Nachts in der Notaufnahme - eine Begleitreportage

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3 Min. 11 Sek. Verfügbar bis 19.08.2028

Stress in der Notaufnahme "Manches ist beim Hausarzt besser aufgehoben"

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Volle Wartezimmer und erschöpfte Teams: Notaufnahmen sind häufig die erste Anlaufstelle, auch wenn nicht jede Beschwerde dort behandelt werden müsste. Die geplante Notfallreform soll Patienten künftig besser steuern. Eine Nachtschicht im Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf zeigt, wie wichtig das ist.

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Iman Uysal

Die Sonne steht schon tief über Düsseldorf, als Krankenpflegerin Katharina Kalisch ihre Nachtschicht beginnt. Der Wartebreich in der Notaufnahme des Florence-Nightingale-Krankenhauses ist an diesem Abend bereits voll. Patienten sitzen mit Taschen auf dem Schoß auf den Stühlen, blicken zur Anmeldung, klingeln immer wieder und fragen, wann sie endlich drankommen.

Für Kalisch ist das vertraut. Seit zehn Jahren arbeitet sie in der Notaufnahme. Kaum hat sie ihre Schicht begonnen, kündigt sich ein Rettungswagen an. Wenig später wird eine 84-jährige Patientin eingeliefert. Sie hat starke Bauchschmerzen und wollte eigentlich nicht ins Krankenhaus. Erst ihr Arzt konnte sie überzeugen.

Es folgt Routine für das Team: EKG, Blutabnahme, erste Fragen zu Beschwerden und Vorerkrankungen. Die Untersuchungen sollen zeigen, woher die Schmerzen kommen und welche Behandlung nötig ist.

Die Ergebnisse zeigen: Die Patientin braucht in den kommenden Tagen eine OP. Ihre Gallenblase muss entfernt werden. Es ist ein Befund, bei dem nicht jede Minute über Leben und Tod entscheidet. Doch dass die 84-Jährige gekommen ist, war richtig.

Ohnmächtig im Flugzeug

Im Zimmer nebenan sitzt das Ehepaar Seewald. Die beiden kommen gerade aus dem Mallorca-Urlaub. Dort wollten sie eine Sonnenfinsternis beobachten. Doch auf dem Rückflug wird aus der Reise eine Notlage: Herr Seewald wird im Flugzeug ohnmächtig.

Das Ehepaar Seewald im Krankenhaus

Die Seewalds dürfen noch in derselben Nacht das Krankenhaus verlassen.

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Für seine Frau ist es ein Schock."Kann man gar nicht beschreiben. Da gehen einem sämtliche Dinge durch den Kopf", sagt sie. "Die Stewardessen haben aber sofort reagiert und den Notarzt gerufen. Zum Glück ist das bei der Landung passiert."

Nun warten beide auf die Untersuchungsergebnisse. Gegen Mitternacht kommt dann die Entwarnung: Herr Seewald darf nach Hause. Für das Ehepaar das glückliche Ende eines langen Tages.

Notaufnahme als Hausarzt-Ersatz

In den Notaufnahmen landen Menschen mit schweren Verletzungen, akuten Schmerzen und unklaren Beschwerden. Doch regelmäßig kommen auch Patienten, deren Anliegen ambulant besser aufgehoben wären. In dieser Nacht wartet beispielsweise ein Patient sechs Stunden lang wegen einer verpassten Tetanus-Impfung.

"Jeder hat natürlich seine Berechtigung hierher zu kommen, aber manche Dinge sind beim Hausarzt besser aufgehoben." Katharina Kalisch, Krankenpflegerin

Gleichzeitig steht das Team jederzeit für schwer verletzte Unfallopfer bereit oder betreut Patienten, bei denen etwa ein Herzinfarkt oder eine Hirnblutung nicht ausgeschlossen werden kann.

Für die Mitarbeitenden bedeutet das ständiges Priorisieren. Nicht die Reihenfolge der Anmeldung entscheidet, sondern die Dringlichkeit. Wer lebensbedrohlich erkrankt ist oder schnell behandelt werden muss, kommt zuerst dran. Für andere heißt das widerum: warten. Meist stundenlang.

Was die Notfallreform ändern soll

Ein Arzt und eine Krankenpflegerin behandeln einen Mann in der Notaufnahme

Einem Patienten wird Blut abgenommen.

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Die geplante Notfallreform soll Rettungsdienst, Bereitschaftsdienst und Kliniken stärker vernetzen. Gesundheitsleitstellen sollen Patienten künftig vorab einschätzen und gezielter in eine Praxis, den ärztlichen Notdienst oder die Notaufnahme vermitteln. Das Bundeskabinett hat die Reform beschlossen, im Herbst soll das Gesetz durch den Bundestag.

Kritiker begrüßen die Idee, warnen aber vor zu wenig Personal, langen Wegen in ländlichen Regionen und mehreren unterschiedlichen Systemen zur Ersteinschätzung. Die Steuerung müsse funktionieren, bevor Menschen in der Klinik ankommen.

Notfallreform: "Müssen Hilfesuchende steuern"

WDR 5 Morgenecho - Interview 10.07.2026 5 Min. 47 Sek. Verfügbar bis 10.07.2027 WDR 5

Stress in der Gynäkologie

Auch die Gynäkologie ist in dieser Nacht stark gefordert. Auf der Geburtsstation kommen zwölf Kinder zur Welt, mehrere davon per Kaiserschnitt. Erst nach Stunden kann die zuständige Gynäkologin in die Notaufnahme kommen.

Sie berichtet, dass zeitweise zwei Kaiserschnitte gleichzeitig laufen. Während oben Teams im Kreißsaal und im OP arbeiten, warten unten mehrere Patientinnen mit ungewöhnlichen Schmierblutungen auf eine Untersuchung.

"Ich verstehe, dass man sich da Sorgen macht, aber da hätte man auch in der Woche zum Frauenarzt gehen können", sagt die Ärztin. "Wir haben hier wirklich alle Hände voll zu tun."

Mentale Belastung

Patientinnen und Patienten kommen vor allem wegen der medizinischen Versorgung in die Notaufnahme. Doch gerade wenn Menschen Schmerzen haben, nicht wissen, was mit ihnen passiert, oder auf eine Diagnose warten, geht es vielen auch mental schlecht.

Vier Pflegekräfte in der Notaufnahme

Katharina Kalisch (1. v. l.) und ihr Team in der Nachtschicht

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Pflegekräfte versuchen dann, zu beruhigen, Fragen zu beantworten und Sicherheit zu geben. Aber ihre Zeit ist begrenzt: "Wir können uns jetzt nicht zu ihr hinsetzen und die ganze Zeit bei ihr sein. Bei dem, was hier los ist, funktioniert das nicht, Das tut mir immer so ein bisschen leid", sagt Kalisch, als eine Patientin sich ihr öffnet und erzählt, wie schlecht es ihr geht.

Belastende Situationen bespricht das Team miteinander. "Wir reden extrem viel, gerade nach schwierigen Situationen“, sagt die Krankenpflegerin. "Das ist schon sehr, sehr wichtig." Unterschiedliche Erlebnisse könnten die einzelnen Kollegen belasten. Entscheidend sei, diese Gedanken nicht allein mit nach Hause zu nehmen.

Pausenlos durch die Nacht

Bis 4:30 Uhr sind Katharina Kalisch und ihr Team ständig im Einsatz, Zeit für eine Pause bleibt kaum. "Ich sag, wie es ist: Ich bin müde", sagt Kalisch. Auf die Frage, worauf sie sich gleich am meisten freuen, antworten alle vier Pflegekräfte wie aus einem Mund: „Aufs Bett.“ Sie lachen.

Zwei Stunden bleiben noch bis zum Dienstende. Diese Nacht sei ungewöhnlich voll, erzählt Kalisch. Manchmal sei ab drei Uhr kaum noch etwas los. Vor Corona sei es noch ruhiger gewesen: „Da konnten wir manchmal sogar in den Nachtschichten schlafen und gemeinsam kochen.“

Davon ist diesmal nichts zu spüren. Während einige Patienten behandelt werden, kündigen sich weitere Fälle an. Kaum steht Kalisch wieder an der Anmeldung, wird sie gebraucht: Ein Patient muss ins CT. Die Ärzte vermuten eine Hirnblutung und eine Lungenentzündung. Beides bestätigt sich. Der Mann muss stationär aufgenommen werden.

Übergabe an den Frühdienst

Gegen 6:00 Uhr kommt der Frühdienst zur Übergabe. Die Teams tauschen sich über die Patienten aus: Welche Untersuchungen stehen noch aus? Welche Medikamente wurden gegeben? Was muss nachbestellt oder aufgefüllt werden? Erst wenn alles besprochen ist, kann die Nachtschicht nach Hause. Der Betrieb in der Notaufnahme läuft weiter - rund um die Uhr.

Unsere Quellen:

  • WDR-Interview mit Katharina Kalisch
  • WDR-Reporterin vor Ort
  • AOK-Bundesverband

Sendung: WDR.de, "Manches ist beim Hausarzt besser aufgehoben", 27.08.2026, 06:55 Uhr

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