Lehrer startet Petition für kostenloses Schulessen
Bildquelle: dpa / Hauke-Christian Dittrich3 Min. 13 Sek.. Verfügbar bis 23.12.2027.
Schülersprecher Nuri Kilincel beobachtet, dass viele Mitschüler sich das Schulessen nicht leisten können.
Bildquelle: WDR / Daniel M. GowitzkeKurz nach zwölf Uhr mittags in der Mensa der Katharina-Henoth-Gesamtschule im Kölner Stadtteil Höhenberg. Stimmengewirr, klappernde Tabletts, der Geruch von warmem Essen. Doch nicht alle Kinder essen zu Mittag. Einige teilen sich einen Teller, andere sitzen nur daneben. Der 18-jährige Schülersprecher Nuri Kilincel beobachtet das täglich. Für viele Mitschülerinnen und Mitschüler sei das Mittagessen in der Schule oft die einzige warme Mahlzeit des Tages:
"Wenn man hier in die Mensa kommt, sieht man oft Kinder, die nichts essen und hungrig sind. Oft kommen jüngere Kinder zu uns und fragen nach Geld, weil sie Hunger haben und sich hier nichts leisten können." Nuri Kilincel, Schülersprecher Katharina-Henoth-Gesamtschule Köln-Höhenberg
Ein Lehrer, der wachsam ist
Numan Sarrac will niemanden an seiner Schule hungrig sehen.
Bildquelle: WDR / Daniel M. GowitzkeNuman Sarrac will diesen Zustand öffentlich machen. Er arbeitet seit 15 Jahren als Lehrer an der Katharina-Henoth-Gesamtschule. In seinem Berufsalltag erlebt er, wie sich Armut auch unmittelbar auf das Lernen auswirkt:
"Ich hatte einen Schüler, der sich gar nicht konzentrieren konnte. Im Gespräch habe ich herausgefunden, dass er Hunger hatte und nichts gegessen hatte. Dann hat er erst einmal mein Butterbrot bekommen. Er war so dankbar, dass er Tränen in den Augen hatte." Numan Sarrac, Lehrer Katharina-Henoth-Gesamtschule Köln-Höhenberg
Essen für alle Kinder
"Mit Hunger sind wir hier an der Schule jeden Tag konfrontiert", sagt Sarrac. Aus dieser Erfahrung heraus hat der Lehrer eine Petition gestartet, die kostenloses Schulessen für alle Kinder in Nordrhein-Westfalen fordert. Mehr als 12.400 Menschen haben schon unterschrieben. Doch die Forderung ist politisch umstritten und finanziell anspruchsvoll.
Fachleute schätzen die Kosten für ein flächendeckend kostenloses Mittagessen auf rund zwei Milliarden Euro pro Jahr. Für Sarrac ist das dennoch eine notwendige Investition, um Kinderarmut nicht weiter zu verfestigen.
Ein solidarisches Essenskonzept?
Die Schule versucht derweil, selbst gegenzusteuern. Mithilfe privater Spenden wird inzwischen ein kostenloses Frühstück angeboten. Ein wichtiger Schritt, der jedoch nur für wenige Stunden Entlastung schafft.
Schulleiter Martin Süsterhenn will langfristige Lösungen
Bildquelle: WDR / Daniel M. GowitzkeAuch Schulleiter Martin Süsterhenn fordert langfristige Lösungen, zumindest für Schulen in Stadtteilen mit hoher sozialer Belastung: "Die Schulen, die so hoch indiziert sind, sollten das Essen kostenlos bekommen. An anderen Schulen müsste das nicht unbedingt so sei", sagt Süsterhenn.
Beispiel für ein strukturelles Problem
Die Katharina-Henoth-Gesamtschule hat den höchsten sozialen Belastungsindex in Köln. Rund 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben außerdem einen Migrationshintergrund, viele Familien im Viertel sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Landesweit gilt etwa jedes fünfte Kind in Nordrhein-Westfalen als armutsgefährdet.
Der Hunger an der Katharina-Henoth-Gesamtschule korrespondiert direkt mit der wachsenden Kinderarmut. Bundesweit nutzen derzeit rund 1,5 Millionen Menschen die Angebote der Tafel Deutschland, etwa jede dritte Person ist ein Kind. Nach Angaben von Andreas Steppuhn, dem Vorsitzenden von Tafel Deutschland, ist der Anteil der Kinder im Vergleich zum Vorjahr noch leicht gestiegen.
Spätestens hier wird deutlich, dass das Problem aus Köln Teil eines größeren gesellschaftlichen Trends ist.
Unsere Quellen:
- Beobachtungen WDR-Reporter vor Ort
- Tafel Deutschland
Sendung: WDR.de, Lehrer startet Petition für kostenloses Schulessen, 24.12.25, 6.02 Uhr