam.

Das Bundeskriminalamt hat im vergangenen Jahr in Bädern und an Badestellen in Deutschland 423 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung erfasst. Darunter fallen unter anderem sexuelle Nötigung und sexuelle Übergriffe. Fast alle Tatverdächtigen waren Männer – und fast 65 Prozent hatten keinen deutschen Pass.

Mehr Sexualstraftaten in NRW-Schwimmbädern

Ähnliche Zahlen teilt das Landeskriminalamt auf WDR-Anfrage mit: Demnach sind 2024 in der Polizeilichen Kriminalstatistik in Frei- und Schwimmbädern in Nordrhein-Westfalen 298 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung registriert worden - elf Prozent mehr als im Vorjahr.

Die meisten Fälle gab es in Hallenbädern: 251. In Freibädern waren es dagegen "nur" 47 mutmaßliche Taten.

51 Prozent der Tatverdächtigen in NRW hatten keinen deutschen Pass - waren also per Definition ausländische Staatsangehörige, Staatenlose sowie Personen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit. 2021 waren es "nur" ein Viertel.

Tatverdächtige, die eine deutsche und eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit besitzen, werden in der Polizeilichen Kriminalstatistik mit der deutschen Staatsangehörigkeit erfasst.

Wichtig: Es handelt sich um sogenannte "Hellfeld"-Zahlen - also nur die Fälle, die auch angezeigt wurden oder auf andere Weise der Polizei bekannt wurden. In der Statistik steht auch nicht, ob die Verdächtigen dauerhaft hier leben oder nur vorübergehend. Und: Es handelt sich zum Teil um Verdachtsfälle, die nicht abschließend geklärt sind.

Zugewanderte Gruppen überrepräsentiert

Prof. Martin Winands

Sozialwissenschaftler Martin Winands

"Tatsächlich zeigt die Kriminalstatistik, dass zugewanderte Gruppen überrepräsentiert sind. Das heißt, dass sie stärker vertreten sind, als dass ihr Anteil in der Bevölkerung das erwarten lässt", sagt der Sozialwissenschaftler Martin Winands von der Katholischen Hochschule Paderborn dem WDR.

Allerdings müsse man verschiedene Perspektiven auf die Situation richten. Zum einen kämen zugewanderte Gruppen in der Regel aus sozial schwächeren Milieus. Gerade geflüchtete Gruppen kämen aus sehr prekären Verhältnissen, aus Kriegsverhältnissen.

Sie landen in Wohngebieten, die schwieriger sind. In Ballungszentren, in denen bereits soziale Probleme existieren. Martin Winands, Sozialwissenschaftler

Auf der anderen Seite kämen zugewanderte Gruppen aus eher traditionalen Gesellschaften mit traditionellen Geschlechter- und Rollenbildern, die unter Umständen auch gewaltaffin sozialisiert worden sind. "Das muss man besonders bei Menschen annehmen, die aus Kriegsgebieten kommen", sagt Winands.

NRW-Innenminister Herbert Reul fordert jedenfalls schnelle und harte Strafen: "Solche Leute müssen rausfliegen, angezeigt und hart bestraft werden. Es geht hier um Straftaten, die keine Toleranz zulassen", sagte der CDU-Politiker den "Westfälischen Nachrichten". "Das bedeutet: Nicht zögern und sofort die Polizei rufen."

Auch der Bundesverband der Deutschen Schwimmmeister beobachtet, dass in den letzten zwei, drei Jahrzehnten der Respekt in den Bädern verloren gegangen sei. "Exorbitant seit 2015. Da wurde es immer stärker und man hat immer versucht, da gegenzuarbeiten. Aber leider Gottes ist das bis jetzt nicht passiert", sagte Präsident Peter Harzheim am Freitag in der "Aktuellen Stunde" des WDR.

Er kritisierte vor allem die Respektlosigkeit derer, die übergriffig werden. "Früher war der Bademeister eine Respektsperson. Das ist leider sehr stark verlorengegangen."

Zugleich wies er darauf hin, dass auch viele Migranten als Schwimmmeister arbeiten würden, "die uns unterstützen, die uns helfen, die Probleme in den Griff zu kriegen. Aber wir sind noch nicht so weit, dass wir sagen können, es ist gut."

Kampagnen und mehr Sicherheitspersonal

Die Frage ist also: Was kann man tun, damit sich alle im Freibad sicher fühlen? Einige Städte haben mittlerweile reagiert – mit mehr Aufklärung zum Beispiel und speziell geschultem Sicherheitspersonal.

Peter Harzheim hält davon nicht viel. "Wir wollen uns dort erholen und schöne Zeiten verleben. Und wenn man immer wieder Security im Rücken hat, dann ist das nicht das Bad von vor 30, 40 Jahren, wo wir uns wohlgefühlt haben, wo Respekt geherrscht hat", sagte er in der "Aktuellen Stunde".

In Köln gibt’s die Kampagne "Ich sag's!", in Bielefeld läuft die Aktion unter dem Motto "Welle machen". Und in Büren im Kreis Paderborn reicht das Codewort "Tiki", um das Badepersonal bei sexuellen Übergriffen zu mobilisieren. Die Idee dahinter ist, dass vor allem Kinder und Jugendliche für das Thema sensibilisiert werden und sich sofort Hilfe holen.

Zudem ist seit Jahren vermehrt Sicherheitspersonal in den Bädern unterwegs.

Das sind eure Erfahrungen

Wir hatten euch gebeten, eure Erfahrungen mit uns zu teilen. Während die einen gesagt haben, dass sie sich im Freibad wohl fühlen, berichteten andere von teils extremen Übergriffen. Wir zeigen Euch hier einen Ausschnitt aus allen Kommentaren, die uns erreicht haben.

Sicherheitspersonal in einem Freibad (Symbolbild)

Hilft mehr Security?

Miriam aus Duisburg fühlt sich nicht nur im Freibad unwohl, sondern im Allgemeinen, sobald sie etwas kürzere oder offenere Kleidung trägt. "Im Freibad oder am See könnte ich mir hier niemals vorstellen, ohne Oberteil zu schwimmen oder mich zu sonnen."

Bettina schreibt, dass es sexuelle Übergriffe auch früher schon gegeben habe - von Ausländern und Deutschen. "Und wenn uns jemand blöd oder zu nah kam, haben unsere Jungs denen klare Kante gezeigt." Ihre Einschätzung: "Das, was heute abgeht, ist nicht mehr tragbar und muss streng geahndet werden!"

Und Miriam fände es schön, "wenn wir in Deutschland einen weiblichen Körper normalisieren und entsexualisieren können. In anderen Ländern klappt das auch mit dem Respekt".

Sexuelle Übergriffe in Freibädern: Wie groß ist das Problem?

WDR Studios NRW 04.07.2025 05:56 Min. Verfügbar bis 04.07.2027 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagentur dpa
  • WDR-Interview mit Martin Winands für die "Aktuelle Stunde"
  • WDR-Interview mit Peter Harzheim für die "Aktuelle Stunde"
  • Nachrichten von WDR-Usern
  • Landeskriminalamt NRW

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