Darum faszinieren Schrebergärten
WDR. 03:15 Min.. Verfügbar bis 27.07.2028.
Rosalia Zielonkowskis Lieblingsblumen sind Rosen.
Diesen Moment liebt Rosalia Zielonkowski über alles: Beseelt bleibt sie bei ihren Rosen stehen. Sie riecht an den Blüten ihrer Lieblingsblumen, blickt verträumt über die Beete und setzt sich zu ihrem Enkel Tim an den Gartentisch. Seit mittlerweile 21 Jahren gehört die Parzelle in der Kleingartenanlage Benrath zu ihrem Leben. Hier wird gearbeitet, gefeiert und gelacht. Sogar die Hochzeit ihres zweiten Sohnes fand im Garten statt.
Im September wird sie aber das Gartentor zum letzten Mal hinter sich schließen. Aus gesundheitlichen Gründen geben Zielonkowski und ihr Mann die Parzelle auf. "Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist", sagt die 75-Jährige. Gleichzeitig hofft sie, dass bald wieder eine Familie mit Kindern in den Garten einzieht. Irgendjemand von der Warteliste wird dann ein neues Kapitel aufschlagen können.
Vom Spießer-Image zum Sehnsuchtsort
Lange haftete dem Schrebergarten ein eher angestaubtes Image an. Und selbst heutezutage denken viele vor allem an Gartenzwerge, akkurat gestutzte Hecken und strenge Vereinsregeln. Doch es verändert sich etwas. Gerade in Städten sehnen sich die Menschen nach einem kleinen Garten: Als Ort zum Abschalten, für ein gemeinsames Familienleben oder um eigenes Obst und Gemüse anzubauen.
Lange Wartezeiten gelten als Indiz, dass Kleingärten im Trend liegen. Vom Bundesverband Deutscher Gartenfreude gibt es eine Einschätzung zu größeren Städten: Hier können lange Wartezeiten von bis zu zehn Jahren auf die künftigen Kleingärtner zukommen - wie zum Beispiel für Metropolen wie München, Hamburg oder Berlin. Besonders im städtischen Bereich seien Kleingärten seit mehreren Jahren stark nachgefragt. Die Corona-Pandemie habe diesen Trend noch einmal zusätzlich verstärkt.
Einfluss der Corona-Pandemie
Neuzugang Marcus Ebert (l.) und Jürgen Burchartz im Kleingartenverein Benrath
Das kann auch der Vereinsvorsitzender der Kleingartenanlage Düsseldorf-Benrath, Jürgen Burchartz, aufgrund seiner Erlebnisse an fast jedem Wochenende bestätigen: "Vor Corona war es noch nicht ganz so schlimm, da hatte man ungefähr ein Jahr Wartezeit. Seitdem laufen die uns die Bude ein. Die kommen schon am Sonntag in die Gartenanlage und fragen, ob ein Garten frei ist."
Die Warteliste im Benrather Kleingartenverein ist voll: Rund 15 Interessenten stehen drauf. Mehr nimmt der Verein gar nicht erst auf, denn bis eine Parzelle frei wird, vergehen meist vier Jahre.
"Wer in einer Wohnung ohne Balkon oder eigenen Garten lebt, weiß ein Stück Natur vor der Haustür besonders zu schätzen", sagt Jürgen Burchartz. Gleichzeitig würden Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel und regionale Lebensmittel stärker in den Fokus rücken: "Immer mehr Menschen möchten wieder selbst Gemüse anbauen oder erleben, wie aus einem Samen eine Tomate wächst."
Vier Jahre auf den Kleingarten gewartet
Wie begehrt Kleingärten sind, weiß Marcus Ebert aus eigener Erfahrung. Vier Jahre lang standen auch er und seine Partnerin auf der Warteliste. Als der Anruf des Vereins kam, zögerten sie keine Minute. "Wir waren zehn Minuten später hier und haben uns den Garten angeschaut", erzählt der Düsseldorfer.
Vier Jahre hat Marcus Ebert auf seinen eigenen Kleingarten gewartet.
Morgens gießt er seine Pflanzen und pflückt Brombeeren. Das weckt Kindheitserinnerungen: "Meine Mutter hat früher immer ganz viele Marmeladen gemacht, mein Vater hat die Beeren aus dem Garten geholt – und wir machen das heute genauso."
Eine große Sehnsucht nach Leben im Grünen
Nicht nur Corona hat den Kleingärten neuen Zulauf beschert. Auch die unsichere weltpolitische Lage und steigende Lebensmittelpreise sorgen nach Einschätzung von Kleingartenverbänden dafür, dass sich wieder mehr Menschen für Selbstversorgung und einen eigenen Garten interessieren.
Seit sechs Wochen kann sich Marcus Ebert endlich Kleingärtner nennen.
Dabei verändert sich offenbar das Bild vom klassischen Kleingärtner. Zwar liegt das Durchschnittsalter vieler Pächterinnen und Pächter weiterhin bei rund 60 Jahren. Gleichzeitig würden aber immer häufiger junge Familien oder Berufstätige Parzellen übernehmen und auf Urban Gardening und gemeinschaftliche Projekte innerhalb der Vereine setzen.
So viele Schrebergärten gibt es in Düsseldorf
In Düsseldorf gehören Kleingärten fest zum Stadtbild. Insgesamt gibt es 70 Kleingartenanlagen, in denen rund 100 Vereine organisiert sind. Zusammen bewirtschaften sie knapp 6.600 Gartenparzellen. Die verpachtete Fläche umfasst 293 Hektar (das entspricht etwa 410 Fußballfeldern) und macht rund 7,5 Prozent des gesamten städtischen Grüns aus. Acht Gartenlauben werden in Düsseldorf übrigens noch dauerhaft bewohnt.
Die Kleingartenfläche in Nordrhein-Westfalen
Laut dem statistischen Landesamt erstreckten sich die Kleingärten Ende 2023 über 6.488 Hektar - eine Fläche so groß wie knapp mehr als 9.000 Fußballplätze. Das entspricht 11,2 Prozent aller Grünanlagen in Nordrhein-Westfalen. Auffällig ist die Entwicklung: Seit 1999 ist die Fläche der Kleingärten um rund 37 Prozent gewachsen. Die größten Kleingartenflächen befinden sich in Köln, Essen und Dortmund.
Deutschland: Millionen Menschen nutzen Kleingärten
Neben Rosmarin, Möhren und Feigen baut Marc Herbert in seinem Kleingarten Tomaten an.
Deutschlandweit gibt es 867.092 Kleingärten. Einschließlich Familien und Freunden nutzen nach Schätzungen des Bundesverbandes der Kleingartenvereine rund fünf Millionen Menschen regelmäßig eine Parzelle. Im Städtevergleich liegt Berlin mit rund 66.000 Kleingärten an der Spitze. Düsseldorf belegt mit rund 6.600 Parzellen Platz 13.
Gut für Mensch, Klima und Artenvielfalt
Kleingärten sind weit mehr als private Rückzugsorte. Sie übernehmen wichtige Funktionen für das Stadtklima. Bäume und Pflanzen spenden Schatten, kühlen durch Verdunstung ihre Umgebung und tragen dazu bei, Hitzeinseln in dicht bebauten Quartieren abzumildern.
Kleingärten unterstützen die Biodiversität.
Auch für die Artenvielfalt sind naturnah bewirtschaftete Gärten wertvoll. Blühpflanzen bieten Nahrung für Wildbienen und Schmetterlinge, Hecken und Bäume schaffen Lebensräume für Vögel und andere Tiere. Gerade in Städten bilden Kleingärten wichtige grüne Inseln zwischen Parks und anderen Grünflächen.
2018 hat Marc Herbert den Kleingarten seiner Eltern übernommen.
Doch nicht nur Pflanzen profitieren davon. Wer durch eine Kleingartenanlage spaziert, merkt schnell: Hinter den Gartenzäunen wird nicht nur gegärtnert. Hier wird geplaudert, gemeinsam Kaffee getrunken oder spontan Werkzeug verliehen. Viele kennen sich seit Jahren. Marc Herbert erlebt genau das fast täglich in seinem Benrather Verbund. Seine Familie ist bereits in dritter Generation im Kleingarten aktiv.
Wenn du hier bist, ist das immer etwas Besonderes. Du bist hier in der Natur pur. Marc Herbert, Kleingärtner
Historie: Vom Armengarten zur grünen Oase
Mindestens ein Drittel der Fläche im Kleingarten muss für Obst oder Gemüse genutzt werden.
Die Geschichte der Kleingärten reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Die ersten Anlagen entstanden als sogenannte Armengärten. Familien konnten dort Obst und Gemüse anbauen und sich so zumindest teilweise selbst versorgen. Daneben entstanden Gärten für Fabrikarbeiter, Anlagen der Naturheilbewegung oder die Berliner Laubenpieper.
Namensgeber wurde der Leipziger Arzt Daniel Gottlob Schreber. Seine ursprüngliche Idee war es allerdings nicht, Kleingärten anzulegen. Er setzte sich für Spiel- und Bewegungsflächen für Kinder ein. Nach seinem Tod entstand 1864 in Leipzig der erste Schreberverein. Die Spielplätze wurden später um Gartenparzellen ergänzt. Daraus entwickelte sich die Schrebergartenbewegung.
Während der beiden Weltkriege und in den Nachkriegsjahren waren Kleingärten lebenswichtig. Sie dienten der Versorgung mit Lebensmitteln und teilweise sogar als Wohnraum. Mit wachsendem Wohlstand wandelte sich ihre Funktion. Heute stehen Erholung, Naturerlebnis und Freizeit im Mittelpunkt.
Ein Ort voller Geschichten
Hinter jedem Gartentor stecken eigene Geschichten: Für Marcus Ebert beginnt das Abenteuer Kleingarten gerade erst. Rosalia Zielonkowski verabschiedet sich nach mehr als zwei Jahrzehnten von ihrer Parzelle. Und Marc Herbert führt eine Familientradition fort, die schon sein Großvater begonnen hat.
Unsere Quellen:
- Stadt Düsseldorf
- IT.NRW - Statistisches Landesamt NRW
- Bundesverband der Kleingartenvereine Deutschlands e.V.
- Bundeszentrale für politische Bildung
- Gespräche mit Mitgliedern des Kleingärtnervereins Benrath
Sendung: WDR.de, Darum faszinieren Schrebergärten, 27.07.2026, 12:40 Uhr