Wenn das neue Rathaus aufeinmal drei mal mehr kostet
Bildquelle: WDR/Niklas StichtWDR. 3 Min. 15 Sek.. Verfügbar bis 01.09.2028.
Immer noch umgibt ein Bauzaun das Bocholter Rathaus. Zwei große Baukräne rahmen es ein. Eigentlich sollten hier seit sechs Jahren die Mitarbeiter der Verwaltung in einem frisch sanierten Rathaus arbeiten. Während direkt nebenan ein ebenfalls frisch saniertes Theater Aufführungen probt. Doch daraus wurde nichts.
Von Corona bis zum Brandschutz
Immer wieder wurde der Termin zur Neueröffnung nach hinten verschoben. Immer wieder kamen neue Probleme hinzu oder das Bauprojekt wurde ausgeweitet. Denn eigentlich sollte zu Beginn lediglich das Rathaus saniert werden. Dann kam ein weiteres Stockwerk hinzu, und man entschloss sich, auch das ans Rathaus angeschlossene Theater mitzusanieren.
Hinzu kamen globale Krisen und Herausforderungen im Bereich des Denkmalschutzes und ein Wechsel des Architekten. Als Stefan Bielefeld 2025 das Projekt übernahm, folgt kurz darauf die nächste Preissteigerung. Für jetzt 84 Millionen Euro soll der neue Architekt das Projekt beenden.
"Es geht vor allem darum, jetzt kostendeckend und zeitsparend zu arbeiten." Stefan Bielefeld, Architekt des Projekts
Es wurde trotzdem teurer. Eine Analyse ergab: Teile der Arbeit des ersten Architekten müssen ausgebessert werden. Darunter Teile der Statik, des Brandschutzes und auch die Büros mussten neu geplant werden, um den arbeitsrechtlichen Vorgaben zu entsprechen. Neue Gesamtkosten? Zwischen 114 und 120 Millionen Euro.
Ein Bekenntnis zum Rathaus oder fehlende Alternativen?
Der Rat stimmte den neuen Kosten zu - unter Vorbehalt. Die 114 Millionen werden genehmigt, sollten es doch die 120 werden, muss der Rat erneut entscheiden. Dabei fielen die Reaktionen durchaus unterschiedlich aus.
CDU und Grüne stellen sich hinter das Projekt. Trotz steigender Kosten sei die Sanierung sinnvoll und nach wie vor einem Neubau vorzuziehen. Anders bewerten die Linke und die AfD die Situation. In der vorausgegangenen Planung hätte es viele Fehler gegeben. Die Parteien stimmen der erneuten Kostenerhöhung jetzt nur zu, da die Alternative ein noch teurerer Baustopp wäre.
"Wir stehen weiterhin hinter der Rathaussanierung. Für Bocholt ist es wichtig, das Rathaus als zentralen Ort der Stadtverwaltung und Bürgerschaft zukunftsfähig aufzustellen." Gisbert Bresser, CDU Bocholt
"Ein Neubau wäre zweifellos deutlich teurer als die Summe der bereits eingesetzten und noch erforderlichen Mittel für die Sanierung." Annette Grümer-Weyers; Bündnis90/Die Grünen
"Der Zug rollt nun wieder und ist nicht mehr zu stoppen. Das Projekt muss nun fertiggestellt werden und zur Ehrlichkeit gehört, dass in letzter Konsequenz die AfD zähneknirschend einer weiteren Kostensteigerung zustimmen würde" André Ludwig, AfD Bocholt
"Viele Entscheidungen hätten früher, schneller und besser getroffen werden müssen. Heute müssen wir mit den Folgen umgehen." Michael Frieg, Die Linke Bocholt
Gegen die Budget-Erhöhung positioniert sich die Stadtpartei. Die Kosten würden den ertragbaren Rahmen übersteigen. Die SPD stimmte zwar im Rat für die Erhöhung, reagierte darüber hinaus aber nicht auf unsere Fragen bis zum Redaktionsschluss. Alle Parteien sind sich jedoch einig: am Ende müssen die Abläufe aufgearbeitet werden.
"Es ist für uns völlig inakzeptabel, dass bis heute niemand aus der Verwaltung erklären kann oder will, wie diese Zahlen überhaupt zustande gekommen sind." Peter Wiegel, Stadtpartei Bocholt
Eine Stadt, zwei Meinungen
Auf der Bocholter Straße wollen sich nicht viele zu der Rathaussanierung äußern. Tun sie es doch, gehen die Meinungen weit auseinander.
"Das Haus hat eine Originalität und deswegen finde ich es gut, dass es erhalten und saniert wird" Johannes Tepaße
"Man hätte es abreißen sollen und neu bauen, dann wäre es günstiger geworden." Andreas
"Ja die Sanierung ist nun teurer, aber wir wollen auch endlich wieder ein funktionierendes Rathaus haben!" Josef Biermann
Zwischen Kostensteigerung und Umweltschutz
Aber ist es überhaupt zu erklären, dass sich die Kosten jetzt verdreifachen? Politikwissenschaftler Norbert Kersting sagt nein: "Eine Verdopplung wäre durchaus real." Aber bei einer Verdreifachung gäbe es auch ein grundlegendes Problem.
"Besonders im öffentlichen Sektor werden die Kosten am Anfang oft unterschätzt!" Prof. Norbert Kersting, Uni Münster
Für Architekt Stefan Bielefeld war die Sanierung trotz steigender Kosten die richtige Entscheidung: "38 Prozent der CO2-Emessionen entstehen durch Bauen. Dieses Gebäude zu sanieren, statt einen Neubau auf die grüne Wiese zu setzen, ist deswegen hochgradig sinnvoll!"
Die Stadt Bocholt möchte nach Abschluss der Arbeiten die Vorgänge aufarbeiten. So eine Kostensteigerung dürfe sich nicht wiederholen. Im nächsten Jahr will die Stadt zudem ihr neues Rathaus wiedereröffnen.
Unsere Quellen:
- Stadt Bocholt
- Unterlagen der Ratssitzungen
- Gespräch mit Stefan Bielefeld
- Gespräch mit Norbert Kersting
- Fraktionen im Stadtrat der Stadt Bocholt
- Beobachtungen des Reporters vor Ort
WDR.de, Bocholter Rathaussanierung dauert an, 01.09.2026, 06:30 Uhr.
