Wohnungsnot in Köln: Eigenbedarfskündigungen nehmen zu
Bildquelle: WDR / MazurWDR. 6 Min. 14 Sek.. Verfügbar bis 07.09.2028.
Jede freie Minute sucht Florine Bruns im Internet nach einer neuen Wohnung. Vor drei Monaten hat sie eine Eigenbedarfskündigung erhalten. Ihr Vermieter möchte die Wohnung künftig selbst nutzen. "Ich war schockiert und auch emotional getroffen", erzählt die Kölnerin, die erst seit knapp zwei Jahren in der Zwei-Zimmer-Wohnung lebt. "Der Brief kam völlig überraschend und ohne Ankündigung."
Besonders belastend für die 38-Jährige: Schon aus ihrer vorherigen Wohnung musste Bruns wegen Eigenbedarfs ausziehen.
360 Bewerbungen auf eine einzige Wohnung
Bruns hat ein sicheres Einkommen. Ihre Bewerbungsmappe umfasst 23 Seiten. Rund 130 Bewerbungen hat sie bereits verschickt, bei 30 Besichtigungen war sie. Trotzdem hagelt es nur Absagen, denn die Konkurrenz ist groß: "Auf meiner letzten Besichtigung hat mir die Maklerin erzählt, dass sie 360 Bewerbungen erhalten hatte, obwohl sie die Anzeige extra nachts online gestellt und am nächsten Morgen rausgenommen hatte."
"Meine Bewerbungsmappe für eine Wohnung ist mindestens genauso umfangreich wie für einen Job mit ganz viel Berufserfahrung." Florine Bruns
Bei solchen Massenbesichtigungen sei es nahezu unmöglich, sich persönlich vorstellen zu können. Bruns fragt sich verzweifelt: "Ich bin doch super qualifiziert für eine neue Wohnung, warum möchtet ihr mich nicht?"
Eigenbedarf: Fast jeden Tag ein neuer Fall
Eine Eigenbedarfskündigung ist gesetzlich streng geregelt: Sie muss schriftlich und mit einer detaillierten Erklärung erfolgen. Der Vermieter darf die Wohnung nur für sich selbst, Familienangehörige oder Personen beanspruchen, die im selben Haushalt leben. Von den insgesamt 1.750 Kündigungen, zu denen der Kölner Mieterverein im Jahr 2025 seine Mitglieder beraten hatte, entfielen rund 900 auf Eigenbedarfskündigungen.
"Es gibt mittlerweile so wenig Wohnraum, dass viele Vermieter auf ihr Eigentum zurückgreifen müssen, weil sie selbst nichts finden", sagt Sarah Primus vom Kölner Mieterverein. "Diese Situation führt zu einer größeren Anspannung am Markt, weil wiederum mehr Menschen mit Zeitdruck eine neue Wohnung brauchen". Die Zahlen zeigen allerdings nur einen Ausschnitt, weil der Mieterverein nur ihre Mitglieder erfasst. Die tatsächliche Zahl der Eigenbedarfskündigungen dürfte daher deutlich höher liegen.
Sarah Primus vom Kölner Mieterverein hat Ideen, wie sich die Situation in Köln verbessern könnte
Bildquelle: WDR / MazurStadt setzt auf Neubau-Projekte
Auch die Mieten sind weiter gestiegen. Laut Institut der Deutschen Wirtschaft hat Köln im bundesweiten Vergleich mit 7,9 Prozent den stärksten Anstieg - trotz Mietpreisbremse. Oberbürgermeister Torsten Burmester hatte im Wahlkampf versprochen, die Wohnungsnot zur "Chefsache" zu machen. Nach knapp einem Jahr im Amt verweist er auf den sogenannten "Bauturbo" als erste erfolgreiche Maßnahme: "Dadurch haben wir 700 neue Wohnungen bewilligt. Im nächsten Schritt konzentrieren wir uns darauf, günstiger zu bauen."
Nach einem Ratsbeschluss im vergangenen Jahr startete die Initiative "Köln baut bezahlbar." Insgesamt könnten dadurch bis zu 2.700 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche eingespart werden. Das soll nicht nur neue Investoren nach Köln locken, sondern sich auch bei den Mieten bemerkbar machen. Der Rat will im Herbst über diese Maßnahme entscheiden.
Was tun gegen zu hohe Mieten? Sagt uns eure Meinung
Was denkt ihr? Was muss sich ändern, damit Wohnen bezahlbar und Köln lebenswert bleibt? Welche Ideen gibt es für mehr Wohnungsbau und neue Wohnkonzepte? Schreibt uns eure Meinung - direkt in die Kommentare auf wdr.de oder per Mail an stadtgespraech@wdr.de!
Über das Dilemma sprechen wir auch beim WDR Lokalzeit Stadtgespräch am Donnerstag ab 19 Uhr in der größten Wohngemeinschaft in Köln-Ehrenfeld in der Weinsbergstraße 74 und live bei WDR 5. Eure Kommentare und Fragen nehmen wir mit in die Diskussion mit unseren Gästen.
Unsere Quellen:
- Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester
- Florine Bruns, Wohnungssuchende
- Sarah Primus, Kölner Mieterverein
- Institut der Deutschen Wirtschaft
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Köln, 07.09.2026, 19:30 Uhr

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