Ulrich Krampe steht auf seiner Streuobstwiese am Rand von Langenberg. Mit rund 40.000 Quadratmetern ist das seine bislang größte Fläche. 120 Bäume hat er hier zusammen mit seinen Jägerkollegen noch vor Einbruch des Winters in den Boden gepflanzt. Die Flächen kauft er selbst und pflegt sie regelmäßig - ein Kraftakt, den er mit beeindruckender Ruhe beschreibt.
Ulrich Krampes Helfer beim Aufstellen der Hilfspfähle für die Jungpflanzen
Krampe ist 66 Jahre alt und gelernter Tischlermeister. Seit mehr als 30 Jahren erwirbt er kleine, oft schwer nutzbare Grundstücke, um daraus Streuobstwiesen zu machen. Acht Flächen gehören ihm inzwischen, darunter Wiesen im Kreis Soest, Kreis Gütersloh und Hochsauerlandkreis. Die nächste Fläche im benachbarten Diestedde hat Krampe bereits im Blick.
Natur seit der Rente Vollzeitjob
Seit er seinen Tischlerbetrieb vor knapp zwei Jahren an seinen Sohn übergeben hat, widmet er sich jetzt Vollzeit der Natur. Seine Motivation beschreibt er nüchtern, aber eindringlich: "Unsere Generation ist unglaublich verschwenderisch, wir nehmen viel mehr, als wir zurück geben können. Daher muss ein Umdenken stattfinden."
Warum Streuobstwiesen für NRW so wichtig sind
Streuobstwiesen prägten früher viele Regionen in Nordrhein-Westfalen. Doch ihre Bedeutung nahm mit dem Rückgang des lokalen Obstanbaus stark ab. Umweltminister Oliver Krischer erinnert daran, dass Obstwiesen einst selbstverständlich zum Landschaftsbild gehörten.
"Streuobstwiesen waren früher in allen Regionen Nordrhein-Westfalens zahlreich zu finden und prägten das Bild der Landschaft. Obstwiesen wurden vielerorts gerodet und mussten Platz machen für Siedlungen, Gewerbe und Verkehrsflächen." Oliver Krischer, Umweltminister von Nordrhein-Westfalen
Laut Naturschutzbund sind sie Lebensraum für tausende Tier- und Pflanzenarten und sichern alte Obstsorten. Während 2009 in NRW noch rund eine Million Hochstämme auf etwa 18.000 Hektar verzeichnet wurden, dokumentierten Naturschutzverbände 2022 nur noch 922.000 Hochstämme.
Junger Apfelbaum auf einer Streuobstwiese von Ulrich Krampe
Die neue landesweite Erfassung zeigt: Rund 13.500 Streuobstflächen über 1.500 Quadratmeter kommen zusammen nur auf etwa 6.800 Hektar - weniger als 0,5 Prozent der Landesfläche.
Wenn Krampe über seine Wiesen läuft, sieht man, dass er an diesen Zahlen etwas verändern will. Was heute gesund und grün aussieht, war früher karg und ausgelaugt. Krampe sagt: "Wenn man sieht, was nach 30 Jahren aus diesen Bäumen geworden ist, das ist überwältigend."
Film als Auslöser für seine Leidenschaft
Ein zentraler Moment war für ihn der Film "Der Mann, der Bäume pflanzte" von Jean Giono. Der Trickfilm zeigt einen Schäfer, der jeden Tag Eichen und Kastanien vom Wegesrand sammelt und einpflanzt, bis aus einer verwüsteten Gegend ein üppiger Wald wächst.
Einer der ersten und ältesten eingepflanzten Apfelbäume von Ulrich Krampe in Langenberg
Dieser Gedanke - dass ein einzelner Mensch eine Landschaft verwandeln kann - ließ Krampe nicht mehr los. Hinzu kommt eine Tradition, die Krampe immer wieder erwähnt:
"Früher hat jeder, der einen Hausstand gegründet hat, auch einen Obstbaum gepflanzt. Das würde ich mir für heute wieder wünschen." Ulrich Krampe auf seiner Streuobstwiese in Langenberg
Mehrere Motivationen
Seine Motivation folgt für ihn einer klaren Reihenfolge: An erster Stelle der Wunsch, dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen. An zweiter Stelle steht der Naturschutz und das Schaffen neuer Lebensräume für Tiere. An dritter Stelle die Versorgung von Kindern mit gesundem Obst. Und die Natur, so scheint es, dankt es Krampe:
"Oben, an meinem Zelt, wo meine Geräte sind, habe ich mich Ende Mai vorgesetzt und im Sonnenaufgang ein weibliches Rehwild mit Kitzen gesehen, die um ihre Mutter herum spielten. Da geht einem das Herz auf. Das Wild hat hier unberührte Natur und wilden Lebensraum." Ulrich Krampe auf seiner Streuobstwiese in Langenberg
Ein Teil der Ernte landet später in Kindergärten und sozialen Einrichtungen von Langenberg. Viel wichtiger sind jedoch die langfristigen Effekte: neue Lebensräume für Insekten, kühlere Böden, mehr Artenvielfalt – und ein Stück Landschaft, das wieder wächst statt schrumpft. Er selbst verzichtet für seine Wiesen sogar auf Urlaub.
Wiesen erben seine Kinder
"Man muss kein reicher Mann sein. Das kann jeder machen", behauptet er und wünscht sich Nachahmer. Seine Wiesen sollen auch in Zukunft bleiben: Nach seinem Leben werden sein Sohn und seine Tochter sie erben. Und seine Tochter sei, so Krampe, "auf dem gleichen Dampfer" wie er.
Für ihn ist das vor allem eins: ein Beitrag, den jeder leisten kann. Wenn seine Arbeit auch nur ein "Tropfen auf den heißen Stein ist", wie Krampe sagt. Und vielleicht findet sich bald noch ein Imker - Honig erntet Krampe bislang nicht.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporter vor Ort
- Interview mit Ulrich Krampe aus Langenberg
- Interview mit der Stadt Langenberg
- Interview mit dem Landesamt für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen (LANUK NRW)
- Interview und Flyer ("Die Streuobstwiese") vom Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehrs des Landes Nordrhein-Westfalen
- Beitrag vom Naturschutzbund NRW (NABU NRW)
Über das Thema berichten wir auch im WDR Hörfunk bei WDR2: Lokalzeit OWL am 17.11.2025.