Leben auf dem Dorf - neue Studie über Westfalen-Lippe
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Das Leben auf dem Land ist wieder angesagt. Eine neue Studie der Hochschule Göttingen liefert erstmals seit der Gebietsreform von 1975 aktuelle Zahlen: Rund 3,2 Millionen Menschen in Westfalen-Lippe leben in Dörfern. Das ist mehr als jeder Dritte. Die genaue Zahl war bislang unbekannt.
Nach der kommunalen Gebietsreform waren viele Dörfer eingemeindet und in der Landesstatistik nicht mehr einzeln erfasst worden. Wie viele Menschen in Westfalen-Lippe in Dörfern leben, war jahrzehntelang unklar.
Prof. Dr. Ulrich Harteisen, Leiter des Forschungsprojekts "Dörfer in Westfalen-Lippe" der Hochschule Göttingen, erklärt im WDR-Interview: "Nach der Reform hatte man keinen Überblick mehr über die einzelnen dörflichen Siedlungen. Wir haben deshalb alle 231 Städte und Gemeinden befragt, um die Zahl und Einwohnerzahlen der Dörfer erstmals wieder systematisch zu erfassen."
Für Millionen Menschen bedeutet Dorfleben Gemeinschaft
Die Ergebnisse standen im Mittelpunkt einer Tagung, die am Freitag in Paderborn stattfand. Veranstaltet wurde sie vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe LWL, dem Westfälischen Heimatbund WHB und der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Göttingen.
"Dörfer in Westfalen-Lippe sind weit mehr als nur geographische Einheiten - sie sind lebendige Lebensräume für Millionen Menschen, Orte der Gemeinschaft und Träger regionaler Identität." LWL-Direktor Dr. Georg Lunemann
Insgesamt wurden 2.316 Ortschaften mit bis zu 15.000 Einwohnerinnen und Einwohnern gezählt, die als eigenständige Siedlungen in der Landschaft erkennbar sind. Dazu kommen rund 670.000 Menschen, die in Dörfern im weiteren Sinne leben, etwa in ländlichen Bereichen innerhalb größerer Ballungsräume.
Der Blick aufs Dorf verändert sich
Neben den statistischen Daten zeigt die Studie auch einen Stimmungswandel in der Wahrnehmung ländlicher Räume. "Vor 10 bis 15 Jahren wurde die Entwicklung vieler Dörfer sehr schwarz gemalt - Stichwort Abwanderung oder gar Wüstungsprozesse.", so Harteisen.
Heute sehen wir in Westfalen-Lippe sehr stabile Strukturen, teilweise sogar Zuwanderung. Viele Menschen engagieren sich stark für ihren Lebensraum - ob im Dorfladenverein, in Energiegenossenschaften oder in der Wiederbelebung der Dorfkneipe. Prof. Dr. Ulrich Harteisen
Ein Dorf rettet seine Kneipe
Lokalzeit OWL. 11.06.2025. 08:48 Min.. Verfügbar bis 11.06.2027. WDR. Von Kolja Selker.
Ehrenamt als Schlüssel
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung: Das Ehrenamt ist einer der wichtigsten Faktoren für die Zukunft der Dörfer. Harteisen betont: "Ehrenamt ist Standortfaktor. Menschen entscheiden sich bewusst für ein Dorf, weil es dort ein lebendiges, ehrenamtliches Leben gibt."
Gleichzeitig brauche das Engagement laut Forschern stärkere Unterstützung, sowohl finanziell als auch organisatorisch. Ehrenamtliche seien "Motoren lokaler Entwicklung", die aber auch Entlastung und Anerkennung verdienten, unterstrich Harteisen.
Dörfer als Zukunftsräume
Die Tagung in Paderborn soll nun Perspektiven für die kommenden Jahre aufzeigen. Neben der Vorstellung der Ergebnisse diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und Ehrenamt über Handlungsmöglichkeiten und Förderansätze. Rund 70 Besucher waren gekommen.
"Der früher oft defizitäre Blick auf ländliche Räume hat sich verändert", sagt Harteisen. "Heute erkennen wir viel stärker die Potenziale und Chancen. Das kann Mut machen, die Dorfentwicklung mit Energie und Kreativität anzugehen." Die Veranstaltung ist Teil des Jubiläumsprpogramms "1250 Jahre Westfalen", gefördert von der LWL-Kulturstiftung.
Unsere Quellen:
- Interview mit Prof. Dr. Ulrich Harteisen, Professor für Regionalentwicklung und regionale Geografie an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Göttingen
- WDR-Reporter vor Ort
- Pressemitteilung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe
Über dieses Thema berichten wir am 7. November 2025 auch im WDR Fernsehen: Lokalzeit OWL, 19.30 Uhr.