Afghaninnen und Afghanen protestieren im Juli 2026 gegen die Taliban
Bildquelle: WDR / Bamdad EsmailiTaliban im afghanischen Konsulat in Bonn : Zurück in die Angst
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Fünf Jahre Machtübernahme der Taliban in Afghanistan. Doch seit sie auch das afghanische Generalkonsulat in Bonn kontrollieren, ist der Weg dorthin mit Angst verbunden. Denn viele waren erst vor ihnen geflohen und müssen nun ausgerechnet bei ihren Vertretern in Deutschland um ihre Papiere bitten. Unsere Reporterin hat mit ihnen gesprochen.
Vor dem afghanischen Generalkonsulat in Bonn stehen Menschen und warten. Einige sitzen auf dem Gehweg, andere vor dem Eingang. Immer wieder kommen neue Besucher dazu. Die Wartezeit ist lang.
Proteste im Juli 2026 gegen die Taliban vor dem afghanischen Konsulat in Bonn
Bildquelle: WDR / Bamdad EsmailiDrinnen arbeitet inzwischen eine andere Mannschaft als noch vor einem Jahr. Seit Herbst 2025 wird das Konsulat von einem Vertreter der Taliban geführt. Said Mustafa Hashimi, einer von zwei Taliban-Vertretern, die als Konsularbeamten von der Bundesregierung akkreditiert wurden. Mustafa Hashimi hat faktisch hier im afghanischen Konsulat in Bonn die Leitung übernommen.
Die Bundesregierung erkennt die Taliban nicht offiziell als Regierung Afghanistans an. Dennoch sind ihre Vertreter in den afghanischen diplomatischen Häusern in Deutschland zugelassen. Für die Menschen, die vor dem Konsulat warten, ist das keine abstrakte diplomatische Frage: Sie brauchen einen Pass, eine Geburtsurkunde oder andere wichtige Bescheinigungen.
Stundenlanges Warten vor dem Konsulat
Ahmad hat fast den ganzen Tag vor dem Konsulat verbracht. Er ist müde und genervt. Immer wieder habe er versucht herauszufinden, wann sein Anliegen bearbeitet wird: "Das hier ist kein Service, man bekommt nichts", sagt er.
"Alle Menschen, die ihr hier seht, sind Spielball für die, die dort drinnen sitzen." Ahmad, 30 Jahre alt
Proteste im Juli 2026 gegen die Taliban vor dem afghanischen Konsulat in Bonn
Bildquelle: WDR / Bamdad EsmailiEs gebe kein Verantwortungsgefühl gegenüber den Menschen, die hierher kommen. Auch über die Bezahlung ärgert er sich. "Man darf nur bar bezahlen. Und was aus diesem Geld wird, weiß keiner."
Es gibt den Vorwurf, dass konsularische Einnahmen in bar gesammelt und möglicherweise an die Taliban weitergeleitet werden. Ob tatsächlich Geld aus Bonn auf diesem Weg nach Kabul gelangt, ist allerdings nicht belegt.
"Es ist so wie in Afghanistan"
Auf der anderen Straßenseite steht Maryam. Sie war gerade im Konsulat. Ich frage sie auf Farsi, warum sie überhaupt hineingegangen ist. Sie braucht eine Geburtsurkunde. Sie benötigt das Dokument für ihre Identitätserklärung. "Wie war es drinnen?", frage ich. Maryam zögert kurz.
"Es ist schlimm. Es sind nur Männer mit Bart und als Frau bist du nicht willkommen. Sie wollen dich nicht anschauen. Sie ignorieren dich." Maryam, seit zehn Jahren in Deutschland
Dann sagt sie einen Satz, der erklärt, warum der Besuch für sie mehr ist als ein schlechter Behördengang: "Es ist beängstigend, wenn man drin ist. Es ist so wie in Afghanistan.“
Maryam lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Sie hatte geglaubt, die Erfahrungen aus Afghanistan hinter sich gelassen zu haben. "Ich habe das vergessen. Aber heute habe ich alles wieder gefühlt und erlebt", sagt sie. Sie hofft auf die deutsche Staatsangehörigkeit. Und danach, sagt sie, wolle sie mit diesen Menschen nichts mehr zu tun haben.
Das afghanische Konsulat in Bonn
Bildquelle: WDR/ Sebastian TittelbachEin Dilemma, das viele Afghaninnen und Afghanen in Deutschland erleben: Sie haben Afghanistan verlassen, weil sie sich vor den Taliban fürchteten oder mit deren Herrschaft nicht leben konnten. Für bestimmte Verwaltungsangelegenheiten müssen sie nun trotzdem Kontakt zu einer Taliban-Vertretern wie hier in Bonn aufnehmen.
"Ich fühle mich gezwungen"
Auch Hussain Reza wartet vor dem Gebäude. Er kommt von sich aus auf mich zu und möchte erzählen, wie er die Situation empfindet. "Ich fühle mich gezwungen, hierherzukommen und wieder auf afghanischem Boden zu stehen." Für ihn gehört das Gebäude formal zu Afghanistan und genau das sei das Problem. "Dieses Konsulat gehört Afghanistan und es ist in der Tat wie dort. Ich fühle mich sehr schlecht."
Hussain spricht über die Anforderungen deutscher Behörden. Immer häufiger werden Afghaninnen und Afghanen aufgefordert, Dokumente aus Afghanistan vorzulegen. Das Problem: Die deutschen Behörden verweisen auf ein Konsulat, das von Taliban-Vertretern kontrolliert wird. Doch genau vor diesen Menschen seien viele geflohen.
Angst vor Überwachung und Datenklau
Für viele Betroffene geht es nicht nur um die Frage, ob sie im Konsulat freundlich behandelt werden. Es geht um ihre Daten. Wer eine konsularische Dienstleistung beantragt, muss persönliche Dokumente vorlegen. Dazu gehören je nach Anliegen unter anderem Identitätsnachweise und Angaben wie Name und Geburtsdatum.
Viele Afghaninnen und Afghanen befürchten, dass sensible Informationen über sie oder ihre Familien nun in die Hände der Taliban gelangen könnten. In ihren gespeicherten Daten befinden sich unter anderem Informationen aus Passanträgen sowie Ehe- und Geburtsurkunden. Exil-Afghanen befürchten, dass solche Daten ihnen oder Angehörigen in Afghanistan schaden könnten.
Zwischen Hilfe und Angst
Auf der Straße vor dem Konsulat treffen zwei Realitäten aufeinander.
Die eine ist die Realität einer Behörde: Menschen brauchen Dokumente. Sie müssen ihre Identität nachweisen. Sie wollen heiraten, ihre Kinder registrieren, einen Pass verlängern oder deutsche Behördenanforderungen erfüllen. Sie wollen ihr Leben organisieren.
Die andere ist die Realität von Personen, die geflüchtet sind: Und viele von ihnen haben Afghanistan verlassen, weil sie mit der Herrschaft der Taliban nichts mehr zu tun haben wollten.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Maryam, Ahmad und Hussain Reza
- Tagesschau.de
Sendung: WDR5, Tagesgespräch, 14.08.2026, 12:10 Uhr