Die Schifffahrt muss in diesem Sommer besorgt den Rheinpegel beobachten. Die Messstellen bei Kaub, Duisburg oder Düsseldorf melden historische Tiefstände. Das fehlende Wasser legt Schiffswracks und sogenannte Hungersteine frei, die an frühere Dürrejahre erinnern.
Extreme Rhein-Niedrigwasser zuletzt in den 1960ern
Eine große Quarks-Datenanalyse hat untersucht, wie sich die sogenannten Niedrigwassertage an den fünf großen Wasserstraßen Rhein, Elbe, Donau, Weser und Oder seit 1960 entwickelt haben. Als Niedrigwassertag gilt ein Tag, an dem ein Fluss so wenig Wasser führt, dass es die Schifffahrt erschwert. Grundlage sind die täglichen Messwerte der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV).
An fast allen großen Flüssen häufen sich die Niedrigwassertage – sechs der zehn extremsten Jahre liegen in der Zeit ab 2015, an Elbe und Oder hat sich die Zahl der Niedrigwassertage seit den 1960ern mehr als vervierfacht.
Ganz so drastisch haben sich die Zahlen am Rhein nicht entwickelt. Das liegt daran, dass der Rhein von Zuflüssen aus den Alpen profitiert. Doch auch hier waren die letzten 10 Jahre auffällig trocken: Zwischen den 80er-Jahren und Mitte der 2010er gab es am Rhein im Schnitt etwas mehr als 20 Niedrigwassertage pro Jahr; von 2016 bis 2025 waren es fast doppelt so viele. Ähnlich viele waren es zuletzt in den 1960er-Jahren.
Der Rhein als schwimmendes Lager
Das Problem: Anders als in den 1960er Jahren haben viele Unternehmen entlang des Rheins heute ihre Produktion darauf ausgelegt, dass Waren erst dann geliefert werden, wenn sie gebraucht werden. Das ist für viele Unternehmen günstiger, als riesige Warenmengen zu lagern. Der Rhein spielt dabei als Transportweg, etwa für die Chemie- und Stahlindustrie, eine wichtige Rolle. Er wird quasi zum schwimmenden Lager – es sei denn, Niedrigwasser durchkreuzt die logistischen Pläne.
Der Chemiekonzern BASF etwa wickelt am Standort Ludwigshafen rund 40 Prozent seiner Transporte über den Rhein ab – etwa 4,5 Millionen Tonnen pro Jahr, auf bis zu 15 Binnenschiffen täglich. „Der Rhein ist eine wesentliche Verkehrsader für BASF", teilt der Konzern mit. Ein wichtiger Knotenpunkt ist Duisburg, Europas größter Binnenhafen.
Ausgerechnet dort ist das Problem am größten: Der Pegel Duisburg zählte in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt 48 Niedrigwassertage pro Jahr – mehr als jeder andere Rhein-Pegel in unserer Analyse. In diesem Sommer sind die Pegelstände so extrem niedrig, dass sie vielerorts sogar die Tiefststände des Dürresommers 2018 unterbieten.
Das hat Folgen für die Schifffahrt: Ein durchgehender Transport zwischen Ober- und Niederrhein ist kaum noch möglich. Der Binnenschifffahrtsverband spricht sogar von einem „zweigeteilten" Rhein, weil der Abschnitt zwischen Mainz und Koblenz so wenig Wasser führt.
Genau in der Mitte dieses Abschnitts liegt der Pegel Kaub. Normalerweise verspricht die WSV hier den Großteil des Jahres mindestens 1,90 Meter Wassertiefe in der Fahrrinne.
Doch am Montag, dem 17. August, waren es nur noch 1,18 Meter. Ein voll beladenes herkömmliches Güterschiff liegt 2,80 Meter tief im Wasser.
Güterverkehr bricht ein
Das stellt auch die Wirtschaftlichkeit des Transports über den Rhein infrage. Daten der Statistischen Bundesamts legen nahe, dass manche Unternehmen dem Rhein spätestens seit dem extremen Dürrejahr 2018 den Rücken gekehrt haben: Der Güterverkehr auf Deutschlands wichtigster Wasserstraße ist seit dem Jahr 2000 um rund 25 Prozent eingebrochen. Die Jahre 2023 bis 2025 waren die schwächsten im 21. Jahrhundert.
Ein Teil davon ist Strukturwandel: Der Kohleausstieg und das schrumpfende Papiergeschäft haben diese Transporte binnen zehn Jahren fast halbiert. Doch der Schwund zieht sich durch fast alle Warengruppen – auch Baustoffe, Erze und Lebensmittel werden heute auf dem Niederrhein rund 20 bis 25 Prozent weniger verschifft.
Das wirtschaftliche Risiko steigt, weil die Niedrigwasserphasen wieder länger dauern: In den letzten 10 Jahren hielt eine solche Phase am Rhein im Schnitt rund zwei Wochen an – in den drei Jahrzehnten davor waren es etwa zehn Tage am Stück. Den Rekord am Rhein hält Duisburg mit fast fünf Monaten Niedrigwasser von Juli bis Dezember 2018.
Die lange ruhige Zeit davor hat die Branche verwöhnt: Die Schiffe wurden immer größer – und brauchen voll beladen deutlich mehr Wasser unter dem Kiel als die kleineren Frachter von früher. Das Dürrejahr 2018 erwischte die Branche entsprechend kalt: „2018 war ein Meilenstein. Das war wie so ein Aufwachen", sagt Hydrologe Bernhard Mott von der WSV.
Transportkosten vervielfachen sich
Lange Trockenphasen treiben die Kosten in die Höhe. BASF etwa kann kürzere Phasen nach eigenen Angaben gut überbrücken – solange der Pegel Kaub „die 60-Zentimeter-Marke nicht längerfristig unterschreitet".
Doch genau das passiert seit Wochen. Unternehmen müssen mehr einlagern, und auch jede transportierte Tonne wird teurer: Ein Schiff darf weniger laden, kostet aber genauso viel Sprit und Personal – die Reedereien geben das als Kleinwasserzuschlag weiter. In Extremphasen vervielfacht sich der Frachtpreis: Der Tankertransport von Rotterdam nach Karlsruhe kostete Ende Juli rund 150 Euro pro Tonne, mehr als dreimal so viel wie einen Monat vorher.
Alpenschmelze: Was bisher den Rhein noch gerettet hat
Das Problem dürfte sich in Zukunft eher verschärfen. Dass es nicht noch mehr Niedrigwassertage gibt, hat der Rhein den Alpen und dem Bodensee zu verdanken. Im Gebirge an der Rheinquelle schmelzen im Sommer Teile der Gletscher und versorgen den Fluss zusätzlich mit Wasser.
Das zeigt sich am Pegel Maxau bei Karlsruhe: Dort besteht der Rhein noch zu einem Großteil aus Alpenwasser – und nur dort blieb der Pegel in diesem Jahr klar über seinem historischen Tiefstwert. Weiter flussabwärts, wo der Rhein zunehmend vom Regen abhängt, fielen die Rekorde.
“Noch verwischt die Gletscherschmelze die Niedrigwassereffekte: In heißen Phasen stammt bis zu einem Fünftel des Rheinwassers aus den Gletschern, normalerweise ist es nur ein kleiner einstelliger Prozentanteil", sagt Enno Nilson von der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG). Doch dieser Puffer schwindet mit den Gletschern.
Klimaprojektionen prognostizieren Verschärfung am Rhein
Auch die Schneeschmelze, die die Flüsse bisher über Monate mit Wasser versorgt hat, lässt nach. Damit könnte das Niedrigwasser künftig auch den Rhein mit voller Wucht treffen: Bei ungebremstem Klimawandel soll er laut Klimaprojektionen in sommerlichen Niedrigwasserphasen bis Ende des Jahrhunderts rund 20 bis 30 Prozent weniger Wasser führen als bisher.
Wie stark es die Flüsse ohne diesen Schutz trifft, zeigt die Weser, die auch durch Nordrhein-Westfalen fließt: Dort haben sich die Niedrigwassertage seit den 1960er-Jahren verdreifacht. Drei Monate pro Jahr herrschte hier im letzten Jahrzehnt Niedrigwasser – im Durchschnitt.
Schifffahrt auf dem Rhein soll weiter möglich bleiben
Der Aktionsplan „Niedrigwasser Rhein", den Bundesregierung und Verbände 2019 auf den Weg gebracht haben, soll einen Teil der Folgen auffangen: bessere Vorhersagen, flachere Schiffe, tiefere Fahrrinnen. So soll der Transport auch bei niedrigen Pegeln möglich bleiben. Doch viel mehr als „den ein oder anderen Zentimeter" bringe gerade das Vertiefen der Fahrrinne nicht, sagt Mott von der WSV – solange das Wasser fehlt.
So haben wir gerechnet:
Grundlage der Analyse sind die täglichen Wassermengen an den Rhein-Pegeln Maxau, Mainz, Kaub und Duisburg seit 1960, die uns von der Wasserschifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) bereitgestellt wurde. Ein Tag gilt als Niedrigwassertag, wenn der Rhein weniger Wasser führt als an den 10 Prozent niedrigsten Tagen der Klima-Referenzperiode 1961–1990. Die Schwelle wird je Pegel berechnet; für den Rhein-Wert werden die vier Pegel gemittelt.
Wasserstände sind dafür weniger geeignet als Wassermengen: Sie können über die Jahrzehnte auch deshalb sinken, weil sich das Flussbett verändert hat. Zudem messen Pegel von einem historisch festgelegten Nullpunkt aus – nicht die tatsächliche Wassertiefe.
Unsere Quellen
- Quarks-Datenanalyse auf Basis täglicher Messdaten der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV)
- WDR-Gespräch mit Bernhard Mott von der WSV
- Schriftliche Stellungnahme des Chemiekonzerns BASF
- WDR-Gespräch mit Enno Nilson, Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG)
- Nachrichtenagentur Reuters zu den Güterpreisen
- Berichterstattung der Rheinischen Post zur "Zweiteilung des Rheins"
- Güterverkehrsstatistik des Statistischen Bundesamts und Verkehrsberichte der WSV
- Internationale Kommission zum Schutz des Rheins: Abflussszenarien für das Rheineinzugsgebiet, Bericht Nr. 297, 2024
- Studie zu Schnee- und Gletscherwasser im Rhein (ASG-Rhein, 2021)
- Aktionsplan "Niedrigwasser Rhein" des Bundesverkehrsministeriums
Sendung: WDR.de, Immer mehr Niedrigwasser auf deutschen Flüssen, 19.08.2026, 5.00 Uhr.