Zu der Reit-Weltmeisterschaft in Aachen gehören jede Menge Verpflichtungen, auch wenn man im Rollstuhl sitzt: Vom verpflichtenden Check des Pferdes beim Tierarzt bis hin zur Pressekonferenz. Und die Wege auf dem Turniergelände sind weit. Heidemarie Dresing ist internationale Turniere gewöhnt, aber Aachen ist dennoch etwas Besonderes für sie.
"Aachen ist die ganz große Bühne. Und ich will hier aufs Treppchen.“ Heidemarie Dresing, Dressurreiterin aus Rheda-Wiedenbrück
Die Arena mit ihren 5.000 Zuschauerplätzen ist groß. Vor dem ersten Wettkampf kann Heidemarie Dresing ihrer Stute Poesie alles zeigen und in Ruhe trainieren. Die 71-Jährige reitet seit ihrem zehnten Lebensjahr. Seit 2011 weiß sie, dass sie an Multipler Sklerose erkrankt ist.
Trotz Einschränkungen bleibt sie ehrgeizig
Mit der Erkrankung musste sie ihre sportlichen Ziele komplett neu ausrichten. "Früher bin ich Dressur bis zu den schwersten Prüfungen geritten. Jetzt reite ich auf dem Turnier Schritt und Trab. Das muss man im Kopf erst mal verarbeiten.“
Aber Heidemarie Dresing ist ehrgeizig und sie arbeitet an sich. Es ging ihr vor ein paar Jahren viel schlechter als jetzt. Immer wieder hat sie Ideen gesucht, um die Bewegungseinschränkungen in Armen und Beinen zu verbessern. Vor Jahren brauchte sie noch eine Pferdepflegerin und auch Jemanden, der ihre Pferde mit geritten hat. "Heute mache ich alles alleine. Ich will selbständig bleiben und auch mit einer Erkrankung ist das Leben ja schließlich nicht vorbei.“
Heidemarie Dresing kann sich zwar auch ohne Rollstuhl bewegen, aber eine helfende Hand nimmt sie gerne an.
Bildquelle: Kowalczyk/WDRIhre Bewegungseinschränkungen sind so stark, dass Dresing in der Startklasse Grade II antritt. Das sind die Athleten mit der zweitstärksten Beeinträchtigung. In der Para-Dressur wird der Schweregrad in fünf sogenannte Grade eingeteilt: von den stärksten Einschränkungen in Grade I bis zu den geringsten in Grade V.
"Was Heidemarie Dresing auszeichnet, sind ihre Turniererfahrung und ihre enorme Willenskraft.“ Silke Fütterer-Sommer, Bundestrainerin
Bundestrainerin Silke Fütterer-Sommer bei der Reit-WM in Aachen.
Bildquelle: Kowalczyk/WDRSilke Fütterer-Sommer ist Bundestrainerin im Para-Dressursport. "Man braucht die ganz große Liebe zum Pferd für allen Reitsportdisziplinen“, sagt sie, "dazu aber die enorme Willenskraft einer Heidemarie Dresing, jeden Tag neu an sich zu arbeiten.“
Pferde sind die beste Medizin
Sie hat mit ständiger Erschöpfung zu tun. Die Liebe zu den Pferden treibt sie aber voran: "Jetzt muss ich zum Stall, sage ich mir immer, und dann geht’s los.“ Aber auch mit Schwindelanfällen hat Dresing zu kämpfen.
Die Gefahr, die Balance zu verlieren und vom Pferd zu fallen, ist leider groß. Zuletzt passiert ist ihr das vor drei Wochen. Jemand wollte helfen und holte erst einmal sein Handy raus, erzählt sie fast schon empört. "Was? Du willst die Rettung holen? Quatsch! Hilf mir lieber auf.“
"Pferde sind mein Leben, ich kann mir keines ohne vorstellen“
Heidemarie Dresing ist zäh und sie liebt Pferde. Wenn man körperlich nicht so kann, wie man gerne möchte, dann kostet das Aufsteigen auf ein Pferd auch Mut. Erst recht bei so viel Trubel wie hier in Aachen. "Wenn ich weiß, dass ich mich auf mein Pferd verlassen kann, das Pferd mir aber auch vertraut, das rührt mich oft zu Tränen.“
Die Reit-WM in Aachen ist nicht ihr erstes großes Championat. Bei den Paralympischen Spielen 2024 in Paris sicherte sie sich mit der deutschen Mannschaft die Bronzemedaille, bei den Europameisterschaften 2025 in Ermelo gewann sie mit der Mannschaft im Einzel und in der Kür drei Goldmedaillen.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Heidemarie Dresing
- Gespräch mit Silke Fütterer-Sommer
Sendung: WDR.de, Para-Sportlerin mit 71 Jahren bei der Reit-WM, 18.08.2026, 20:00 Uhr
