Wolfgang Jöst ist in den 70er Jahren nach Bochum gekommen.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzAntiquariat "Ubu" : Ein Bochumer Laden voller Geschichten
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Im Antiquariat "Ubu" in Bochum stapeln sich die Bücher bis unter die Decke. Seit 40 Jahren führt Wolfgang Jöst seinen Laden. Ein Besuch in Bochums wohl vollstem Antiquariat - über Nachlässe, "Mein Kampf"-Ausgaben und die Frage, wie lange es "Ubu" noch geben wird.
Als ich die Buchhandlung "Ubu" betrete, muss ich den Besitzer des Ladens erst einmal suchen. Überall stapeln sich Bücher. Die Gänge sind schmal und die Regale hoch gebaut. Egal wohin man schaut: Bücher.
Doch dann finde ich ihn: Wolfgang Jöst. Hinter einer Halbwand aus Büchern, die er um einen Holzschreibtisch gestapelt hat, steht der 76-Jährige in einem schwarzen Achselshirt, über das er Hosenträger gezogen hat, in Flipflops.
100.000 Bücher, schätzt Jöst
Es ist ein heißer Tag im August. Im "Ubu" sorgen die Bücher im Schaufenster und der blaue Lamellen-Vorhang für genug Schatten und dass es angenehm kühl bleibt - obwohl die Sonne von außen direkt in den Laden scheint.
Jöst grinst. Er legt die Zeitung, die er gerade in der Hand hält, auf den Schreibtisch und bietet mir an, dass wir uns nach draußen setzen. Hier drinnen gibt es wirklich kaum Platz für zwei Stühle - so eng sind die Bücher gestapelt.
Im Laden stapeln sich die Bücher auch vor den Regalen.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzSchon immer auf der Universitätsstraße in Bochum
Seit 1986 betreibt Jöst seinen Buchladen "Ubu" in Bochum, seit genau 40 Jahren. Schon immer lag der Laden an der Universitätsstraße, direkt am Hauptbahnhof. Nur die Hausnummer hat über die Jahre zwei Mal gewechselt, weil der Platz zu klein wurde oder sich die Miete erhöht hatte.
Sein Lebenstraum war eigentlich ein anderer. Jöst, der in Baden-Württemberg aufgewachsen ist, kam in den 70er Jahren für das Studium nach Bochum. Er wollte Psychologie studieren. Lange hielt es ihn dort aber nicht.
1986: Der erste eigene Laden
Er sei an der Statistik gescheitert, erzählt er mir, und wechselte nach kurzer Zeit zu Kunstgeschichte, Philosophie und Archäologie. Irgendwann drängten ihn seine Eltern, wie Jöst sich erinnert: "Du müsstest mal gucken, dass du langsam fertig wirst. Wir können dir dein Studium nicht dauerhaft finanzieren."
Und so suchte sich Jöst einen Job. Fündig wurde er in der "Politischen Buchhandlung" in Bochum nahe der Universität. Hier begann seine Leidenschaft für Bücher.
Kaum ein Buch hat er selbst gekauft
Er verkaufte sie nicht nur, sondern sammelte sie auch. Nach einer Weile wurden die Stände, um die Jöst sich kümmerte, geschlossen. Das sah er als Chance für seine eigene Buchhandlung. So entstand "Ubu" - benannt nach einem französischen Theaterstück.
"Ich habe im Grunde aus meinem Hobby einen Beruf gemacht." Wolfgang Jöst, Buchhändler
Am Anfang hatte Jöst noch Bücher selbst gekauft. Schnell merkte er aber, dass er das gar nicht brauchte. Von Bekannten und der Kundschaft wurden ihm immer mehr Bücher geschenkt oder günstig verkauft. Private Nachlässe füllten seine Regale, oft von alten Menschen, die ins Altersheim mussten.
Wenn die Kinder das Erbe nicht wollen
Er habe zum Beispiel mal ein christliches Buch aus dem 17. Jahrhundert von einer alten Frau übernommen. Ihr Mann hatte das Buch aus einer Klosterbibliothek. "Die Nachfahren wollen das oft gar nicht haben, was ihre Eltern ihnen vererben. Das ist für die eine Last, keine Freude", sagt er.
Das Theaterstück "Ubu" hat Wolfgang Jöst immer griffbereit.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzDoch weil er der Meinung sei, dass man Bücher nicht wegschmeiße, bekommen sie im "Ubu" ein neues zu Hause und werden hier weiter verkauft. Manche alte Bücher können mehrere hundert Euro kosten, andere nur zehn. Neuere, aber gebrauchte Bücher verkauft er häufig unter dem üblichen Handelspreis.
Erst recherchieren, dann verkaufen
Mir kommt es so vor, als würde Jöst fast jedes der unzähligen Bücher kennen, die sich hier stapeln - und auch ihre Autorinnen und Autoren.
Die Bücher, die bei ihm landen, recherchiere er zuerst: "Wenn ich Bücher reinkriege und nicht weiß, wer dieser Autor ist, dann gucke ich vielleicht in die Wikipedia. War dieser Autor ein Nazi oder ist der ganz in Ordnung?"
Danach entscheidet er auch, was er verkauft und was er lieber "zum Verschenken" auf die Stufen vor seinem Laden stellt. Manches sortiert er konsequent aus: "Bei Christlichem schaue ich, dass ich das loswerde. Ich habe auch überhaupt keine Lust auf irgendwelche Nazi-Literatur."
200 Euro für ein Nazi-Erbstück
Ganz so einfach ist die Trennlinie aber nicht: Auch mehrere Ausgaben von Hitlers "Mein Kampf" führt er - darunter Standesamtausgaben, die Neuvermählte in der NS-Zeit vom Staat geschenkt bekamen. Eine solche Ausgabe kostet bei ihm 200 Euro.
Jöst, der sich politisch eher links sieht, habe vor etwa zehn Jahren auch schon einmal Besuch von der Polizei bekommen. Er habe im Schaufenster zu viele Bücher ausgelegt, die ein Hakenkreuz zeigen - schließlich sei er geschichtlich interessiert.
Der Polizei erklärte er, dass diese gegen die NS-Zeit seien und zur Aufklärung dienen. Trotzdem musste der Buchhändler sein Schaufenster schließlich umsortieren.
Jedes Genre findet bei "Ubu" seinen Platz
Heute finde ich nur noch eine Broschüre der Stadt Bochum im Schaufenster, auf der ein Hakenkreuz zu sehen ist mit der Aufschrift "Leidens-Wege in Bochum". Auch sonst ist das Schaufenster ziemlich politisch: ein Plakat der Linken aus Bochum, Flyer gegen Krieg und die Wehrpflicht.
Direkt daneben liegen Kinderbücher aus den 1930er-Jahren, wie die Reihe "Pucki" über das Leben der Tochter eines Försters von Magda Trott.
"Ubu" liegt direkt hinter dem Bochumer Hauptbahnhof.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzKonkurrenz macht Jöst vor allem das Internet
Über die 40 Jahre habe Jöst gemerkt, dass die Leute heute Bücher anders kaufen als in den 80ern. "Die kaufen sich genau das Buch, was sie bauchen - zum Beispiel für ein Uni-Seminar, und nicht mehr." Sammlerstücke, wie man sie bei "Ubu" findet, finden immer seltener neue Besitzer.
Über die Finanzen mache er sich trotzdem kaum Sorgen. Auch, weil er das Haus seiner Mutter vermiete - darüber kann er die Ladenmiete gut finanzieren und muss nicht auf die Verkaufszahlen schauen.
Einzelkämpfer seit 40 Jahren
Ob und wie lange es die Buchhandlung "Ubu" noch geben wird, weiß Jöst selbst noch nicht genau: "Ich frage mich auch, wie lange geht das noch." Das Bücher-Heben und Klettern auf Leitern falle ihm immer schwerer. "Das ist schon beschwerlicher geworden."
Vorerst aber führt Jöst seinen Laden weiter, sortiert Bücher und erzählt Kundinnen und Kunden die Geschichten hinter den Einbänden. Genau wie mir. Damit macht er genau das, was im Buchhandel immer mehr verloren geht - doch genau dafür schätzt ihn seine Kundschaft.
Unsere Quellen:
- Interview mit Wolfgang Jöst
- Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, Ein Bochumer Laden voller Geschichten, 09.08.2026, 08.01 Uhr