170 Dauercamper brauchen plötzlich neues Zuhause
Bildquelle: WDR / Vanessa Wiebe03:22 Min.. Verfügbar bis 17.08.2028.
Campingplatz in Rheurdt : 170 Dauercamper brauchen plötzlich neues Zuhause
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"Ich liebe es hier, es ist mein Leben." Petra Holste sitzt wie jeden Morgen vor ihrem Häuschen im Garten. 25 Jahre lang hat die 66-Jährige mit ihrer mittlerweile verstorbenen Partnerin viel Liebe in ihr kleines Reich gesteckt. Sie wohnt dauerhaft hier. Im April dann die Schocknachricht: Der Campingplatz wird geschlossen.
Für sie und 170 Dauerbewohner bricht eine Welt zusammen. Den Campingplatz "Am Hoschenhof" auf der Grenze zwischen Neukirchen-Vluyn und der Gemeinde Rheurdt gibt es seit etwa 60 Jahren. Schon Petra Holstes Eltern haben hier gewohnt. "Mir raucht der Kopf: Abriss, Umzug - ich kann nicht mehr schlafen." So geht es nicht nur ihr.
Baurechtliche Ordnung scheitert an Brandschutz, Geld und der A40
Den Campingplatz "Am Hoschenhof" gibt es seit rund 60 Jahren.
Bildquelle: WDRVor zwei Jahren hatte die Brandschutzbehörde des Kreises Kleve einige Mängel festgestellt. Etwa zu enge Fluchtwege und fehlende Hydranten. Die beiden Campingplatz-Betreiber - seit 2019 die Kinder der ehemaligen Betreiber - beschlossen daraufhin, das Gelände baurechtlich offiziell zu ordnen, um jegliche rechtliche Unsicherheiten der Zukunft auszuräumen. Aber: Das Vorhaben geht viel mehr ins Geld als gedacht.
Das Grundstück von Petra Holste ist über 500 Quadratmeter groß.
Bildquelle: WDR / Vanessa WiebeNachdem einige Bewohner ihre Häuschen bereits auf 50 Quadratmeter zurückgebaut hatten, stellt sich heraus: Sie erfüllen nicht die aktuellen Anforderungen an die Statik. Laut Betreibern kämen andere teure Maßnahmen wie Begrünung oder Löschwasserversorgung hinzu. Das Vorhaben steigt in Millionenhöhe.
"Die Höhe der zu tätigenden Investition würde sowohl unsere finanziellen Mittel als auch - aller Wahrscheinlichkeit nach - die der meisten Camperinnen und Camper übersteigen." Horst Albertus Konijnenberg, Betreiber Campingplatz "Am Hoschenhof"
Der Campingplatz liegt in der Nähe der A40.
Bildquelle: WDRDazu kommt die angrenzende A40. Ein externes Gutachten stellt fest: Die Lärmbelästigung ist teilweise grenzwertig hoch für den einwandfreien Betrieb eines Wochenendhausplatzes. Ein zusätzliches rechtliches Risiko für die Betreiber. Die Entscheidung gegen den Erhalt des Platzes falle Ilka Gröwig und ihrem Bruder Horst Albertus Konijnenberg sehr schwer. Sie sei aber alternativlos.
Campertraum mit Risiko: Erstwohnsitz auf Campingplätzen
Eigentlich ist das dauerhafte Wohnen auf einem Campingplatz mit Erstwohnsitz nicht legal. Auch wenn es Betreiber und Politik dulden - wie im Fall des Campingplatzes "Am Hoschenhof". Sollte sich die Haltung einer Partei dazu ändern, kann das das Ende für Dauerbewohner bedeuten.
"Wir haben Steuern gezahlt" - Existenz von Familien und Senioren bedroht
Ein paar Gassen weiter kommt Nicole Bohra gerade von einem Familienausflug zurück. Die 35-jährige selbstständige Altersbegleiterin wohnt seit Jahren hier. "Wir haben 90.000 Euro in unseren Rückbau investiert, jetzt sollen wir 10.000 bis 20.000 Euro in den Abriss investieren. Man hat den Druck im Nacken, die Zeit rennt, mit zwei Kindern." Sie hätte sich im Vorfeld mehr Transparenz über die Unsicherheit des Bauplanungsverfahrens gewünscht.
Andreas und Nicole Bohra müssen mit ihren beiden Kindern bis Ende des Jahres ihr Häuschen abreißen.
Bildquelle: WDR / Vanessa Wiebe"Stattdessen fühlen wir uns abgewimmelt. Eine Einladung zum Gespräch, zum Beispiel in deren Hof, kam nie. Wir wurden im Dunkeln stehen gelassen", findet ihr 47-jähriger Mann Andreas Bohra. Einer der vielen älteren Nachbarn ist noch wütender: "Im Rat hat einer gesagt, wir würden hier illegal wohnen. Wir haben alle Steuern gezahlt. Wenn das illegal war, müssten die jetzt alle zurückfließen. Da wurde der blass."
Bis Dezember 2029 soll der Platz geräumt sein
Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis der Campingplatz geräumt sein muss.
Bildquelle: WDRLaut eigener Aussage haben die Betreiber den Rattenschwanz an Auflagen nicht kommen sehen. Die Einigung mit zwei Kommunen aus zwei verschiedenen Kreisen sei bereits zu Beginn eine bürokratische Herausforderung gewesen. "Wir wissen, dass das ein sehr schwerer Schlag für die Camper ist. Was wir jetzt tun wollen, ist den Übergang so schonend und planbar wie möglich zu gestalten." Dazu würden sie Gespräche anbieten. Je nach Pachtvertrag haben die Camper gut drei Jahre Zeit bis zur Räumung. Andere müssen eher weg, so wie Familie Bohra.
Die Behörden hätten ihren Verpächtern Steine in den Weg gelegt, das erkennt Petra Holste an. Trotzdem findet sie das Vorgehen ihrer Verpächter unverantwortlich. "Ich prangere an, dass kein vernünftiger Sozialplan aufgestellt wurde."
"Wie sollen die Menschen hier binnen sechs Monaten ihr Haus abreißen und was Neues finden? Wenn wir überhaupt was finden bei der Wohnungsnot." Petra Holste, Campingplatzbewohnerin
Neukirchen-Vluyn und Rheurdt: Politik will wegen Wohnungsnot aushelfen
Die Bürgermeister beider Kommunen würden die Situation ebenfalls bedauern.
"Die Gemeinde wird die Betroffenen im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten unterstützen, insbesondere durch Vermittlung von Kontakten zu zuständigen Stellen und Wohnungsanbietern. Vor dem Hintergrund des angespannten Wohnungsmarktes ist die Suche nach geeignetem Wohnraum zweifellos eine große Herausforderung." Dirk Ketelaers, Bürgermeister Gemeinde Rheurdt
Der Gedanke an eine kleine Wohnung ohne die Freiheit und Gemeinschaft des Campingplatzes zerrt an Petra Holste. Trotzdem durchforstet sie auf ihrer Terrasse schon die Immobilienportale. Vor Ende 2029 will sie hier weg. Wie hier die letzten Häuser abgerissen werden, möchte sie nicht miterleben.
Unsere Quellen:
- Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
- Interviews mit Campern
- Interview mit den Campingplatz-Betreibern
- Brandschutzbehörde des Kreises Kleve
- Verordnung über Camping- und Wochenendplätze in NRW
Sendung: WDR.de, 170 Dauercamper brauchen plötzlich neues Zuhause, 18.08.2026, 5:05 Uhr
