In Bonn dürfen Mutter und Tochter sich endlich wieder weiterbilden

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WDR 03:13 Min. Verfügbar bis 12.08.2028

Neues Leben in Bonn aufgebaut Wenn die Mutter zur Uni-Kollegin wird

Stand:

Eine Mutter und ihre Tochter aus Afghanistan können in Bonn endlich wieder arbeiten. Wie es der Zufall will, gehen sie dafür an die gleiche Uni und forschen hier gemeinsam.

Von Arezao Naiby

Shazia Aslami und ihre Tochter Maryam Mallekzada laufen über den Campus der Universität Bonn. Fast täglich gehen sie denselben Weg und arbeiten sogar auf demselben Flur. Mutter und Tochter forschen an derselben Universität. Was für viele deutsche Familien in erster Linie eine ungewöhnliche Konstellation im Job sein dürfte, ist für die beiden Afghaninnen vor allem eins: Freiheit.

Stipendium machte Leben in Deutschland möglich

Eine Frau sitzt an einem Tisch vor einem Bücherregal und liest in einem Buch

Shazia Aslami habilitiert an der Uni Bonn

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"Dass wir an derselben Uni angenommen wurden, war für mich wirklich sehr aufregend und das ist es immer noch", sagt Shazia Aslami. Vor eineinhalb Jahren sind die beiden Frauen jeweils mit einem Stipendium nach Deutschland gekommen - Maryam mit einer Förderung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Sie macht heute ihren Doktor in Politikwissenschaft. Mutter Shazia ist dabei, Professorin für Islamwissenschaft und Nahostsprachen zu werden. Beide forschen auf Englisch.

Fünf Jahre Taliban-Herrschaft

Mitte August ist es fünf Jahre her, dass die Taliban erneut die Macht in Afghanistan übernommen haben. Seitdem hat sich das Leben für Millionen Menschen im Land grundlegend verändert, besonders für Frauen und Mädchen.

Afghanische Frauen in Burkas gehen an Taliban-Flaggen vorbei. Symbolbild: Vier Jahre nach Machtübernahme der Taliban

Frauen in Afghanistan dürfen unter den Taliban nicht arbeiten oder studieren.

Bildquelle: AFP/WAKIL KOHSAR

Sie dürfen vielerorts nach der sechsten Klasse keine Schule mehr besuchen, Universitäten sind für Frauen geschlossen. Viele dürfen ihren Beruf nicht mehr ausüben. Gleichzeitig haben sich die wirtschaftliche Krise, der Hunger und die Armut im Land verschärft. Frauen wie Shazia Aslami und Maryam Mallekzada verloren damit nicht nur ihre Arbeit oder ihr Studium, sondern auch ihre Zukunftsperspektiven.

Keine Perspektive: "Es ist sehr schmerzhaft"

Bis dahin hatte Shazia jahrzehntelang in Afghanistan gelernt, geforscht und unterrichtet. Sie machte ihren Bachelor, ihren Master und lehrte an einer Universität. Dann änderte sich alles.

"Es ist sehr schmerzhaft, wenn man all das gelernt hat, um etwas in der Gesellschaft zu verändern. Stattdessen soll man nur kochen und putzen." Shazia Aslami, afghanische Wissenschaftlerin

Studentenvisum als Ausweg

Nach Angaben der Vereinten Nationen ist Afghanistan heute das einzige Land der Welt, in dem Frauen und Mädchen dauerhaft vom Hochschulstudium ausgeschlossen sind. Für viele bleibt deshalb nur die Hoffnung auf ein Stipendium oder eine Aufnahme im Ausland.

Eine Frau mit Brille scheint tief in Gedanken zu sein

Maryam Mallekzada promoviert in Politikwissenschaft

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Auch für Tochter Maryam brach der akademische Weg in Afghanistan durch das Taliban-Regime plötzlich ab: "Ich habe fast mein ganzes Leben mit Lernen und Bildung verbracht. Auch meine Reise nach Deutschland war eine Bildungsmöglichkeit. Ich bin mit einem Studentenvisum nach Deutschland gekommen." Für sie eine große Erleichterung.

"Ein Ort, an dem wir frei sind"

Der Weg nach Deutschland war für Mutter und Tochter kompliziert: Erst mussten sie aus Afghanistan in den Iran flüchten. Dort konnten sie ein Visum für die Einreise nach Deutschland bekommen. Nach wenigen Monaten im Iran kamen sie dann mit ihrer engsten Familie nach Bonn. Hier wohnen sie gemeinsam in einer Wohnung. Doch Verwandte, Freunde, ihre Heimat und viele Erinnerungen mussten sie zurücklassen.

An der Universität Bonn erleben die beiden jetzt einen Alltag, der für viele Studierende und Hochschulangehörige selbstverständlich ist. Doch für Shazia fühlt er sich bis heute außergewöhnlich an - ihr Sicherheitsgefühl ist hier zum Beispiel ganz anders als in Afghanistan. Ihre Erfahrung dort: "Man betritt ein Gelände mit hohen Mauern, wird durchsucht. Frauen und Männer werden getrennt. Hier hingegen kann man ganz entspannt und frei direkt ins Büro gehen. Das gibt mir ein sehr gutes Gefühl. Ich hatte das Gefühl, an einen Ort gekommen zu sein, an dem wir frei sind."

"Schönster Moment meines Lebens"

Dass sie heute wieder wissenschaftlich arbeiten kann, beschreibt Shazia Aslami als großes Privileg. Gleichzeitig denkt sie oft an ihre Kolleginnen in Afghanistan, die ihre Forschung und Lehre aufgeben mussten. Einige konnten mit Stipendien ins Ausland gehen. Viele andere warten bis heute darauf, ihr Studium oder ihre wissenschaftliche Arbeit wieder aufnehmen zu können.

"Wenn man mich fragt, was der schönste Moment meines Lebens war, dann sage ich: Die Zeit, als ich im Klassenzimmer stand und Mädchen und Jungen unterrichtete." Shazia Aslami geht jetzt wieder jeden Morgen zur Universität. Nicht in Kabul, sondern in Bonn. Gemeinsam mit ihrer Tochter Maryam.

Unsere Quellen:

  • Gespräch mit Shazia Aslami
  • Gespräch mit Maryam Mallekzada
  • UN Bericht zu der Lage in Afghanistan
  • Beobachtungen der Reporterin vor Ort

Sendung: WDR.de, In Bonn dürfen Mutter und Tochter sich endlich wieder weiterbilden, 13.08.2026, 5.03 Uhr

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