Schock bei der Beisetzung: Auf der Beerdigung ihres Vaters auf dem Kölner Nordfriedhof Anfang Juli entdeckt Tanja Iven auf dem Erdhügel neben dem frisch ausgehobenen Grab ein menschliches Schädelfragment. Die Familie geht zunächst davon aus, dass das von der Mutter stammen könnten, die bereits vor 14 Jahren in derselben Doppelgrabstätte beigesetzt worden war. "Das Bild bekommen wir so schnell nicht mehr aus dem Kopf, gerade unsere Kinder nicht", sagt Tanja Iven.
Besonders belastend sei gewesen, dass auch die Enkelkinder den Fund mit ansehen mussten. Die Familie wendet sich an die Stadt Köln.
Stadt Köln entschuldigt sich
Die Friedhofsverwaltung untersucht den Fall und entschuldigt sich schließlich bei der Familie. Nach Prüfung der Unterlagen sei klar: Das gefundene Schädelfragment stammt nicht von der Mutter. Diese sei innerhalb der Doppelgrabstätte in einer tieferen Grablage beigesetzt worden. Für die Beisetzung des Vaters sei nur die obere Grabtiefe geöffnet worden.
Der Schädel am Grab
Bildquelle: WDR / GowitzkeDie Stadt erklärt, dass es auf Friedhöfen, die seit Jahrzehnten genutzt werden, in Einzelfällen vorkommen könne, dass bei einem Grabaushub Gebeine früherer Beisetzungen entdeckt werden. Diese würden normalerweise vorsichtig abgesammelt und in tieferer Lage innerhalb der Grabstelle wieder beigesetzt. Im aktuellen Fall sei dies offenbar versäumt worden.
Knochenfragmente könnten beispielsweise durch anhaftenden Boden bedeckt sein und dadurch möglicherweise nicht sofort als Gebeinereste erkannt werden.
Stadt: "Absolute Ausnahme"
Die Stadt Köln betont, dass solche Fälle sehr selten sind. Pro Jahr gebe es auf den Kölner Friedhöfen rund 8.500 Beisetzungen. Dass Gebeinereste übersehen würden, sei eine "absolute Ausnahme" und kein Regelfall. Die betrieblichen Abläufe seien grundsätzlich eingespielt. Gleichzeitig könnten derartige Vorkommnisse auch bei sorgfältiger Arbeitsweise nicht vollständig ausgeschlossen werden.
Die Mitarbeitenden auf den Kölner Friedhöfen sind sich ihrer besonderen Verantwortung bewusst, so die Stadt. Vor allem das Leitungspersonal, das bei der Vorbereitung und Durchführung von Beisetzungen mit Angehörigen im Kontakt steht, ist für den sensiblen Umgang mit Trauernden geschult und erfahren.
Experte: Knochenfunde sind auf alten Friedhöfen nicht ungewöhnlich
Michael Albrecht vom Verband der Friedhofsverwalter e.V. beschäftigt sich mit Verwesungs- und Abbauprozessen menschlicher Körper. Er erklärt, dass nach dem biologischen Abbau vor allem die Knochen zurückbleiben. "Der Körper besteht aus Biomasse, die Knochen bleiben dann am Ende übrig. Das ist dann kein biologischer Abbau mehr, sondern bei den Knochen ein chemischer Abbau", sagt Albrecht. Wie schnell Knochen zersetzt werden, hänge unter anderem vom pH-Wert des Bodens ab und sei von Friedhof zu Friedhof unterschiedlich.
"Es ist definitiv nicht ungewöhnlich, dass solche Knochen auftauchen." Michael Albrecht, Verband der Friedhofsverwalter e.V.
Besonders häufig würden sogenannte Großknochen gefunden, etwa Becken, Schädel oder Oberschenkelknochen. Eine rostbraune Färbung sei dabei ein Zeichen dafür, dass kein Gewebe mehr vorhanden ist. "Dann geht von den Knochen keine gesundheitliche Gefährdung aus." Werden solche Überreste entdeckt, würden sie wieder in der Grabstätte beigesetzt. "Man sammelt die ein und dann gräbt man die mit einem Mini-Bagger wieder ein, dann kommt wieder Erde drauf und dann ist das sauber", erklärt Albrecht.
Vergleichbare Fälle in NRW
Der Kölner Fall ist offenbar kein Einzelfall. Auch an anderen Friedhöfen in Nordrhein-Westfalen wurden in den vergangenen Jahren menschliche Überreste entdeckt.
2025 fanden vier Schwestern auf einem Friedhof in Mönchengladbach-Wickrath bei einem aufgelösten Grab der Großmutter menschliche Knochen. Die Stadt erklärte damals, solche Funde kämen "gelegentlich" vor. Als mögliche Ursachen wurden unter anderem freigespülte Erdschichten durch Regen, Sturmschäden oder Arbeiten an älteren Grabstätten genannt.
Bereits 2017 entdeckte eine Frau auf einem Familiengrab in Mönchengladbach-Rheindahlen einen großen menschlichen Knochen. Auch auf dem Kölner Westfriedhof gab es ähnliche Fälle: 2016 fand eine Frau mehrfach menschliche Knochen auf dem Grab ihrer Eltern, darunter auch Schädelteile. Schon 2013 entdeckte ein Friedhofsbesucher dort neben einem Familiengrab unter anderem einen Wirbel und einen rund 50 Zentimeter langen Oberschenkelknochen.
Friedhofsverwaltungen betonen, dass solche Funde selten seien. Eine zentrale Statistik darüber, wie häufig menschliche Überreste bei Grabarbeiten oder durch Witterungseinflüsse freigelegt werden, gibt es nach Angaben der Stadt Köln nicht.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporter vor Ort
- Stadt Köln
- Verband der Friedhofsverwalter e.V.
Sendung: WDR.de, Schock bei der Beisetzung: Schädel lag neben Grab, 10.08.2026, 08:59 Uhr
