Warum viele Eltern mehr für OGS und Kita zahlen müssen
WDR. 03:24 Min.. Verfügbar bis 14.07.2037.
Als Daniel Christians hochrechnete, was auf ihn und seine Familie ab dem 1. August zukommt, bekam er einen Schock. Insgesamt rund 3.000 Euro soll die Familie des Recklinghauseners künftig pro Jahr bezahlen, damit die drei Kinder im Kindergarten etwas zu essen bekommen.
Daniel Christians, Jugendamtselternbeirat Recklinghausen
Zum 1. August wird die Stadt die Kosten fürs Essen in der Kita und in der Offenen Ganztagsbetreuung (OGS) an Grundschulen im Schnitt um knapp elf Prozent erhöhen. Für Familienvater und Elternvertreter Christians ist das eine zusätzliche Belastung - zumal die Kita-Gebühren in Recklinghausen im Vergleich zu anderen Städten ohnehin schon hoch sind.
Steigende Kosten für Personal und Lebensmittel
"3.000 Euro im Jahr finde ich schon enorm. Das ist ein gutes Nettogehalt, das nur für Essens-Gebühren - plus noch Kita-Gebühren - zusammenkommt." Daniel Christians, Jugendamtselternbeirat Recklinghausen
Die Stadt erklärt den Preisanstieg etwa mit steigenden Kosten für Lebensmittel, Personal und Energie. Knapp 40 Prozent der OGS-Kinder seien nicht von der Erhöhung betroffen, da die Stadt aufgrund des geringen Einkommens der Eltern für sie ohnehin schon das Essen bezahlt.
Kreis Düren hebt Beitragsfreiheit teilweise auf
Recklinghausen ist eine von vielen NRW-Kommunen, die gerade Gebühren bei Kita oder OGS erhöhen - meist mit Verweis auf steigende Kosten und die eigene angespannte finanzielle Lage. Auch in Bochum und Oberhausen soll das Kita-Essen teurer werden, in Lünen das Essen in der OGS. Holzwickede plant, die OGS-Gebühren anzuheben. Im Kreis Düren wird die Beitragsfreiheit im Kita-Bereich für Eltern ab 50.000 Euro Jahreseinkommen zum 1. August wieder aufgehoben.
Auch in Emmerich hat der Stadtrat gestern beschlossen, die bisherige Beitragsfreiheit für dreijährige Kita-Kinder ab Sommer 2027 wieder zu streichen. Der Geschwisterbonus wird hier ebenfalls gekürzt: Bisher mussten Eltern für weitere betreute Kinder nichts bezahlen, künftig werden für das zweite Kind 50 Prozent des Beitrags fällig.
In Düsseldorf entscheidet der Rat am Donnerstag über Kürzungen. Auch hier geht es um den Geschwisterbonus, zudem könnte die bisherige Beitragsfreiheit fürs erste Jahr im Ü3-Bereich teilweise entfallen. Dafür soll die Betreuung unter 35 Stunden durchweg gebührenfrei werden.
Große Diskussion zu OGS-Reform in Kleve
Besonders groß war die Diskussion zuletzt in Kleve: Hier plante die Stadt eine größere OGS-Reform mit bis zu 40 Prozent höheren Beiträgen, geringerem Geschwisterbonus und zusätzlichen Kosten für die Ferienbetreuung, die bisher im Beitrag enthalten war.
Anja Sadat, Fraktion Offene Klever/Die Linke
Da mehrere Fraktionen im Stadtrat dem Plan nicht zustimmten, wurde die Reform aufs nächste Jahr verschoben. Bis dahin sollen die Pläne überarbeitet werden. Anja Sadat, die für die Fraktion Offene Klever/Die Linke im Schulausschuss sitzt, findet das richtig: "Das aktuelle Vorgehen wäre für die Familien nicht gerecht gewesen", sagt sie.
Sie habe zwar Verständnis dafür, dass gewisse Kosten gestiegen sind. Allerdings fordert sie eine schrittweise Erhöhung. "Es sollte eine soziale Staffelung geben, damit Familien, die nicht genug Einkommen haben, entlastet werden, und andere Familien nicht überproportional belastet werden. Es muss sozial bleiben."
Kleves Bürgermeister: "Es geht nicht mehr"
Kleves Bürgermeister Markus Dahmen
Kleves Bürgermeister Markus Dahmen (parteilos) hält die Reform aber für unvermeidbar. Die OGS-Beitäge in Kleve seien seit zehn Jahren nicht mehr gestiegen. Doch die Stadt habe in der Zeit immer mehr Geld zuschießen müssen, etwa wegen steigender Personalkosten.
"Wir wollten die Beiträge lange stabil halten. Aber jetzt geht es nicht mehr. Die Lücke klafft immer weiter und wir versuchen jetzt, sie sozialverträglich zu schließen. Markus Dahmen, Bürgermeister Kleve (parteilos)
Kommunen fordern mehr Geld vom Land
Doch woran liegt es, dass die Haushaltslage in vielen Städten so dramatisch ist? Der Städte- und Gemeindebund NRW erklärt das damit, dass den Kommunen immer mehr Aufgaben zugewiesen würden, aber nicht das dafür nötige Geld.
Thilo Waasem, Städte- und Gemeindebund
Thilo Waasem vom Städte- und Gemeindebund sieht hier besonders das Land in der Pflicht: "Wenn die Städte und Gemeinden in NRW im letzten Jahr neun Milliarden mehr ausgeben mussten als sie einnehmen und gleichzeitig das Land zwei Milliarden mehr einnimmt als es ausgibt, dann haben wir ein Ungleichgewicht", sagt er und betont:
"Die Kommunen erhöhen diese Beiträge ja nicht aus Freude, sondern sie sehen sich gezwungen. Es ist einfach die schlichte Not vor Ort." Thilo Waasem, Städte- und Gemeindebund NRW
Erste Teil-Lösung in Sicht
Nun deutet sich aber eine erste Teil-Lösung an: Das Land hatte am Dienstag angekündigt, die Kommunen künftig stärker an den Steuereinnahmen zu beteiligen. Der entsprechende Verbundsatz soll um 0,5 Prozent steigen - die erste strukturelle Erhöhung seit Mitte der 1970er-Jahre.
Das hatte der Städte- und Gemeindebund schon lange gefordert. Präsident Tobias Stockhoff lobt den Schritt deshalb als eine "bedeutsame Weichenstellung für die Städte und Gemeinden", fordert aber auch weitere Reformen.
Auch Anja Sadat von der Fraktion Offene Klever/Die Linke sieht in Sachen steigende Kita- und OGS-Kosten das Land weiter am Zug. "Das kann nicht alleine auf den Rücken der Eltern abgedrückt werden. Das Land muss genauso einspringen."
Unsere Quellen:
- Beschlussvorlagen der Stadträte Recklinghausen, Kleve, Düsseldorf, Bochum, Oberhausen, Lünen, Emmerich und Holzwickede
- WDR-Gespräch mit einem Sprecher der Stadt Emmerich
- WDR-Gespräch mit Daniel Christians, Jugendamtselternbeirat Recklinghausen
- WDR-Gespräch mit Anja Sadat, Offene Klever/Die Linke
- WDR-Gespräch mit Markus Dahmen, Bürgermeister von Kleve
- WDR-Gespräch mit Thilo Waasem, Städte- und Gemeindebund NRW
- Pressemitteilung der Landesregierung zur Anhebung des Verbundsatzes
- Pressemitteilung des Städte- und Gemeindebundes zur Anhebung des Verbundsatzes
Sendung: WDR.de, Warum viele Eltern mehr für OGS und Kita zahlen müssen, 15.07.2026, 4:58
