Fast fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban bleibt die Lage von Frauen und Mädchen in Afghanistan prekär. Mädchen dürfen keine weiterführenden Schulen besuchen. Frauen sind in weiten Teilen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen und ihr öffentlicher Alltag ist durch zahlreiche Verbote eingeschränkt. Internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen sprechen von einer systematischen Entrechtung von Frauen.
Vor dem afghanischen Konsulat in Bonn versammeln sich am Dienstag rund 40 Demonstranten, um auf diese Situation aufmerksam zu machen. Auf ihren Plakaten steht unter anderem: "Kein Deal mit den Taliban“, "Afghanistan ist nicht sicher“ und "Schule für afghanische Mädchen“. Hintergrund des Protests ist auch, dass offenbar mittlerweile Vertreter der Taliban im Bonner Konsulat tätig sind und dort diplomatische Aufgaben wahrnehmen.
Demonstrierende möchten anonym bleiben
Ein Demonstrant, der aus Angst vor möglichen Konsequenzen anonym bleiben möchte, hält ein Plakat mit der Aufschrift "Wohlstand, Freiheit, Einheit“ in den Händen. Für ihn geht es bei der Kundgebung um die Zukunft der Frauen in Afghanistan.
"Ich bin hier, um die Rechte der Frauen in Afghanistan zu verteidigen. Frauen dürfen dort weder studieren noch arbeiten. Sie sind durch eine radikal-religiöse Gruppe praktisch in ihren Häusern gefangen. Das sind unsere Schwestern und unsere Mütter. Wir wollen, dass sie frei sind.“
Vor dem afghanischen Konsulat in Bonn wird demonstriert
Auch eine junge Afghanin möchte ihren Namen nicht nennen. Sie sagt, die Präsenz der Taliban im Bonner Konsulat löse selbst bei Afghaninnen in Deutschland Angst aus.
"Seitdem die Taliban hier im afghanischen Konsulat sind, haben weder wir Frauen hier in Deutschland noch die Frauen in Afghanistan Frieden. Ich kann nachts nicht schlafen, weil ich Angst vor ihnen habe.“
Solidarität mit Frauen in Afghanistan
Ute Sentker aus Düsseldorf ist Teil der Demo
Unter den Demonstrierenden fällt Ute Sentker aus Düsseldorf auf. Sie ist eine der wenigen deutschen Teilnehmerinnen, die extra für die Kundgebung nach Bonn gekommen ist. Auf ihrem weißen T-Shirt stehen die Worte "Freiheit“ und "Bildung“, auf den Ärmeln der Satz "Ich will studieren“ – eine Anspielung auf das Schul- und Studienverbot für Frauen in Afghanistan.
Ich bin eine deutsche Frau. Ich habe meine Menschenrechte und darf alles machen. Diese armen Frauen haben das nicht. Deshalb muss man auf die Straße gehen. Ich verstehe nicht, warum hier nicht viel mehr deutsche Frauen stehen. Ute Sentker, Demo-Teilnehmerin
Mitarbeiter des Konsulats schweigen
Während auf der einen Straßenseite demonstriert wird, läuft der Betrieb im afghanischen Konsulat auf der anderen Seite weiter. Gesprächsbereit ist dort niemand.
Ein Besucher, der gerade das Konsulat verlässt, erzählt, er sei bereits zum dritten Mal dort, um seinen Pass verlängern zu lassen. "Ich bin gezwungen, hierherzukommen. Ich brauche meinen Ausweis. Das heißt aber nicht, dass ich auf ihrer Seite stehe. Die Demonstration ist gut und wichtig.“
Nachbarn sind verunsichert
Auch in der Nachbarschaft sorgt die Situation offenbar für Verunsicherung. Ein Anwohner, der anonym bleiben möchte, beobachtet die Kundgebung aus einiger Entfernung. Er beschreibt die Atmosphäre seit dem Einzug der Taliban-Vertreter als angespannt. "Viele Nachbarn haben Angst, weil wir gar nicht wissen, wer dort ein- und ausgeht. Niemand erklärt uns, wie wir die Situation einordnen sollen."
Die Demonstranten fordern von der Bundesregierung, den Kontakt zu den Taliban nicht weiter auszubauen und Frauenrechte bei allen Gesprächen mit Afghanistan in den Mittelpunkt zu stellen.
Ihre Botschaft vor dem Konsulat ist eindeutig: Solange Frauen und Mädchen in Afghanistan grundlegende Rechte verwehrt werden, dürfe es keine politische Normalisierung mit den Taliban geben.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Demonstranten und Anwohnern
- Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
Sendung: WDR 2 Rheinland, Lokalzeit, 07.07.2026, 15:31 Uhr
