Ein Kind sitzt am Fenster und schaut auf sein Handy.

Social Media spielt heute eine große Rolle - auch bei Kindern

Bildquelle: dpa / Annette Riedl

Kein Social Media unter 16 Warum das eine Mönchengladbacherin fordert

Stand:

Jeannette Deckers hat 2024 eine Petition für ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige gestartet. Der Bundestag diskutiert derzeit die Einführung einer Altersgrenze von 14 Jahren für soziale Netzwerke. EU-Experten empfehlen ein Verbot für Unter-13-Jährige. Das reicht nicht, sagt die studierte Lehrerin aus Mönchengladbach.

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Annika Müller

2024 haben Sie eine Petition für ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige gestartet. Was hat sich seitdem getan?

Jeannette Deckers: Als ich die Petition gestartet habe, war das in Deutschland gar kein Thema. Während andere Länder schon längst gesetzliche Altersgrenzen eingeführt oder zumindest angedacht haben. Das hat mich sehr gestört. Seitdem die Petition läuft, hat sich etwas bewegt. Es zeichnet sich aber ab, dass sich viel zu wenig tun wird in Europa oder in Deutschland. Ganz viele Länder planen Altersgrenzen ab 15 oder 16 Jahren für soziale Medien. In Deutschland und auch in der EU läuft es eher auf 13 oder 14 hinaus.

Mönchengladbacherin fordert Altersgrenze bei 16 für Social Media

WDR 01.09.2026 53 Sek. Verfügbar bis 31.08.2028

Was kann denn ein 13-Jähriger oder eine 13-Jährige nicht, was man mit 16 schon kann?

Deckers: Erstmal hätte man mehr Zeit, um die Jugendlichen auf die Gefahren vorzubereiten. Und 13-Jährige sind mitten in der Pubertät. Die haben mit ganz vielen Veränderungen, körperlichen Veränderungen zu tun und sind deshalb zum Beispiel anfälliger für falsche Schönheitsideale, Grooming, Mobbing oder auch Radikalisierung.

Petition für Social-Media-Verbot

Jeannette Deckers lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Mönchengladbach. Sie hat als Lehrerin besorgt den Einfluss von Social Media auf Jugendliche beobachtet und deshalb 2024 eine Online-Petition für ein Verbot gestartet. Die Petition hat heute fast 170.000 Unterschriften. Das Thema fand Ende vergangenen Jahres, auch durch Deckers Unterstützung einer ähnlichen Petition, im Petitionsausschuss des Bundestages Gehör. Deckers kämpft währenddessen weiter für ihr Anliegen. Am 1. September erscheint ihr Buch "Schutzlos digital".

Sie haben auch selbst Kinder. Wie handhaben Sie das denn mit den beiden?

Deckers: Meine Kinder nutzen es nicht. Meine Tochter kommt jetzt in die sechste Klasse. Sie hat zwei Freundinnen in der Klasse, die auch kein Smartphone benutzen. Das ist gar kein Problem. Sie verabredet sich, sie hat viele Freunde, sie vermisst nichts. Sie ist auch alleine draußen unterwegs, ohne Handy. Es gab noch nie Situationen, wo wir gesagt haben: Oh, jetzt wäre es besser gewesen, sie hätte ein Handy dabei. Meine Kinder sind glücklich ohne Smartphones.

Jeannette Deckers schaut ihren Kindern beim Schaukeln zu.

Ihre eigenen Kinder toben lieber im Garten statt mit einem Handy zu spielen.

Bildquelle: WDR/Annika Müller

Bei Ihnen funktioniert es ohne ein Verbot von oben. Sollten also Eltern stärker in die Verantwortung gezogen werden?

Deckers: Meiner Meinung nach kann man die Verantwortung nicht alleine den Eltern überlassen. Meta versucht das gerade, um Regulierungen abzuwenden. Das ist ein bekanntes Muster. Meta setzt weltweit auf Forschungsgruppen, auf Elternorganisationen und auch auf Influencer, um zu zeigen: Hey, wir kümmern uns um den Kinder- und Jugendschutz, wir machen uns Gedanken über Teen-Accounts, wo zum Beispiel Algorithmen keine große Rolle spielen. Aber Meta weiß dabei ganz genau, dass auch diese Teen-Accounts keinen ausreichenden Schutz bieten.

Diskussion um Social-Media-Verbot

Im Bundestag wird derzeit über ein mögliches Verbot diskutiert. SPD und CDU fordern eine Altersgrenze bei 14 Jahren. Die CSU bremst das Vorhaben aus. Die SPD forder außerdem für Jugendliche zwischen 14 und 16 verpflichtende Jugendversionen der Plattformen. Die dürften dann keine suchtverstärkenden Funktionen wie Endlos-Scrollen enthalten. Die CDU bleibt bei den Regeln für 14- bis 16-Jährige etwas vager. Auch wie die Altersverifikation genau geregelt werden soll, ist noch offen.

Die Europäische Kommission hat den amerikanischen Konzern Meta aufgefordert, in Europa Jugendschutzmaßnahmen auf Facebook und Instagram einzuführen. EU-Experten haben sich außerdem für ein Verbot für Unter-13-Jährige ausgesprochen. Danach empfehlen die Experten ein abgestuftes Modell. Nach dem Prinzip: Plattformen, die nachweisen, dass sie ausreichend für die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen getan haben, sind dann womöglich ab 13 erlaubt. Andere wiederum ab 15 oder 16 Jahren. Im September will die EU-Kommission einen Gesetzesentwurf zu einem möglichen Verbot vorlegen.

Vorreiter ist Australien. Dort trat Ende vergangenen Jahres ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 Jahren in Kraft. Die erste Bilanz: Viele Jugendliche haben immer noch eigene Accounts auf den Plattformen, die Altersüberprüfung scheint leicht zu umgehen zu sein. In Indonesien und Malaysia gibt es seit diesem Jahr ein Online-Netzwerke-Verbot für Kinder unter 16 Jahren. Auch in Großbritannien, Kanada und Norwegen sind Verbote für Unter-16-Jährige geplant. Die Türkei und Slowenien arbeiten an einer Regelung für Kinder unter 15, den Vorschlag gibt es auch in Schweden und Dänemark. In Frankreich hat der Verfassungsrat kürzlich ein geplantes Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren gekippt. In Österreich soll ein Gesetz über ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren vorgelegt werden. Auch in Indien, Portugal und Italien wird über ein Verbot disuktiert.

Heute findet ein großer Teil des sozialen Lebens online statt. Schließt man Jugendliche mit einem Verbot nicht aus?

Deckers: Leider findet viel online statt, aber das muss nicht so sein und das sollte auch nicht so sein. Grundsätzlich wird sehr viel auf die aktuellen Kinder und Jugendlichen geschaut in der Diskussion. Aber letztendlich muss man sich ja fragen, was jüngeren Kindern eine Altersgrenze bringen würde. Wie könnten jüngere Kinder davon profitieren, die Social Media aktuell noch nicht nutzen? Die würden keine Umwege suchen, um dann doch irgendwie an Social Media teilzuhaben, wenn man ihnen schon früh erklärt: Das ist auch gefährlich und du darfst das erst ab einem bestimmten Alter nutzen.

Jeannette Deckers sitzt an ihrem Schreibtisch. Auf ihrem Computer ist ihre Online-Petition zu sehen.

Mit ihrer Petition hat Jeannette Deckers fast 170.000 Unterschriften aus ganz Deutschland gesammelt.

Bildquelle: WDR/Annika Müller

Kann ein Verbot nicht auch verführend wirken?

Deckers: Ich halte das für Quatsch. In fast jedem Haushalt steht Alkohol im Keller oder im Kühlschrank. Und ich höre jetzt nicht von massenweisen Kindern, die sich heimlich den Alkohol holen mit zehn Jahren, weil sie das so spannend finden und es eigentlich verboten ist. Ich denke, das ist einfach eine Norm, die sich jetzt verschieben muss. Und irgendwann ist das für die Kinder vollkommen normal, dass sie Social Media nicht nutzen und das erst ab einem bestimmten Alter dürfen.

In den letzten zwei Jahren hat sich auch an unserer Internetnutzung viel verändert, Stichwort Künstliche Intelligenz.

Deckers: Künstliche Intelligenz sollte auf jeden Fall bei einer Altersgrenze mitbedacht werden, weil das nochmal viel gravierender ist. Wenn Kinder zum Beispiel KI-Chatbots als Freunde ansehen. Das ist keine Welt, in der wir Kinder alleine lassen sollten.

Forderung nach mehr Medienkompetenz-Unterricht in der Schule

Wie würde denn eine optimale Umwelt in Bezug auf Social Media aussehen für Kinder?

Deckers: Wichtig wäre, dass in den Schulen mit Kindern darüber gesprochen wird. Dass man die Gefahren mit den Kindern bespricht, auch die Chancen aufzeigt. Dann sollte es aber auch ein funktionierendes System geben, um die Altersgrenze wirklich einzuhalten. Ich bin allerdings dagegen, das über die Altersverifikation zu machen, weil da jeder seine persönlichen Daten angeben muss. Es gäbe Alternativen, die etwa über die Geräte laufen, also Hardware-basierte Möglichkeiten. Allerdings hat die Tech-Industrie daran kein Interesse und Menschen, die Vorschläge machen in der Hinsicht, die kommen leider nicht durch.

Wie ist jetzt gerade mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen Ihre Stimmung?

Deckers: Ich befürchte, dass Kinder in der EU weiterhin schutzlos digital bleiben, wie ja auch mein Buch heißt, weil sich abzeichnet, dass die Altersgrenze allerhöchstens bei 14 liegen wird, wahrscheinlich eher bei 13. Und das ist in meinen Augen viel zu früh für einen Start in diese gefährliche Social-Media-Welt. Ich sehe da eher schwarz, während andere Länder ja viel weitergehendere Altersgrenzen setzen. Das ist unverantwortlich.

Das Interview führte WDR-Reporterin Annika Müller.

Unsere Quellen:

  • Gespräch mit Jeannette Deckers
  • Open Petition
  • Tagesschau.de

Sendung: WDR.de, Mönchengladbacherin fordert Altersgrenze bei 16 für Social Media, 01.09.2026, 6 Uhr
Erstveröffentlichung des Artikels am 01.09.2026

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