Kommen Privatversicherte wirklich schneller dran?
Bildquelle: dpa / Patrick PleulWDR. 3 Min. 11 Sek.. Verfügbar bis 23.09.2028.
Mittwochvormittag im Dortmunder Stadtteil Hörde. In der Fußgängerzone sind einige Menschen unterwegs. "Ich denke, dass die Privatversicherten besser gestellt sind", sagt eine Frau. Das höre sie immer wieder und fügt an: Sie selbst sei gesetzlich versichert, habe bisher aber immer schnell Termine beim Arzt bekommen.
Ähnliches berichten zwei andere Passanten. Einem Mann fällt erst nach kurzem Nachdenken ein: er versuche seit vier Monaten einen Termin beim Neurologen zu bekommen. Noch nicht mal wenn er selbst zahlt, bekomme er dort momentan einen Termin, sagt er.
Bundeskanzler Merz stößt Debatte an
Bundeskanzler Friedrich Merz hat vor wenigen Tagen gesagt: Viele würden das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung als Gerechtigkeitsproblem empfinden. Dieses Gefühl scheinen - zumindest nach der WDR-Stichprobe in Dortmund-Hörde - tatsächlich einige zu haben.
Doch was sagen die Zahlen? Laut einer Umfrage des GKV-Spitzenverbandes warten manche Kassenpatienten tatsächlich lange auf einen Termin. Konkret: Die Hälfte der GKV-Befragten bekam innerhalb von zehn Tagen einen Facharzttermin. Jeder zehnte musste 90 Tage oder länger warten.
Beim Hausarzt ging es laut der Umfrage deutlich schneller. Drei Viertel bekamen innerhalb von drei Tagen ein Termin. Zehn Prozent der befragten Kassenpatienten mussten acht Tage oder länger warten. Wie lange Privatversicherte warten, geht aus den Zahlen aber nicht hervor.
Hausarztpraxis muss Betrieb mit Privatpatienten querfinanzieren
"Konkrete Erkenntnisse zu Wartezeiten liegen uns nicht vor. Wartezeiten können allgemein aber verschiedene Ursachen haben", heißt es von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Die Wartezeit auf Termine richte sich oft aber auch nach der medizinischen Dringlichkeit.
Tobias Kostka hat eine kassenärztliche Hausarztpraxis
Bildquelle: WDR / Phillip RaillonIn der Praxis von Tobias Kostka kommen Kassen- und Privatpatienten nach seinen Angaben die gleiche Versorgung. Allerdings sei er als Hausarzt auf die Privatpatienten angewiesen. "Wir brauchen beide Systeme, um eine vernünftige Betreuung zu gewährleisten. Allein was so technische Innovationen angeht, braucht man doch auch die Querfinanzierung durch die besserbezahlten Privatsprechstunden", sagt der Allgemeinmediziner.
Denn die Privatversicherungen zahlen mehr und besser. "Damit subventionieren wir den Praxisbetrieb für alle quer", sagt er im WDR-Interview. Heißt: Auch Kassenpatienten profitieren davon, indem die Praxis zum Beispiel neue Instrumente anschaffen kann. Er meint, quasi alle Kassenpraxen seien auf ihre Privatpatienten angewiesen. Manche Ärzte würden daher versuchen, diese bei Laune zu halten und ihnen zum Beispiel einen Kaffee im Wartezimmer anbieten.
Dortmunder Kassenpatient lobt gute Versorgung
Trotzdem betont Kostka, dass die medizinische Versorgung für alle Patienten - egal, wie sie versichert sind - gut sei. Die Erfahrung hat auch Mario Lupp gemacht. Er hat eine schwere Erkrankung hinter sich und in den vergangenen Jahren viele Ärzte besuchen müssen. "Nur beim Augenarzt hatte ich Terminprobleme", sagt er. Ein Bekannter, der privatversichert sei, bekomme aber etwas schneller einen Termin, so Lupps Eindruck.
"Als gesetzlich Versicherter muss ich aber etwas flexibler sein", sagt er. Das ergibt auch eine Stichprobe des WDR beim kommerziellen Terminvermittler Doctolib. Kassenpatienten könnten dort zum Beispiel Hautarzttermine in der Nähe auch zeitnah finden.
Manche Privatärzte hätten gerne einen Kassensitz
Diese Termine lagen aber vor allem in den Randzeiten oder waren nur vereinzelt zu finden. Bei Radiologieterminen war die Auswahl kleiner. Doch auch dort gab es Termine binnen weniger Tage. Für Privatpatienten war die Auswahl - bei dieser nicht repräsentativen Stichprobe - hingegen größer.
Privatversicherte können auch zu Privatärzten gehen. Gesetzlich Versicherte nur zu Kassenärzten - oder sie müssen selbst zahlen. Ärzte, die nur Privatpatienten aufnehmen, würden teils gerne auch Kassenpatienten nehmen. Doch die sogenannten Kassensitze, mit denen man mit den Kassen abrechnen darf, sind begrenzt.
Einheitsversicherung würde Privatärztin nicht überzeugen
Anne Frinken hat sich vor einigen Jahren mit einer Privatpraxis selbstständig gemacht. "Ich wollte aus dieser fünf Minuten-Medizin raus", sagt die Dortmunderin. "Beratung ist in der Kassenmedizin einfach nicht vorgesehen. Da kann man sich als Arzt nicht wirklich Zeit nehmen", sagt sie. In ihrer Praxis macht sie hautärztliche Therapien sowie ästhetische Behandlungen und Ernährungsmedizin.
Anne Frinken hat eine Privatpraxis
Bildquelle: WDR / Phillip RaillonDass Privatversicherte teils aber schneller einen Termin bekämen oder auch mehr Versorgung, sei eine politische Entscheidung. "Das wächst nicht auf dem Mist der Ärzte", sagt sie.
Bei der WDR-Umfrage in Dortmund fordern einige Bürger eine Einheitsversicherung, also eine Abschaffung der zwei parallelen Systeme. Anne Frinken überzeugt diese Lösung nicht. "Das heißt dann ja nicht unbedingt für alle eine bessere Versorgung. Die, die jetzt privat versichert sind, werden dann auch runtergestuft", befürchtet sie. Sie hofft, dass stattdessen die Kassenversorgung anders optimiert werden kann.
Unsere Quellen:
- WDR-Straßenumfrage in Dortmund-Hörde
- WDR-Stichprobe bei "Doctolib"
- WDR-Anfrage an die KVWL
- WDR-Interviews mit Dr. Tobias Kostka und Dr. Anne Frinken
- GKV-Versichertebefragung 2025
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Dortmund, 23.09.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR.de, Diskussion um Krankenkassen-System, 23.09.2026,17:10 Uhr
