"Was Schönes aus dem Schmerz machen"
Bildquelle: WDR/Hanna MakowkaWDR. 3 Min. 4 Sek.. Verfügbar bis 17.08.2028.
Immer mehr junge Frauen kommen mit Yoga-Matten in der Hand in den Düsseldorfer Nordpark. Die Matten sind so etwas wie das unausgesprochene Erkennungszeichen an diesem Sonntagvormittag. Denn die meisten der Frauen im Alter von Mitte 20 bis Mitte 30 kennen sich noch nicht.
Trotzdem ist schnell eine Verbindung da. Nicht, weil sie alle regelmäßig Yoga machen. Sondern weil sie eine Erfahrung teilen, die viele Menschen in ihrem Alter noch nicht kennen: Sie alle haben früh ihre Mutter verloren.
Gemeinsamer Verlust schafft Verbindung
Ins Leben gerufen hat die Treffen Lara Pritzl. Ihre Mutter starb im Februar vergangenen Jahres. Als wenige Monate später Muttertag bevorstand, wusste sie nicht, wie sie diesen Tag verbringen sollte. Über TikTok fragte sie andere junge Frauen ohne Mutter, ob sie den Tag gemeinsam mit ihr verbringen möchten. Zwölf Frauen meldeten sich. Aus diesem ersten Treffen ist inzwischen ein regelmäßiger Termin in Düsseldorf geworden.
"Hier geht es in erster Linie darum, dass wir was Positives daraus ziehen und irgendwie was Schönes aus diesem Schmerz machen." Lara Pritzl
Eine klassische Trauergruppe sollen die Treffen bewusst nicht sein. Stattdessen unternehmen die Frauen gemeinsam etwas und schaffen dabei Raum für Gespräche, für die im Alltag oft das passende Gegenüber fehlt. An diesem Sonntag macht die Gruppe gemeinsam Yoga. Danach geht es zum Brunch, wo sich die rund 15 Frauen auf zwei Tische aufteilen und unterhalten.
Erst gemeinsam Yoga, danach Brunch
Bildquelle: WDR/Hanna MakowkaFreunde wollen helfen, können die Situation aber nicht verstehen
Für viele Menschen in ihren Zwanzigern oder zu Beginn der Dreißiger ist der Tod der eigenen Eltern noch weit weg. Auch im Freundeskreis der Teilnehmerinnen haben die meisten so einen Verlust noch nicht erlebt. Entsprechend schwer kann es sein, jemanden zu finden, der die Trauer und den Schmerz aus eigener Erfahrung kennt.
Hier in der Gruppe versteht jeder, wie es sich anfühlt, in jungen Jahren ohne Mutter auskommen zu müssen. Im Freundeskreis sei das anders. "Man spricht irgendwie auf ganz anderer Ebene", stellt die 24-jährige Miriam Rieger fest. Freunde würden zwar versuchen, sie zu verstehen - aber mit anderen Frauen aus der Gruppe, die ihren Schmerz kennen, sei es anders.
"Hier kommen ganz andere Fragen als bei Freunden. Hat deine Mama im Krankenhaus gelegen? Wie ging es dir denn damit? Das sind Fragen, auf die andere Menschen berechtigterweise irgendwie auch gar nicht kommen." Miriam Rieger, Teilnehmerin
Dass sich viele der Frauen erst an diesem Tag kennenlernen, scheint dabei kein Hindernis zu sein. Die gemeinsame Erfahrung nimmt den Gesprächen eine Hürde: Niemand muss lange erklären, warum bestimmte Situationen schwerfallen oder warum die Trauer auch Jahre später plötzlich wieder da sein kann.
Die Trauer muss nicht alles bestimmen
Zwischendurch fließen ab und zu Tränen, aber dann wird auch wieder gelacht. Die Frauen zeigen sich auf ihren Handys gegenseitig Bilder ihrer Mütter und erzählen von ihren schönsten Erinnerungen. Dann werden Kontaktdaten ausgetauscht und das nächste Treffen vereinbart.
Bei den Treffen sind alle Gesprächsthemen erlaubt.
Bildquelle: WDR/Hanna MakowkaGenau das ist Lara Pritzl wichtig: Die Trauer darf bei den Treffen da sein, soll aber nicht alles bestimmen. Und aus dem gemeinsamen Verlust darf auch etwas Neues entstehen: "Ich kann zwar keine Trauer wegmachen oder gebrochene Herzen heilen. Aber ich kann diesen Raum schaffen."
Nach dem Brunch trennt sich die Gruppe. Aber sie wissen, dass sie nicht allein sind. Und der nächste Termin steht schon im Kalender.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Lara Pritzl
- WDR-Gespräch mit Miriam Rieger
- Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, Was Schönes aus dem Schmerz machen, 17.08.2026, 6:07 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Düsseldorf, 17.08.2026, 19:30 Uhr
